Solar 13.10.2006, 19:24 Uhr

„Wir ermutigen unsere Entwickler, riskante Weg zu gehen“  

VDI nachrichten, Niestetal, 13. 10. 06, sta – Vor 25 Jahren gründeten die Ingenieure Günther Cramer, Peter Drews und Reiner Wettlaufer eine Firma für computerbasierte System-, Mess- und Anlagentechnik (SMA). Heute liefert die SMA Technologie AG jeden zweiten Wechselrichter für Solaranlagen weltweit und hat einen guten Namen in der Bahnindustrie. Ihr Fokus lag schon auf erneuerbarer Energie, als andere dieses Thema noch als Spinnerei belächelten.

Cramer: Wir waren wissenschaftliche Mitarbeiter bei Prof. Werner Kleinkauf an der Uni Kassel. Er war ein Pionier auf diesem Gebiet. Gemeinsam haben wir u.a. die Regeltechnik für Growian, die lange Zeit größte Windenergieanlage der Welt, entwickelt. Das war der Einstieg.

VDI nachrichten: Aber der Growian war doch nun wirklich keine ideale Basis, um ein Unternehmen im Bereich regenerative Energiesysteme zu gründen.

Cramer: Es war gewagt, ja. Aber ein gewisses Marktpotenzial deutete sich damals schon an. Wir haben im Rahmen von Drittmittelforschung Regelungstechnik für Windkraftanlagen und kleine netzunabhängige Wind-Dieselsysteme entwickelt. In Griechenland haben wir gemeinsam mit MAN eine ganze Insel mit Strom versorgt, der zu 80 % aus Wind erzeugt wurde. Dieses vom Forschungsministerium geförderte Projekt war sehr ermutigend. Wir knüpften gute Kontakte zu Industrie und Politik.

VDI nachrichten: Kamen Sie in den Genuss einer öffentlichen Gründungsfinanzierung?

Cramer: Nein. Unser gesamtes Umfeld stand dem Vorhaben eher negativ gegenüber. Wir mussten mit je 5000 DM Ersparnissen und 30 000 DM Bankkredit loslegen.

VDI nachrichten: Gut angelegtes Geld, wie wir heute wissen.

Cramer: Ja (lacht). Das Startkapital ging fast komplett in die Computer, die wir für die Simulation der Systeme benötigten. Die waren ja damals noch extrem teuer. Gewachsen sind wir dann peu à peu über Aufträge im Bereich der Systemtechnik für erneuerbare Energiesysteme. Unsere wichtigsten Kunden waren MAN und MBB, die ja damals große Windanlagen bauten. Beide sind aber Mitte der 80er ausgestiegen.

VDI nachrichten: Aus heutiger Sicht eine unglückliche Entscheidung?

Cramer: Ja. Sie hatten wohl zu schnell und mit zu großen Anlagen begonnen.

VDI nachrichten: SMA hat sich früh mit Mikroprozessoren und Embedded Systems befasst. Wie kam es dazu?

Cramer: Wir brauchten für die Regelung und Netzanbindung der Energie-anlagen leistungsfähige Hard- und Software, die es nicht von der Stange gab. Also haben wir ein zweites Standbein in der industriellen Mikroprozessortechnik aufgebaut, damals noch mit 8-Bit-Prozessoren von Intel. Damit haben wir sowohl Baugruppen für die Energieanlagen als auch Industriesteuerungen realisiert.

VDI nachrichten: War Industrieautomation nicht verlockender als die damals noch belächelte erneuerbare Energie?

Cramer: So haben wir es nie gesehen. Industrieautomation war sicher interessant. Aber unsere Vision war es, Regel- und Leistungselektronik für dezentrale Energieversorgungssysteme zu entwickeln. Davon waren wir fasziniert – und wir waren Pioniere auf diesem Gebiet! Außerdem erschien uns die Photovoltaik schon damals als eine Zukunftstechnologie, die ein gigantisches Wachstum erwarten ließ. Die Entwicklung der letzten Jahre hat uns Recht gegeben.

VDI nachrichten: Dennoch haben sie sich auch in die Bahntechnik eingemischt.

Cramer: Dezentrale Energiesysteme und Eisenbahnwagen haben viele Parallelen: Jeder Waggon ist ein autonomes Energiesystem, das je nach Triebfahrzeug und Region mit völlig unterschiedlichen Spannungen auskommen muss. Damit die Geräte am Netz störungsfrei arbeiten, muss die Energie wie bei den regenerativen Energieanlagen leistungselektronisch aufbereitet werden.

VDI nachrichten: Bahntechnik ist auch ein Markt, auf den Sie sich hätten konzentrieren können…

Cramer: Stimmt. Und bei der Leistungselektronik hatten wir mehr zu bieten als die Wettbewerber. Unsere Systeme waren leichter, kleiner, hatten höhere Wirkungsgrade und waren noch dazu deutlich günstiger. Aber der Markt hat einen großen Nachteil: Er wächst nicht und ist extrem umkämpft. Wir können da nur technologische Nischen bedienen.

VDI nachrichten: Sie haben Ihre Strategie also am Wachstum ausgerichtet?

Cramer: Im Rückblick klingt“s wie aus dem Strategieseminar. Tatsächlich kam aber ab 1985 enorme Bewegung in unser Geschäft mit erneuerbaren Energien. Der Markt war noch im Stadium einer Keimzelle, und wir konnten uns als First Mover jedes Jahr verdoppeln – über Jahre hinweg. Der Gedanke, dass einmal ein signifikanter Anteil des Stroms aus Wind und Sonne gewonnen würde, versprach ein enormes Wachstum.

