Energie 05.06.2009, 19:41 Uhr

„Wir werden Forscher an die USA und Kanada verlieren“  

Die Minister für Umwelt und Wissenschaft von Baden-Württemberg nahmen in Ontario drei Tage lang die neue Energiepolitik Kanadas unter die Lupe – ihr Eindruck: Der frische Wind der Obama-Administration in den USA weht schon bis nach Toronto – und junge deutsche Forscher werden von Nordamerika stärker denn je angezogen. VDI nachrichten, Toronto, 5. 6. 09, rok

Kanadas industriestärkste Provinz Ontario hat eine weitreichende Kehrtwende in der Energiepolitik vollzogen. Am 14. Mai verabschiedete das Parlament der Provinz den Green Energy Act. Er soll erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen und Ontario zum Vorreiter für umweltfreundliches Wirtschaften in Nordamerika machen. Der Vorsitzende des Weltrats für Erneuerbare Energien, Hermann Scheer, bezeichnet das neue Gesetz als „einen historischen Meilenstein beim Übergang zu einem nachhaltigen Energiesystem in Nordamerika“.

Die Kanadier haben für den Green Energy Act starke Anleihen am deutschen Modell genommen, wie die Umweltministerin von Baden-Württemberg, Tanja Gönner, beobachtet: „Bei meinen Gesprächen an drei Tagen in Toronto haben alle deutlich gemacht, dass es von Bush zu Obama eine Veränderung gegeben hat und es besteht in Ontario der Wunsch, den Emissionshandel von einem regionalen zu einem nordamerikanischen System auszubauen.“ Hier winken offenbar gute Chancen für „grüne“ Firmen aus Deutschland. Ontarios Ministerin für internationalen Handel und Investitionen, Sandra Pupatello, will gezielt deutsche Firmen als Investoren gewinnen.

Was genau zu erwarten ist, das hat sich in der vergangenen Woche Tanja Gönner zusammen mit ihrem Kabinettskollegen Peter Frankenberg – in Stuttgart zuständig für Forschung, Wissenschaft und Kunst – angeschaut. Gemeinsames Top-Thema für die beiden Minister bei ihrem Besuch im Osten Kanadas war ein Symposium über umweltfreundliches Bauen an der York-Universität. Tanja Gönner sieht im Gebäudesektor den „schlafenden Riesen des Klimaschutzes“.

In dem Symposium erläuterten die Kanadier die wichtigsten Bestimmungen des Green Energy Act für diesen Bereich. Der Maßnahmenkatalog sieht vor, Gebäude alle fünf Jahre auf weitere Energiesparpotenziale überprüfen zu lassen. Käufer können jetzt vor der Vertragsunterzeichnung eine Energiebilanz ihres neuen Hauses verlangen. Und Hauseigentümer erhalten mehr finanzielle Anreize, um auf alternative Energiequellen umzusatteln. In die Energiesparpläne werden auch öffentliche Gebäude wie Schulen, Universitäten und Bibliotheken einbezogen. Ontario will hierfür 100 Mio. $ investieren.

Nach ihren Gesprächen mit Politikern, Managern und Forschern in Toronto steht für Tanja Gönner fest: „Insbesondere im Bereich der Einspeisevergütungen und der Förderung der erneuerbaren Energie wurden viele Anleihen bei uns genommen, beim Einsatz von Photovoltaik liegt die Einspeisevergütung sogar noch über der von Deutschland.“

Ihre Schlussfolgerung mit Blick auf deutsche Investoren ist eindeutig: „Ich glaube, dass das Gesetz Investitionssicherheit für Firmen gibt, die hierher kommen.“ Mehr noch: Weil Kanada mit Mexiko und den USA zur Freihandelszone Nafta gehöre, biete der Green Energy Act für deutsche Firmen sogar ein Sprungbrett in die USA, so Gönner: „Aus meiner Wahrnehmung könnte es auch für mittelständische Firmen interessant sein, in Kanada zu beginnen und nicht sofort in die USA zu gehen.“

Wissenschaftsminister Frankenberg sieht vor allem gute Chancen für die deutsche Autoindustrie. Pkw-Hersteller gelten sowohl im deutschen Südwesten als auch in Ontario als ein industrieller Pfeiler. In Ontario wurden seit 2004 jährlich mehr Pkw gefertigt als in der Autohochburg Detroit. „Ich war auf dem Weg nach Ontario auch in Detroit“, erzählt Frankenberg, „wir haben viel über die Autokrise gesprochen und die Rolle der Forschung hier geht es vor allem um Dieseltechnik, die ist in Nordamerika weitgehend am Automobilsektor vorbeigegangen.“ Auf das Nachholpotenzial, das sich daraus ergibt, setzen alle großen deutschen Hersteller in Nordamerika: „Wir waren gestern Abend bei Mercedes“, sagt Frankenberg, „die entwickeln sich hier relativ gut und alle glauben, dass nicht der Hybrid die nächste greifbare Lösung ist, sondern im Grunde genommen unsere Dieseltechnik.“

Der Forschungsminister aus Stuttgart traf sich im Osten Kanadas auch mit jungen deutschen Wissenschaftlern und erkundigte sich angesichts neuer Meldungen in Deutschland über eine verstärkte Abwanderung von Fachkräften nach dem Wunsch der Forscher, nach Deutschland zurückzukehren: „Die Rückkehrwilligkeit war relativ gering, wir haben jetzt zum Beispiel das Problem, dass wir durch die Kooperation mit Ontario viele Promotionsstellen schaffen, für die wir keine adäquaten Beschäftigungsmöglichkeiten haben“, fürchtet Frankenberg. Mit gravierenden Folgen: „Gleichzeitig kommt jetzt die Obama-Initiative in den USA, die sehr viel Geld in Forschung steckt, und ich denke, wir werden nicht vermeiden können, dass wir einen Teil derer, die wir durch die Kooperation teuer zur Promotion führen, an die USA oder nach Kanada verlieren.“ MARKUS GÄRTNER

Von Markus Gärtner
Von Markus Gärtner

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