Wasserwirtschaft 05.12.2003, 18:27 Uhr

Zu viel Schwermetall im Glas

Trinkwasser in Deutschland enthält zu viel Uran, warnen Forscher. Einen Grenzwert für das Schwermetall gibt es nicht. Man weiß aber, dass Uran bei überhöhter Dosis langfristig Nierenkrebs verursachen kann. Experten fordern nun die Einführung eines Uran-Grenzwertes in Mineral- und Leitungswasser und die Angabe des Schwermetallgehaltes auf den Etiketten.

Jedes fünfte Mineralwasser in Deutschland enthält zu viel Uran, gemessen am Richtwert der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2 µg/l. „Teils werden die Uranwerte bis ums Zehnfache überschritten“, berichtet Professor Ewald Schnug von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig. Er hat kürzlich mehr als hundert Mineralwässer europaweit untersucht. Seine Ergebnisse decken sich mit den Daten anderer Studien.
Für das Leitungswasser gibt es hierzulande bislang keine flächendeckenden Analysen. Stichproben deuten darauf hin, dass im Wasser aus dem Hahn der Uranwert deutlich seltener überschritten wird. In einzelnen Regionen sind jedoch ebenfalls Spitzengehalte vom zehn- bis zwanzigfachen des WHO-Richtwertes veröffentlicht worden.
Die Strahlung des Urans führte Forscher lange Jahre in die Irre: Natürliches Uran strahlt nur schwach und gefährdet die Gesundheit nicht nennenswert – demnach wurde es nie kritisch beäugt. Erst in den vergangenen zehn Jahren machte es schlecht von sich reden – als giftiges Schwermetall, und als Verunreinigung im Wasser.
Weder für Trinkwasser noch für Mineralwässer besteht in Deutschland derzeit ein Grenzwert. Auf den Flaschen muss der Gehalt nicht angegeben werden. Und das, obwohl eine amerikanische Studie aus den 90er Jahren belegt, dass eine ständige Belastung durch Uran im Wasser die Zahl der Nierenkrebsfälle erhöht.
Uran reichert sich ähnlich wie Blei im Körper an, ist jedoch giftiger. Lange Jahre stand alleine die Radioaktivität im Blickpunkt. Zu Unrecht: „Die Radioaktivität natürlichen Urans ist vernachlässigbar gegenüber der Gesundheitsgefährdung durch seine Wirkung als Schwermetall,“ erklärt Schnug.
Der Forscher fordert dringend einen Grenzwert für Uran – sowohl für Leitungs- als auch für Mineralwasser. „Der Gesetzgeber muss hier reagieren“, pflichtet ihm sein Fachkollege Broder Merkel, Professor an der Bergakademie in Freiberg, bei.
Zudem sollten die Uran-Gehalte auf Wasserflaschen künftig auf dem Etikett angegeben werden, empfiehlt die Bundesanstalt für Landwirtschaft in einer Stellungnahme.
Im Umweltbundesamt (UBA), Berlin, ist das Problem bekannt, man verweist jedoch darauf, dass der Richtwert der WHO jüngst provisorisch auf 9 µg/l angehoben worden ist, den freilich einige Wässer dennoch überschreiten. „Uran ist kein flächendeckendes Problem, und wir können zudem davon ausgehen, dass niemand ein Leben lang das Mineralwasser ein- und derselben Marke konsumiert“, erklärt Dr. Dieter Hermann die Haltung des UBA. Derzeit warte die Trinkwasserkommission eine Studie aus dem Bundesland Sachsen ab. Sollte sich ein Zusammenhang zwischen Wasserkonsum und Nierenschäden bestätigen, werde man handeln, so der Experte.
Ein Großteil des Urans im Wasser stammt vermutlich aus natürlichen Quellen im Gestein. Dies erklärt, weshalb Mineralwässer im Schnitt höher belastet sind als Trinkwasser.
Die Quellen für Mineralwässer liegen erheblich tiefer: Sie sind teils bis zu 1000 m im Boden verborgen. Das Wasser passiert entsprechend viele Gesteinsschichten, die besonders in vulkanischen Gebieten und Gebieten mit Graniten erhöhte Werte an Radionukliden, besonders Uran und Radium, enthalten.
„Besonders hoch sind die Gehalte des Schwermetalls im Trinkwasser, wenn es aus der Nähe von Uranbergbaustätten kommt. Oder auch in der Umgebung einer Wiederaufbereitungsanlage in Hessen“, so Prof. Merkel. Problematisch sei die Situation beispielsweise in einigen Regionen Sachsens: Hier sickert Uran aus aufgelassenen und gefluteten Bergwerken in Grund- und Oberflächenwasser.
In jüngster Zeit werden noch weitere Quellen für die Uranverseuchung diskutiert: So ist Phosphatdünger oft mit Uran verunreinigt. Nur wenige Hersteller entfernen das Schwermetall, obwohl es technisch längst möglich ist. „Es ist teuer und wird von den Firmen nur dann gemacht, wenn sie das Uran verkaufen können“, schilderte Merkel.
Die Uranwerte in deutschen Flüssen und Seen sind so über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich angestiegen. Sie alle enthalten mehr Uran, als die Mediziner der WHO in ihrem Richtwert empfehlen. Das belastete Wasser schwemmt das Uran in die Böden – auch dort steigen die Werte. Langfristig werde das die Konzentrationen im Trinkwasser oder in Mineralwässern weiter steigen lassen, prophezeien Experten. Der weltweit einzige unbelastete Fluss ist der Amazonas. SUSANNE DONNER

Ein Beitrag von:

  • Susanne Donner

    Susanne Donner ist studierte Chemikerin und schreibt als Wirtschaftsjournalistin über Technik- und Medizinthemen u.a für die Wirtschaftswoche, GEO, FAZ und ingenieur.de.

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