Windkraft 31.05.2002, 18:20 Uhr

Wolken über Offshore-Windparks

Die Windkraft über dem Meer gilt als das Wundermittel für eine saubere Energieerzeugung der Zukunft. Doch die Nutzung des stürmischen Potenzials ist teuer – zumal auch das Stromnetz massiv modernisiert werden muss .

Der Wind über der Nord- und Ostsee bläst mit großer Kraft. Die Startnummern für seine Nutzung sind vergeben. Insgesamt warten 29 Anträge zum Bau von Windparks auf dem Meer (Offshore) auf die Genehmigung des Hambuger Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie. Würden alle realisiert, entstünde eine Kraftwerksleistung von 60 000 MW. Das wäre das Zweieinhalbfache aller derzeit arbeitenden deutschen Kernkraftwerke – es lockt ein Investitionspotential von über 50 Mrd. $.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Damit sich die hohen Investitionen auf See auch rechnen, müssen sich auf offenem Meer Windturbinen drehen, die es bisher noch gar nicht gibt. „Unter 5 MW Leistung brauchen wir nicht anzufangen“, sagt etwa Achim Ernst, Planungsleiter Offshore bei der Winkra Energie GmbH in Hannover. Die staatlicherseits garantierte Vergütung für die Einspeisung des Windstromes in das Stromnetz würde bei kleineren Maschinen wegen des geringeren Ertrages die Kosten nicht decken. Ernst geht davon aus, dass eine erprobte 5-MW-Turbine aber erst 2005 zur Verfügung steht. Die Vergütung liegt dann bei 8,6 Cent je kWh Strom.
Dagegen will der Hamburger Windkraftanlagenbauer Repower AG die erste 5-MW-Maschine schon 2004 ins Wasser holen. Darauf hofft z.?B. die Prokon Nord Energiesysteme GmbH im ostfriesischen Leer, die die erste und bisher einzige bundesweite Genehmigung zum Bau eines Pilotprojektes in der Nordsee im November 2001 erhalten hat. Im Jahr 2004 soll mit dem Bau von 12 Anlagen begonnen werden.
Neben den Maschinen macht den Planern die Frage zu schaffen, wie die riesigen Windkraftanlagen im Meeresboden verankert werden sollen. Denn die derzeit schon bestehenden Offshore-Windparks vor den Küsten Schwedens und Dänemarks stehen – in Sichtweite der Küsten – gerade einmal in 5 m bis 7 m Wassertiefe. Die geplanten deutschen Projekte sollen aber in 20 m bis 40 m Tiefe aufgestellt werden. „Da hat noch niemand Erfahrung“, sagt Ekkehard Overdick, dessen Hamburger Ingenieurbüro bereits an den Planungen für Offshore-Parks beteiligt war.
„Die Nordsee ist eines der rauesten Meere der Welt. Hier müssen besonders hohe Sicherheitsstandards eingehalten werden, damit die Anlagen nicht einknicken wie Strohhalme“, gibt Overdick zu bedenken. Schließlich sollen die Windkraftanlagen mindestens 25 Jahre Strom erzeugen. Dabei müssen sie auch Jahrhundertwellen, die die Höhe von achtstöckigen Hochhäusern erreichen können, standhalten.
Die Kosten, so Overdick, habe aber bisher niemand durchgerechnet. So bezweifelt der Diplom-Ingenieur, dass die im Markt genannten Investitionszahlen von 1,0 Mio. bis 1,5 Mio. $ pro Anlage für die Fundamente ausreichten. „Für eine sichere Verankerung in 25 m bis 40 m Tiefe in der Nordsee müssen inklusive der vorzuhaltenden Rückbaukosten noch einmal 20 % bis 30 % aufgeschlagen werden.“
Dass die Kosten nicht überschaubar sind, monieren auch Banken. So sieht Claus Burghardt, Leiter Erneuerbare Energien bei der zur Deutschen Bank zählenden Deutsche Erneuerbare Energien GmbH im Offshore-Markt „zu viele Kostenfaktoren, die keiner überblicken kann. Es gibt niemanden, der derzeit einen echten Offshore-Park in der Nordsee mit 30 m Meerestiefe kalkulieren kann“.
Entsprechend hält sich auch die deutsche Versicherungswirtschaft zurück. Die Allianz etwa, die seit Jahren Policen für Windkraftanlagen an Land verkauft, lässt verlauten, dass keinerlei Offshore-Anlagen versichert würden. Sprecherin Christiane Lesch: „Daran ist auch in Zukunft nicht gedacht.“
Ein weiteres Problem stellen die fehlenden Netzkapazitäten für den Abtransport des Offshore-Stroms dar. „Das Stromnetz stammt in seiner Struktur noch aus dem vorletzten Jahrhundert“, sagt Martin Hoppe-Kilpper, Leiter der Forschungsabteilung Energiewirtschaft am Institut für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel, das zusammen mit der Energiewirtschaft ein Gutachten zum Offshore-fähigen Netz der Zukunft erarbeitet. „Es führt kein Weg an einem massiven Ausbau an Land vorbei.“ Denn die Großverbraucher des sauberen Windstroms von morgen sitzen z.?B. im Ruhrgebiet, rund 500 km von den Nordseeparks entfernt.
„Mit Investitionen von mehreren 100 Mio. $ für den Netzausbau ist zu rechnen“, sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur (Dena) in Berlin, die für die Bundesregierung die Offshore-Koordination übernimmt.
Wer diese Kosten tragen soll, ist derzeit noch ungewiss. Kohler zeigt sich optimistisch, dass die Energiewirtschaft, der auch die Netze gehören, selbst die Investitionen schultert. Noch bestehe kein unmittelbarer Handlungsbedarf. „Bis 2007 werden wir im Meer nicht mehr als 500 MW installiert haben“, so Kohler. „Dafür reichen die bestehenden Leitungen noch aus.“
Doch bevor der Strom überhaupt durch das deutsche Verbundnetz fließen kann, muss er zunächst an Land kommen. Dafür sind wiederum die Erbauer der Offshore-Parks verantwortlich. Prokon Nord rechnet allein für die Seekabel und den Anschluss mit einem Investitionskostenanteil von 30 %: Bei einem Gesamtvolumen von 125 Mio. $ sind das satte 37,5 Mio. $.
„Wir brauchen ein umfassendes Netzkonzept“, argumentiert daher Dena-Chef Kohler, damit nicht jeder Windpark seine eigenen Kabel an Land führt. Die Windparks, so Kohler, sollen auf See mit einander verknüpft und die Kabel sollen dann an drei Punkten ins Stromnetz geführt werden.
OLIVER RISTAU

Von Oliver Ristau
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