VDI nachrichten: Heute dominieren Sie den Weltmarkt bei Wechselrichtern für Solaranlagen und sind technologisch weit vorn. Wie halten Sie den innovativen Geist in Ihrem Unternehmen wach?

Cramer: Wir beteiligen unsere Mitarbeiter. Sie bekommen 16 % unseres Vorsteuerertrags als Gewinnbeteiligung. Außerdem sind sie an allen Informations- und Entscheidungsprozessen beteiligt. Damit sie den Markt verstehen und unternehmerische Entscheidungen mit uns treffen können, investieren wir viel in Fortbildung. So schaffen wir ein angstfreies Klima, in dem die Mitarbeiter Risiko und Neugestaltung mittragen.

VDI nachrichten: Angstfrei auch, wenn ein neues Produkt am Markt floppt?

Cramer: Natürlich! Wir müssen als Technologieführer weit vorn sein. Das birgt immer auch das Risiko, dass ein Projekt scheitert. Wir ermutigen unsere Entwickler, riskante Weg zu gehen, um Produkte schnell auf den Markt zu bekommen. Wenn es schief geht, stehen wir dazu. Denn ein Klima der Angst verhindert Innovation.

VDI nachrichten: Wie stehen ihre Mitarbeiter zur Internationalisierung?

Cramer: Wir entwickeln und produzieren fast ausschließlich in Deutschland. Und das soll so bleiben.

VDI nachrichten: Sie bauen seit Jahren ein internationales Vertriebsnetz auf. Warum sind sie gerade in Japan, dem zweitgrößten Solarmarkt der Welt, nicht vertreten?

Cramer: Wir haben bisher nicht die Zertifizierung bekommen. Die zuständige Stelle lässt uns immer wieder ins Leere laufen. Nach langem Hin und Her könnte unser erstes Produkt jetzt doch bald die Zulassung erhalten. Leider ist es nach fast zwei Jahren nicht mehr aktuell (lacht).

VDI nachrichten: Sie können darüber lachen?

Cramer: Was bleibt uns übrig? Wir wollen in diesen Markt, da er immer noch der zweitgrößte PV-Markt weltweit ist. Man versucht über die Zertifizierung unseren Markteintritt zu verhindern. Aber wir sind fest entschlossen. Und jetzt wissen wir ja zumindest, wie die Zertifizierungsprozesse dort ablaufen.

VDI nachrichten: Sie und Ihre Partner sind zu dritt als Ingenieure gestartet. Heute sind Sie Manager, tragen Verantwortung für 1200 Mitarbeiter. Wie nah sind sie noch an den Entwicklern?

Cramer: Wir sitzen nicht mehr im Labor und entwickeln auch keine Schaltungen mehr. Aber bei der strategischen Ausrichtung von Produktentwicklungen diskutieren wir schon noch mit – bis hin zu Schaltungstopologien. Es ist wichtig für unseren Erfolg, dass wir verstehen, was unsere Ingenieure machen.

VDI nachrichten: Sie sprechen viel vom Erfolg Ihres Unternehmens. Gab es auch Rückschläge?

Cramer: Wir hatten zwischendurch zwei Jahre ohne Wachstum. Da haben wir gemerkt, dass Wachstum nicht selbstverständlich ist. Seither entwickeln wir konsequent Strategien auch für den Worst Case. Unser Optimismus ist geerdet.

VDI nachrichten: SMA ist seit zwei Jahren eine AG. Wann geht“s an die Börse?

Cramer: Gar nicht. Wir haben eine solide finanzielle Basis und wollen unabhängig bleiben. Zur AG sind wir geworden, um unsere Mitarbeiter nachhaltiger am Unternehmen zu beteiligen. Zwei Drittel von ihnen halten schon Aktien der SMA. Leider können wir das nicht weiter ausbauen. Denn die BaFin verlangt dafür einen ausführlichen, teuren Prospekt. Das lohnt sich für uns einfach nicht. Zwar predigt die Politik Mitarbeiterbeteiligung, doch die Bürokratie setzt leider enge Grenzen.

VDI nachrichten: Also kein Börsengang. Ihr Führungsstil ist teilweise aber auch kaum mit dem Shareholder Value-Gedanken zu vereinen…

Cramer: Warum nicht? Weil wir unsere Ingenieure, Techniker und Lehrlinge dazu ermuntern, ihr Know-how auch in Entwicklungsländern einzubringen? Weil wir ihnen Reisekosten erstatten und Technik zur Verfügung stellen, wenn sie in ihrer Freizeit dezentrale Energiesysteme in Entwicklungsländern installieren? Dann kann ich damit leben! Solarenergie kann in vielen Teilen der Welt helfen, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen.

VDI nachrichten: Ist diese Art der Unternehmensführung Gutmenschentum oder Strategie?

Cramer: Beides. Wir haben praktisch keine Fluktuation. Die Mitarbeiter sind zufrieden und entsprechend engagiert. Sie bleiben dem Unternehmen treu. Ihr Know-how steht uns damit langfristig zur Verfügung. Davon profitieren alle.

VDI nachrichten: Wie geht es weiter?

Cramer: Unsere Wechselrichter hatten einst einen Wirkungsgrad von 90 %, heute sind es 98 %. Wir wollen noch mehr. Zudem wollen wir Solaranlagen durch neue Features attraktiver machen, sie etwa im Rahmen virtueller Kraftwerke steuerbar machen oder die Qualität des Stroms im Hinblick auf die Spannung verbessern. Wir haben noch viele Ideen.

VDI nachrichten: Sie haben gerade ihr 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Wo stehen Sie in 25 Jahren?

Cramer: Wenn die Entwicklung verhalten weitergeht, haben wir bis dahin 10 000 Mitarbeiter. Und natürlich wollen wir Marktführer bleiben.PETER TRECHOW

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

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