Windkraft 20.04.2007, 19:27 Uhr

„Wir haben hier ein Kleinod geschaffen“  

VDI nachrichten, Dardesheim, 20. 4. 07, moc – Seit ihre kleine Stadt mit Windkraft Geld verdient, können die Dardesheimer gar nicht genug davon bekommen. Während die Bundesregierung trotz Umweltbelastungen über neue Kohlekraftwerke nachdenkt, zeigt der kleine Ort am Harz, dass die Sympathien für regenerative Energien steigen, wenn die Bürger auch spüren, was sie davon haben.

Wir hatten hier letzte Nacht fast 40 Meter Wind in der Sekunde“, sagt Thomas Radach, während der Schotter des Feldwegs unter den Reifen seines Wagens wegspritzt. Der Windtechniker hält auf die größte Anlage zu, das mit 6 MW stärkste Windkraftwerk der Welt.

Hier oben auf dem Druiberg, dem Hausberg der kleinen Stadt Dardesheim in Sachsen-Anhalt, drehen sich 34 Windräder. Aber obwohl die Windräder das Stadtbild überragen, ist von Protest unten im Ort nichts zu spüren. Im Gegenteil, so Radach, „wir wollen noch mehr Anlagen“. Denn seit die Windräder den Wind auf dem Hausberg nutzen, sind Geld und Arbeitsplätze in die Stadt gekommen.

Davon profitiert auch Radach: Jeden Tag fährt er als verantwortlicher Techniker hoch auf den Berg, um die Windräder zu kontrollieren.

Dardesheim als Modell für die klimafreundliche Energieversorgung der Zukunft? Während der Ausbau der Windkraft in Deutschland weiter zurückgeht, sind etwa zwei Dutzend neue Kohlekraftwerke in Deutschland geplant. Gut 750 g CO2 je kWh emittieren diese Kraftwerke – und das für 30 bis 50 Betriebsjahre. Mit anspruchsvollen Klimaschutz-Zielen ist das nicht unter einen Hut zu bringen.

Zugleich aber bewilligt die Regierung in Sachsen-Anhalt – wie andere Bundesländer auch – kaum noch neue Flächen für die Windkraft. Nicht zuletzt deshalb, weil sich Bürgerinitiativen gegen die Verspargelung wehren.

In Dardesheim ist das anders. „Wir wollen noch sieben weitere Mühlen bauen und den Windpark auf 80 Megawatt erweitern“, so Thomas Radach. Mit Widerspruch muss er nicht rechnen, er kann sich auf die Unterstützung der Anwohner verlassen, auf das wohlwollende Kopfnicken des Bürgermeisters und das Lob der Politiker: „Das ganze Konzept ist zukunftsweisend“, sagt Bernhard Daldrup, Vize-Fraktionschef der CDU im Landtag.

Dabei ist Dardesheim ein Städtchen wie Hundert andere auch: Fachwerkhäuser, Marktplatz, Kopfsteinpflaster, Kirche, Schule. Der Ort duckt sich unter den Druiberg, auf dem jahrelang die Russen saßen und mit einer Radaranlage den Westen ausspionierten.

Ökonomisch ist das keine gute Ausgangslage. Der Ort liegt zudem abseits der großen Verbindungsstraßen und ist für Investoren deshalb wenig interessant.

Auch ein Windpark an sich ist noch kein Aufbruch: „Der Osten leidet darunter, dass er fast nur Parks von anonymen Investoren hat“, erklärt Daldrup. Viele Orte haben zwar gute Windverhältnisse, aber anstelle der Menschen vor Ort profitieren Finanzinvestoren.

Dardesheim musste sich also etwas anderes einfallen lassen. Vom Druiberg aus kann Thomas Radach weit in die grüne Ebene Niedersachsens hineinsehen. Schon vor 20 Jahren stand er hier mit seinem Vater, dem Schweißingenieur Karl Radach. „Was meinen Vater damals sah und was ihn faszinierte, war ein Windrad mit zwei Flügeln“, erinnert sich Radach junior.

Als Radach senior nach der Wende der Sache nachging, traf er die Brüder Heinrich und Josef Bartelt aus Georgsmarienhütte. Die beiden vertrieben schon damals Windkraftanlagen und so tat sich der Ost-Techniker mit den Kaufleuten aus dem Westen zusammen.

