Energie 16.12.2005, 18:41 Uhr

Zeitenwende: Gülle statt Gas  

Die Erdöl- und Gasfelder im Nordwesten Deutschlands. Rund 800 Mio. m3 Erdgas wurden in Deutschland bisher gefördert. Doch die Vorräte neigen sich dem Ende zu. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe geht zu Ende, das Bioenergie-Zeitalter beginnt. Besichtigung einer Zeitenwende.

Selbst der Marktplatz ist in Wildeshausen nicht mehr sicher vor den Exploratoren der ExxonMobil. „Wir müssten bald auf Sauergas stoßen“, sagt Franz Straßer, Bohrleiter und seit 26 Jahren als Erdöl- und Erdgassucher im Dienste von Exxon unterwegs. Hinter ihm brüllt der Förderturm: Ein Ungetüm, knapp 60 m hoch, auf dem ein Dutzend Männer in verschmierten Blaumännern Rohr um Rohr in der Tiefe versenken. Mehr als 4 km oder 185 t Bohr-Gestänge muss der große Haken in der Turmspitze heben und senken.

Straßer, der Bayer, zieht mit der Maschine durch den Norden Deutschlands wie ein Zirkusdirektor mit seinem Zelt. Vor allem in Vechta, Oldenburg, im Emsland, Cloppenburg oder Diepholz, den erdgashöffigen Kreisen des Nordwestens. Gut 120 Tage geht die Vorstellung wird rund um die Uhr in drei Schichten gebohrt, gespült und betoniert. Jetzt sind es nur noch wenige Meter bis zu dem Gasreservoir, das fast 3800 m unter Buntsandstein, Tonstein, Muschelkalk, Keuper und dem Marktplatz von Wildeshausen liegt. Der Job, sagt Straßer, wird immer aufwändiger. Niedersachsen ist so ausgeblutet, dass auch die schwierigen Lagen angezapft werden. Einst gab es hier offene Teerkuhlen an denen „Satanspech“ aus der Erde quoll, Öl galt als Heilmittel: „Täglich drei Löffel einnehmen, dies ist die edelste Feuchtigkeit, die hilfft, wann die Nerven vertrucknet“ – rieten Quacksalber damals.

Inzwischen ist die Ölförderung vom Festland auf die Nordsee ausgewichen. An Land sind seit den 60er Jahren aus Ölsuchern Gassucher geworden. Doch auch diese Quellen werden in 20 bis 25 Jahren versiegen.

Hinter dem Hof von Gerd Hespe-Meier drehen sich acht Windmühlen mit einer Leistung von je 1,3 MW. Auf einem Dach glitzern Solarzellen im Novemberlicht, und der Bauer schafft auf einem Radlader Silage in die Biogasanlage. Die Windräder stehen gleich gegenüber dem Gasbohrturm von ExxonMobil. „Der stört hier niemanden“, sagt Bauer Hespe-Meier. Der Bohrturm mit den Mischsilos, Materiallagern und Baucontainern braucht gerade mal den Platz von zwei Fußballfeldern. Ist die Bohrphase vorbei, bleibt nicht mehr übrig als eine kleine Fördersonde und eine Gasfackel hinterm hohen Zaun.

Dennoch hätte ExxonMobil früher nicht unter dem Marktplatz von Wildeshausen nach Gas bohren können. So verzweifelt ist die Lage noch nicht, dass Niedersachsen einen mittelalterlichen Stadtkern samt Rathaus und Bahnhof für ein paar Kubikmeter Gas opfern würde. Die Erdölfirmen haben seit den 90ern die Horizontalbohrungen entwickelt. Dabei bohren sich die Meißel erst einige hundert Meter senkrecht in den Boden und schwenken dann ab: Der Bohrer am Ende des Bohrgestänges lässt sich so einstellen, dass das senkrechte Bohrloch immer mehr in die Waagerechte übergeht. In Wildeshausen hat Franz Straßer seinen Bohrturm darum 2,2 km südlich aufgebaut. Nicht im Stadtzentrum, sondern auf einem Acker.

