Windkraft 18.05.2001, 17:29 Uhr

Wind auf dem Wasser

Der Run auf die besten Standorte für Offshore-Windparks ist in vollem Gang. Vor einer Baugenehmigung aber müssen die Betreiber die Umweltverträglichkeit von Windrädern im Meer nachweisen.

Michael Hielscher steht an der Reling und schaut mit wachen Augen auf die Wasseroberfläche. Sein Blick folgt einem straff gespannten Stahlseil, das von einem Bordkran langsam aus den grünbraunen Wellen emporgezogen wird. Meter für Meter gleitet die glänzende Trosse aus dem Wasser. Sie zieht ein metallenes Ungetüm an die Oberfläche – eine Art Baggerschaufel, die am Stahlseil bedenklich hin- und herschwingt. „Dieser Bodengreifer ist ideal, um weichen Meeresboden nach oben zu befördern“, sagt der Zoologe des Oldenburger Umweltbüros (IBL). Wie ein Bagger beißt der Apparat ein Stück aus dem Meeresboden heraus.
Hielscher rückt seinen Schutzhelm gerade. Als das zentnerschwere Gerät aus Titan in Reichweite pendelt, packt er zu und zieht es über die Reling. Mit einem dumpfen Schlag poltert der Greifer in eine Plastikwanne auf dem Schiffsdeck. Hielscher öffnet zwei Sichtklappen und entriegelt den Schließmechanismus. Rund 20 l Sediment ergießen sich in den Behälter – mitsamt einiger Würmer, Muscheln, Seesterne und Krebse. Und auf die kommt es an.
Michael Hielscher ist Fahrtleiter auf dem Forschungsschiff „La Cour“. Gemeinsam mit anderen Biologen ist er seit März beinahe rund um die Uhr auf der Nordsee unterwegs – in der Wesermündung und rund 45 km nordwestlich der Insel Borkum, um zu erkunden, wo welche Tierarten leben. Neben den Bewohnern am Meeresgrund zählen die Forscher auch Wale und Robben, die die Gebiete durchschwimmen und vor allem Zugvögel.
Grund für die aufwendige Inventarisierung der Nordseefauna sind zwei gigantische Projekte des Bremer Windkraft-Unternehmens „Energiekontor“. Die Aktiengesellschaft plant, in den Seegebieten „Borkum Riffgrund“ und den „Nordergründen“ in der Wesermündung zwei Offshore-Windparks zu bauen. Nach den bisherigen Entwürfen sollen sich bei Fertigstellung im Jahr 2008 weitab vom Festland am Riffgrund 458 Windmühlen mit einer Gesamtleistung von 1800 MW auf einer Fläche von 240 km2 drehen. Das ist mehr als das größte deutsche Kernkraftwerk „Isar-2“ produziert.
In den Nordergründen will Energiekontor 76 Windräder mit einer Gesamtleistung von 200 MW errichten. Bevor das Unternehmen voraussichtlich 2004 mit dem Bau beginnen kann, müssen aber strittige Punkte geklärt werden. Der Germanische Lloyd in Hamburg etwa prüft, ob der Windpark das Unfallrisiko für die Schifffahrt erhöht. Immerhin führen die Hauptschifffahrtsrouten in der deutschen Bucht in der Nähe der avisierten Windparkareale entlang. In der gesetzlich vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfung wird untersucht, ob für die Tiere eine „erhebliche Beeinträchtigung“ zu erwarten ist.
Im Auftrag von Energiekontor sind derzeit sieben Biologen des IBL mit der La Cour unterwegs – die erste große Offshore-Forschungsfahrt in deutschen Gewässern. Anhand der Bodengreiferproben etwa versuchen die Forscher herauszufinden, ob in den zukünftigen Windparkgebieten Lebensgemeinschaften vorkommen, die durch den Bau der Windrad-Masten zerstört werden könnten.
Während die Meeresbiologen auf dem Arbeitsdeck Bodengreiferproben nehmen, nach Lebewesen durchsieben und zur späteren Auswertung an Land in Plastikflaschen abfüllen, halten die Ornithologen auf dem Oberdeck nach Vögeln, Walen und Robben Ausschau. Vogelkenner Arnold Schönheim hat die Kapuze seiner dicken Jacke tief ins Gesicht gezogen. Seit vier Stunden steht er im kalten Wind in der Nock – einer kleinen Aussichtsplattform neben der Kommandobrücke – und notiert die vorbeifliegenden Vögel. Das sind nicht gerade viele. „Ich weiß gar nicht mehr, wie Vögel aussehen, so wenige kommen hier vorbei“, scherzt er.
Jetzt im Mai sind am Riffgrund tatsächlich nur wenige Vögel unterwegs. Nur gelegentlich gleitet ein Hochseevogel, etwa der eindrucksvolle Basstölpel mit seinen albatrossähnlichen Flügeln, vorbei und entlockt den Beobachtern einen Freudenschrei. Um einen Gesamteindruck von den Vogelbewegungen in den zukünftigen Windparkgebieten zu erhalten, untersuchen die Forscher die Areale deshalb zunächst ein ganzes Jahr lang. Erst wenn feststeht, wo die Hauptzugwege der Vögel liegen, kann darüber entschieden werden, ob der Windpark ein erhebliches Risiko für die Vogelwelt ist. Vor allem die Flughöhe ist ein wichtiges Kriterium, denn je höher die Tiere fliegen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie von einem Rotor erfasst werden. „Immerhin sollen die größten Windräder eine Höhe von insgesamt 120 m haben“, sagt Offshore-Projektleiter Heinrich Duden von Energiekontor als die größten Festland-Anlagen.
Um die Flughöhe der Vögel zu erfassen, haben Techniker auf dem Oberdeck der 36 m langen La Cour eigens ein Radargerät installiert. Anders als gewöhnliches Radar steht der Apparat gewissermaßen auf dem Kopf. Er dreht sich nicht horizontal, sondern vertikal wie eine Windmühle und erfasst somit den Himmel über dem Schiff und hoch fliegende Vögel.
Am frühen Abend schalten die Vogelkundler auf der Brücke das „Vertikal-Radar“ ein und blicken gespannt auf den Bildschirm, um die gelb aufblitzenden Signale der entfernten Vögel zu protokollieren. Wie gewöhnlich rotiert die „Windmühle“ auf dem Deck des Schiffes. Plötzlich ertönt eine knarrende Stimme im Funkgerät des Kapitäns: „Seenotkreuzer Hermann-Rudolf-Meyer an La Cour“. Draußen gleitet ein rotweiß leuchtender Kreuzer vorbei. „La Cour an Hermann-Rudolf-Meyer?“, fragt der Kapitän zurück. „Hier Rudolf-Meyer, wir wetten gerade um eine Kiste Bier, was für ein Ding sich da achtern bei Euch dreht.“ Lautes Lachen auf der Brücke.
Abgesehen von derartigen Intermezzi ist der Bordalltag zum großen Teil Routine. Rund 100 km lang sind die Forschungsrouten, die sich gitternetzartig durch die beiden Untersuchungsgebiete ziehen. Was diese Voruntersuchungen kosten, weiß derzeit keiner genau zu sagen. Energiekontor veranschlagt mehrere Millionen Mark pro Standort.
Seemeile für Seemeile werden die Areale durchkämmt. An anderen Tagen macht die La Cour alle 2 km Halt, um die Bodengeräte zu Wasser zu lassen. Bis zu 16 Stunden dauert Hielschers Arbeitstag zur Zeit. Trotzdem ist er mit Begeisterung dabei. Und für die Anstrengung entschädigt manchmal schon ein Pfeifchen beim Sonnenuntergang. Dann ist das Arbeitsdeck, auf dem der Bodengreifer bis zum nächsten Einsatz festgezurrt ruht, der schönste Platz auf dem Schiff. TORSTEN SCHMIDT