Bald darauf vermeldet die Lokalzeitung: „Karl Radach aus Dardesheim betritt Neuland.“ 1993 stand die erste Windturbine des Kreises auf dem Berg. Und die Brüder Bartelt begannen, in den Windpark über Dardesheim zu investieren.

„Die größte Schwierigkeit war es damals, die Leute hier zu begeistern“, erinnert sich Thomas Radach. Doch Radach senior und die Bartelts packten die Dardesheimer da, wo alle Gemeinden leicht zu packen sind: am Geldbeutel.

Bürgermeister Rolf-Dieter Künne ist ein hochgewachsener Mann, an ihm kommt man in Dardesheim nicht vorbei. Über 30 Jahre ist er im Amt. Im Wandschrank hinter ihm stehen Biergläser mit Stadtwappen.

Bei der Windkraft gingen Investoren und Gemeinde ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ein. Denn gegen den Willen der Stadtversammlung hätten die Bartelts ihren Windpark nicht bauen können.

Also wurden die Dardesheimer eingebunden: Viele Landwirte profitieren von den Pachten für das Gelände, auf dem die Windkraftanlagen stehen. Außerdem hat die Windkraft-Firma der Bartelts etliche Dächer in der Gemeinde gemietet und betreibt darauf Solaranlagen.

Aus der Vergütung für den Windstrom allein bekommt Dardesheim 50 000 € jährlich, der Betrag soll auf 100 000 € steigen. Und da die Windkraft-Firma ihren Sitz in Dardesheim gewählt hat, fallen hier ab 2011 auch Gewerbesteuern aus den Windkraft-Gewinnen an. Und die dürften, schätzt Bürgermeister Künne zuversichtlich, „über eine Million Euro hinausgehen“.

Sogar Arbeitsplätze sind entstanden. Die Firma Enercon, die die Windräder herstellt, hat eine Service-Station in Dardesheim eröffnet und beschäftigt zehn Mitarbeiter aus der Umgebung.

Künne wirkt mit sich und seinem Ort mehr als zufrieden. Und die Menschen in Dardesheim sind es auch, so sehr, dass sie die zunehmende Verspargelung kaum noch wahrnehmen. „Die sehen wir ja nicht“, sagt Künne. Der ganze Ort schaue nach Süden, und das Panorama des Harz sei nicht verbaut. Nun ja: Selbst aus Künnes Büro hat man einen guten Blick auf die Windräder.

Künne ist kein Grüner, nur Realist: „Wir müssen als intelligentes Volk unsere Ressourcen intelligent nutzen“, sagt er mit Pathos. Die Ressource von Dardesheim ist ein guter Wind und mit dem hat er noch viel vor: Er will Dardesheim zur „Stadt der erneuerbaren Energien“ machen.

Und das ist auch gut für die Stadt. Die Gelder aus dem Geschäft mit den erneuerbaren Energien fließen, um die Sache rechtlich abzusichern, an einen Förderverein. 30 % der Einnahmen gehen an die Vereine des Ortes, mit dem Rest wird die Stadt saniert. So profitieren alle.

„Viele Vereine sind so ausgeblutet, dass sie Strom und Wasser nicht mehr bezahlen können“, weiß Künne. Die Gelder aus den erneuerbaren Energien erhalten so das soziale Leben der Gemeinde. Und wenn die Stadt ihre Straßen, Plätze oder die Schule renoviert, dann wird jeder eigene Euro mit Landes- oder Bundesmitteln verdoppelt.

Doch das „ist erst der Anfang“ sagt Künne und holt seine Pläne für die Zukunft aus der Schublade. Die Hochschule Braunschweig hat vorgerechnet, dass Dardesheim sich auch mit günstiger Wärme aus einem eigenen Biogaswerk oder einem Holzofen versorgen könnte. „Mindestens das Neubaugebiet, ein Gewerbepark und Häuser im Ortskern schließen wir an das Nahwärmenetz an“, so Künne. Und mit der billigen Energie will er Betriebe und Einwohner nach Dardesheim locken.

Durch den Lamellenvorhang seines Zimmers sieht der Bürgermeister den Erfolg seiner Politik: die roten Dächer am frisch sanierten Dorfplatz. „Wir haben hier ein Kleinod geschaffen, das macht richtig Freude“, sagt er mit strahlenden Augen. M. FRANKEN

Ein Beitrag von:

  • Marcus Franken

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