Windkraft 22.10.2004, 18:34 Uhr

Windkraftanlagen machen erste Schritte hinaus aufs Meer

VDI nachrichten, Emden, 22. 10. 04 -Zum ersten Mal ist an der deutschen Nordseeküste eine Windkraftanlage im Wasser errichtet worden. Allerdings nicht aus einer Laune der Betreiber heraus, vielmehr erwartet man vom Bau und Betrieb des Riesen-Windrades wichtige Erkenntnisse für die Zukunft der umweltfreundlichen Windenergie im Meer.

Manch ein Wanderer auf den Emsdeichen bei Emden wird sich in den letzten Monaten gefragt haben, warum man im Uferbereich mit großem Aufwand eine Windkraftanlage (WKA) baut, wo doch, kaum mehr als einen Steinwurf entfernt, ein riesiger Windpark ausreichend Platz für eine weitere Anlage bieten würde. Doch war es nicht purer Mutwillen, der den Hersteller, das ausführende Bauunternehmen und nicht zuletzt auch den Betreiber, die EWE AG, veranlasste, eine 4,5-MW-Anlage ins Wasser zu setzen: „Wir erwarten von der neuen Anlage wesentliche Aufschlüsse, zum Beispiel über den Bau einer Windkraftanlage auf dem Wasser“, erklärt Dirk Warnecke, ein Sprecher des für die Planung verantwortlichen Unternehmens Enova. Umgesetzt werden sollen diese Erkenntnisse bei späteren Offshore-Windparks, wie sie bereits für die Seegebiete vor Borkum oder vor Sylt genehmigt wurden.
Noch ist es bis zum Offshore-Betrieb von Windkraftanlagen ein weiter Weg, deshalb hat man sich in Emden zunächst mit einer so genannten Near- shore-Anlage begnügen müssen. Zwar hat auch dieses Windrad, eine Megawattanlage vom Typ Enercon E 112, „nasse Füße“. Doch wurde die Anlage – mit einer Nabenhöhe von 108 m und einer Flügellänge von 53 m eine der weltgrößten Windkraftanlagen – nur 40 m vom Fuß des Emsdeiches auf einem mit 40 Stahlrohrpfeilern gegründeten Betonfundament in die Ems gebaut.
Das Besondere an der neuen Anlage ist aber nicht nur ihr Standort im Wasser, ihre Höhe oder die erwartete Leistung von 15 000 MWh pro Jahr, sondern auch die Tatsache, dass ihr Schaft nicht wie bei Anlagen dieser Größenordnung üblich aus Beton, sondern aus Stahl errichtet wurde. Die vier insgesamt 850 t wiegenden Stahlsegmente des Turms wurden eigens in einem Werk im schwedischen Malmö hergestellt und per Schiff nach Emden verfrachtet. Hier wurden die vier Segmente gemeinsam mit der Gondel, dem Kopfstück der Anlage, und den Rotorblättern auf einen speziellen aus Norwegen stammenden Ponton verladen.
Grund für die ungewöhnliche Bauweise ist, ebenso wie der Standort, die Generalprobe für spätere WKAs auf hoher See: „Wir müssen davon ausgehen, dass wir später einmal auf See eine Bauzeit von maximal 120 Tagen haben“, schildert Dirk Warnecke die besonderen Anforderungen für den Bau einer Offshore-WKA. „Indem wir den Turm in Modulbauweise aus Stahl herstellen, sind wir in der Bauphase erheblich schneller, als wenn wir mit Stahlbeton arbeiten würden.“
So wurde am Anfang des Monats die komplette E 112 samt einem der weltweit größten Raupenkrane, einem Demag CC 8800, ausgerüstet mit einem 138 m langen Ausleger und Zusatz-Gegengewichten für die so genannte Superlift-Einrichtung, auf einen 100 m x 37 m großen Spezialponton verladen und mit schweren Schleppern an die Baustelle verbracht. Dort wurde innerhalb von wenigen Tagen zunächst der Turm, dann die Gondel mit dem Generator und zu guter Letzt die Nabe mit den Flügeln montiert.
Dieser letzte Einhub stellte den Fahrer des von dem belgischen Kranunternehmen Sarens eingesetzten Superkrans vor eine ganz besondere Herausforderung: In nur einem Hub sollte die Nabe mit den drei bereits montierten Windblättern auf 108 m Höhe gebracht und dort montiert werden. Trotz eines recht starken Seewindes gelang dem Kranführer dieses Husarenstück bereits im ersten Anlauf lediglich unterstützt durch zwei Führungsseile, mit denen die Windblätter in Position gehalten wurden.
Der Einhub auf der Baustelle stellte die Verantwortlichen von Enercon und dem ausführenden Unternehmen Enova allerdings auch sonst vor nicht unwesentliche Probleme, da die Gezeiten, ein gleichmäßiger starker Wind und nicht zuletzt die Bug- und Heckwellen der vorbeifahrenden Schiffe das Können des Kranfahrers und des sonstigen Baustellenpersonals immer wieder auf eine harte Probe stellten.
Die neue Nearshore-Windkraftanlage vor dem Deich bei Emden wird schon in Kürze ihren Dienst aufnehmen. Dann wird das Windrad – entsprechenden Wind vorausgesetzt – nicht nur den Strombedarf von rund 15 000 Menschen decken und ganz nebenbei fast 10 000 t Klima schädigendes CO2 im Jahr einsparen. Dadurch, dass die Anlage im Wasser steht und somit in verstärktem Maß den Elementen ausgesetzt ist, wird sie ihrem Hersteller darüber hinaus auch wertvolle Informationen liefern, die bei dem Bau der für den Offshore-Bereich bestimmten Windräder von größtem Nutzen sein werden.HAN

  • Han

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