Der Haken: Horizontalbohrungen sind teuer. Statt der 10 Mio. €, die ExxonMobil für eine senkrechte Tiefbohrung rechnet, kostet die abgelenkte Bohrung 16 Mio. €. Dazu kommt, dass immer mehr Gas in Steinen gespeichert ist, aus deren Poren es nicht freiwillig abfließt. Ähnlich wie in der Geothermie, wird darum eine Öl-Wasser-Sand-Emulsion mit bis zu 1000 Bar in die Tiefe gepresst, die Risse im Gestein erzeugt. Wenn der Druck nachlässt, bleibt der Sand in den Rissen hängen und hält sie offen. Durch das Sandbett strömt das Gas aus dem Gestein.

Der Anstieg der Kosten wurde in den vergangenen Jahren durch die Preisexplosion bei Öl und Gas ausgeglichen. Doch im vergangenen Jahr gab es drei Bohrungen auf der Suche nach neuen Feldern. Keine wurde fündig. Lediglich Erweiterungsbohrungen von vorhandenen Reservoirs aus bringen noch zusätzliche Kohlenwasserstoffe zu Tage. Die Gasförderung geht zurück: Zuletzt um 8 %. Die Reserven sinken schneller, als die Ausbeutung voran schreitet.

Auch die Bauern, die bisher Pachten für Erdasleitungen und Bohrungen auf ihren Feldern kassierten, stellen sich um. Wenn man Gerd Hespe-Meyer fragt, wovon er als Bauer lebt, dann sagt er „Biogas“. Hespe-Meyer betreibt zusammen mit drei Landwirten aus seinem Dorf Düngstrup seit vier Jahren eine Biogas-Anlage mit einem 310 kW-Blockheizkraftwerk.

Aber viel Gutes will er über seine Bunker und Silos nicht sagen: Der Einstieg war steinig. „Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen der Ingenieure hätten alle die Note 6 bekommen.“ Für die Überholung des BHKW habe man 40 000 € ausgeben müssen die Rührwerke musten getauscht werden, und die Arbeit an der Anlage sei auch nicht berechnet worden. Das Beladen, Betreiben und die Anlieferung von Hühnerdreck, Schweinegülle und Rindermist finanziert eine halbe Stelle – Hespe-Meyer macht den Job. Die drei Mitgesellschafter entsorgen Gülle und Mist hier und verkaufen der eigenen Anlage gelegentlich Mais als Zuschlagstoff. Ihre Biogas GmbH kommt am Ende des Jahres kaum über eine schwarze Null. Aber intern machen die Bauern gute Geschäfte mit sich selbst. Nur sagen sie das nicht so laut.

So langsam wie das Gas in Niedersachsen zu Ende geht, so langsam setzt sich auch die Idee des Energiewirtes durch. Unter Wildeshausen rechnen die Leute von ExxonMobil mit mehr als 100 Mio. m3 Erdgas. So bleiben noch ein paar Jahre, alle 60 000 Bauern in Niedersachsen vom Biogas zu überzeugen. Für Mais als nachwachsenden Rohstoff bekommen Landwirte zur Zeit 18 €/t oder 800 € für den Hektar-Ertrag. „Das bekomme ich in Vechta schon allein, wenn ich mein Land für den Anbau von Erdbeeren verpachte“, sagt Hespe-Meyer. Inzwischen betreibt auch Hespe-Meyers Nachbar eine Biogasanlage und setzt fast ausschließlich Feldfrüchte ein. Hespe-Meyer sagt schmunzelnd: „Ich habe ihm auch schon Mais geliefert.“

So unrentabel scheint die Energielandwirtschaft dann doch nicht zu sein. MARCUS FRANKEN

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  • Marcus Franken

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