Der Boom Offshore

Derzeit planen rund zehn Unternehmen in Deutschland 16 Windparks in Nord- und Ostsee. Allein am Borkumriff wollen die Energiekontor AG, die Plambeck Neue Energien AG sowie die Prokon Nord drei Offshore-Projekte verwirklichen. Die Winkra-Energie plant zwei Parks nördlich von Helgoland und zwei bei Rügen. Grund für den Boom: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sichert den Betreibern in den ersten Betriebsjahren eine Vergütung von 17,8 Pf/kWh zu. Zudem ist der Betrieb von Windrädern auf See ausgesprochen rentabel, weil der Wind dort stetiger und kräftiger bläst als an Land. Einem Greenpeace-Gutachten zufolge könnte bei voller Ausschöpfung des Offshore-Windpotentials gut die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland mit Energie aus Offshore-Wind gedeckt werden. th

Grünes Licht für Wind?

Während sich in Dänemark vor der Küste bereits die ersten Windräder drehen, warten die Windkraftbetreiber hierzulande noch auf die Genehmigung zur Errichtung der ersten deutschen Offshore-Mühle. Denn die Bauherren der Windparks müssen nachweisen, dass die Anlagen weder für die Schifffahrt noch für die Tierwelt ein erhebliches Risiko darstellen.
Wer die Baugenehmigung erteilt, hängt vom Standort ab. Sollen die Anlagen innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone stehen, sind die Landesbehörden zuständig, für den Windpark „Nordergründe“ beispielsweise die Bezirksregierung Lüneburg. Gebiete mehr als 12 Seemeilen vor der Küste, also in der „Ausschließlichen Wirtschaftszone“, gehören zum Verantwortungsbereich des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Mit der Genehmigung von Offshore-Windparks betreten die deutschen Behörden Neuland. Die Beamten verlassen sich in technischen Fragen deshalb auf die Expertise des Germanischen Lloyd (GL).
Der GL ist schon seit Jahren im Offshore-Bereich tätig und überprüft beispielsweise Ölbohrinseln auf ihre Funktionstüchtigkeit. Darüber hinaus zertifiziert der GL Windkraftanlagen fürs Binnenland und hat hier weltweit einen Marktanteil von über 60 %. Welchen Umfang die Gutachten haben sollen, wird während der sogenannten Antragskonferenz festgelegt. An dieser Konferenz nehmen u.a. Bauherr, Behörden, Naturschutz-, Tourismus- und Fischereiverbände teil. Die Verlegung der Starkstromkabel im Meeresboden wird erstaunlicherweise nach den Vorgaben des Bundesberggesetzes geregelt. ts

Von Torsten Schmidt
Von Torsten Schmidt

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