Kernenergie 18.06.1999, 17:21 Uhr

Zeitbomben in der Ukraine

In der ukrainischen Energiewirtschaft macht der Mangel an Geld Sicherheitstechnik unmöglich, das bestätigt jetzt auch eine interne Studie der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit.

Manchmal platzt auch einem Präsidenten der Kragen. Der ukrainische Staatschef Leonid Kutschma wettert gegen unsaubere Methoden in der Stromwirtschaft. „Der Energiesektor wird derzeit von kriminellen Elementen beherrscht“, schimpft Kutschma. Die Fachzeitschrift „atomwirtschaft – atomtechnik“ (atw) hat Kutschma mit diesen markigen Worten zitiert. Vor allem die Finanzierung des nuklearen Sektors stehe auf wackligem Fundament, notwendige Reparaturarbeiten an den alten russischen Meilern des Typs WWER ließen sich kaum noch finanzieren.
Andere, wie der Geschäftsführer der Krefelder Gießerei Siempelkamp, Manfred Sappok, warnen vor einer Fertigstellung der beiden Reaktoren Khmelnizki-2 (K2) und Rowno-4 (R4). „Das technische Risiko ist viel zu groß. Der Westen sollte die Finger davon lassen“, meint Sappok, der in den vergangenen Jahren häufiger in der Ukraine gewesen ist. Die gesellschaftliche Krise habe voll auf den Betrieb der Kernkraftwerke durchgeschlagen. Bis zu sechs Monate warten die Techniker in den KKW auf ihren Lohn, die Mannschaften seien völlig unmotiviert. „Unser Lohn ist symbolisch, und unsere Arbeit ist es auch“, zitiert atw einen Arbeiter im Kernkraftwerk Südukraine.
Der rheinische Gußbetrieb stellt für die deutschen KKW-Betreiber Castor- und Mosaik-Behälter her. Mit einem patentierten Schmelzverfahren wollte Sappok auch in Tschernobyl landen, dort verstrahlten Eisenschrott einschmelzen und zu Endlagerbehältern weiterverarbeiten. Daraus wurde bislang nichts, weil Bonn das Projekt nicht finanziell unterstützen will. Dabei geht es „nur“ um 35 Mio. DM, für die Bonn mit Hermeskrediten geradestehen müßte. Sappok kennt sich in der ukrainischen Energielandschaft aus: „In Deutschland kann sich kein Mensch ein Bild von den chaotischen Zuständen dort machen.“ Es fehle einfach Geld zum Ausbau der Sicherheitstechnik. Die Meiler seien allesamt tickende Zeitbomben.
Zu einem ähnlich vernichtenden Ergebnis kommt eine interne Studie der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Berlin. Das Papier enthält jede Menge Sprengstoff. Allein die Bestandsaufnahme über die aktuellen Probleme auf dem Energiesektor der Ukraine versprechen nichts Gutes, falls sich der Westen tatsächlich zum Weiterbau der ukrainischen Atommeiler K2 und R4 durchringen sollte.
„Vor dem Hintergrund des allgemeinen wirtschaftlichen Rückgangs zeichnet sich eine tiefe Krise in der Energiewirtschaft der Ukraine ab“, heißt es lapidar. Besonders heikel sei die Tatsache, daß die „staatlichen Strukturen die Kontrolle über die Situation in der Produktion und bei der Verteilung der elektrischen Energie mehr und mehr verlieren“. Eine nüchterne Bestandsaufnahme, die nach Ansicht vieler westlicher Experten erhebliche Risiken in sich birgt. Der Bau der beiden KKW-Blöcke in Rowno bzw. Khmelnitzki wird die Lage nicht verbessern.
1998 haben alle Kraftwerke der Ukraine insgesamt 172 Mrd. kWh Strom erzeugt – 3 % weniger als im Vorjahr. Der Anteil des Atomstroms machte 43,7 % aus. Nach Angaben des Ministeriums für Energiewirtschaft, Minenergo in Kiew, betrugen die Herstellungskosten für Atomstrom präzise 1,53 Pf/kWh. Kein Wunder, daß deutsche Stromkonzerne wie das Bayernwerk und RWE allein schon deswegen über Stromlieferungen aus der Ukraine via Rußland laut nachdenken. Nur dafür müßten erst einmal stabile Lieferbedingungen geschaffen werden. Die existieren heute überhaupt nicht.
Und noch etwas: Bei den Herstellungskosten in den 14 ukrainischen Atommeilern an fünf Standorten sind keine Rücklagen ausgewiesen, die für die Stillegung der Reaktoren irgendwann fällig werden. Außerdem gibt es nach Angaben der GRS-Studie keine finanziellen Polster für die Entsorgung nuklearer Abfälle oder irgendwelche Reserven „für die Entschädigung im Falle eines nuklearen Schadens“.
Weit unter westlichem Standard ist die Verfügbarkeit des gesamten Kraftwerks-parks. Im vorigen Jahr lag sie durchschnittlich bei schlappen 36,6 %. Man fragt sich allen Ernstes, wie es die Ukraine schaffen will, davon noch Strom für RWE & Co. abzuzwacken. Die Atommeiler hatten eine europaweit niedrige Leistungsbereitschaft von nur 67 %. Der Grund: Notreparaturen an drei Meilern. Weil kein Geld da war, verlängerten sich die Stillstandszeiten, weniger Strom floß ins Netz. Insgesamt kam es 1998 in den Reaktoren zu 73 Störfällen.
„Das Defizit an real erzeugten Leistungen hatte zur Folge, daß sich die Stromfrequenz im Netz fast während des gesamten Jahres 1998 innerhalb der Grenzen von 49,2 Hz – 49,4 Hz bewegte (bei einer Normvorgabe von 50 Hz)“, heißt es in dem GRS-Report. Aus diesem Grund kam es regelmäßig zu Netzunterbrechungen in der Ukraine und Rußland. Daher wurde es zur gängigen Praxis, einfach die Verbraucher abzuschalten. So wurden im November 1998 beispielsweise täglich Verbraucher mit einer Gesamtleistung von 3500 MW einfach vom Netz geknipst. Übrigens das Problem ist auch auf den Chefetagen von RWE und Bayernwerk bekannt – so schnell wird also kein Atomstrom von Ost nach West fließen.
MICHAEL FRANKEN
Greenpeace demonstrierte schon im März dieses Jahres dagegen, der Ukraine weitere Kredite für neue Kernkraftwerke zu genehmigen. Nun scheint auch die deutsche Regierung davon überzeugt.

 

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