Stromnetze 26.02.1999, 17:20 Uhr

Wettbewerb bis zur letzten Steckdose

Der deutsche Strommarkt erlebt seinen größten Umbruch. Die Branche steht unter Spannung. Große Industriekunden pokern, wechseln den Energielieferanten. Nun sollen auch Privatkunden vom Strom-Wettbewerb profitieren.

Die Zanders Feinpapier AG mit Stammsitz in Bergisch Gladbach spart seit Anfang Januar Geld, viel Geld, und kann so die Produktionskosten senken. Der Papierhersteller hat die Gunst der Stunde genutzt und seinen Energielieferanten gewechselt. Die Neuregelung des Energiewirtschaftsgesetzes vom 29. April vorigen Jahres verschaffte dem Management die Möglichkeit, sich das günstigste Angebot auszusuchen. An den Werksstandorten in Bergisch Gladbach und Düren rotieren zwar noch immer die Stromzähler wie gewohnt, doch die Gesamtrechnung fällt im Vergleich zu früher wesentlich günstiger aus. „Durch den Lieferantenwechsel haben wir Einsparungen im zweistelligen Prozentbereich“, meint Helmut Sobotta, Leiter der Abteilung Umweltschutz.
„Da ist Bewegung in den liberalisierten Markt gekommen. Die Unternehmen treten schon verstärkt als selbstbewußte Kunden auf“, sagt Alfred Richmann, Energieexperte beim Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) in Bonn. Die altehrwürdigen Energieversorger-Monopole kippen. Großkunden wie Bosch, DaimlerChrysler und Metro haben sich im Markt umgesehen und unter verschiedenen Anbietern den für sie günstigsten ausgesucht. So will der Handelsriese Metro alle seine Standorte nach dem Auslaufen der jeweiligen Versorgungsverträge von den Hamburgischen Electricitäts-Werken (HEW) beliefern lassen. Allein für die Kölner Stadtwerke GEW bedeutet der Wechsel des bisherigen Großkunden Metro mit einem Energieverbrauch von 54 Mio. kWh einen Verlust von annähernd 10 Mio. DM Umsatz jährlich.
Beim DIHT weiß man, daß einige wechselwillige Industriekunden bei der Pokerpartie mit ihren Altversorgern schon Preissenkungen von bis zu 25 % durchsetzen konnten. Trotzdem: Wettbewerb ist längst nicht gleich Wettbewerb, Kunde nicht gleich Kunde. Während der Telefon-Markt den Privathaushalten fast wöchentlich neue niedrigere Tarife beschert, ist die Liberalisierung des Strommarktes an den Verbrauchern bislang spurlos vorbei gezogen.
„Der Endverbraucher hat von der ganzen Entwicklung noch nicht profitiert“, meint Torsten Reetz, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf. Hauptursache dafür sei, daß die bisherigen Stromversorger zwar ihr Monopol auf Versorgung per Gesetz verloren haben, nicht jedoch ihr Netz. Wer seinen Strom als Privatkunde von einem anderen Energieversorger von auswärts zu seiner Steckdose geliefert haben möchte, der muß für den Transport durch die Leitungen ordentlich draufzahlen. Prominentes Beispiel: Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Michaele Hustedt aus Bonn. Sie zahlt für Windstrom aus der Eifel seit dem 1. Februar pro kWh 43 Pf statt der in Bonn für Privatkunden üblichen 25 Pf. Für die Durchleitung muß der deutsch-schwedische Versorger Vasa Energy, der als Zwischenhändler den Deal eingefädelt hat, 11,7 Pf für die Durchleitungsgebühr berappen. Hinzu kommen 3,19 Pf für Konzessionsabgaben sowie ein Zuschlag für regenerative Energien plus 16 % Mehrwertsteuer.
„In Skandinavien liegt der Durchleitungspreis bei 4 Pf bis 6 Pf“, wundert sich Vasa Geschäftsführer Marcus Mattis. Sein Vorwurf: Ausländische Newcomer wie Vasa würden auf dem deutschen Markt beim Netzzugang benachteiligt. Die heimischen Stromkonzerne würden das undurchsichtige Tarifsystem nutzen, um Konkurrenten abzuschrecken. Die im Mai 1998 verabschiedete „Verbändevereinbarung“ müsse reformiert, und auf eine Entfernungskomponente bei den Netzgebühren sollte, so Mattis, verzichtet werden.
Auch bei der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) in Frankfurt am Main wird nun über eine Erneuerung der „Verbändevereinbarung“ nachgedacht. Greenpeace hat im Herbst vergangenen Jahres ein Gutachten erstellen lassen, wonach künftig die Durchleitungsmengen von Ökostrom einfach nach Kilowattstunden abzurechnen wären. Und zwar auf der Basis von sogenannten Normganglinien, die beim Kunden als Mittelwert berechnet werden. Die so erstellten „synthetischen Lastprofile“ des einzelnen Haushaltes sollen der Abrechnung zwischen Kunden, Netzbetreiber und Stromlieferanten dienen.
Der Hauptgeschäftsführer der VDEW, Eberhard Meller, hat diesen Vorschlag der Umweltschützer aufgegriffen. „Die Greenpeace-Überlegungen sind bei uns auf fruchtbaren Boden gefallen“, meint Meller. Durch den Verzicht auf eine komplizierte Leistungsmessung wird künftig auch für kleinere Kunden eine Beteiligung am liberalisierten Strommarkt möglich. Die VDEW will Anfang März am „Runden Tisch“ mit allen Interessenvertretern der Verbraucherverbände, Stromanbieter, Netzbetreiber, des Wirtschaftsministeriums und von Greenpeace, eine kundenfreundliche Netz- und Anschlußregelung für das Verteilungsnetz entwickeln und absegnen. Damit dürfte schon bald die Gründung von Verbrauchergemeinschaften für den Einkauf beim günstigsten Anbieter oder auch Öko-Stromhändler wahrscheinlicher werden.
„Ganze Stadtteile könnten sich zusammentun, um preiswert Strom einzukaufen“, meint Verbraucherschützer Torsten Reetz. In Norwegen ist das schon längst Alltag im liberalisierten Strommarkt: Autoclubs und Wohnungsgesellschaften kaufen dort für private Kunden Strom en gros billiger ein. „In zwei bis drei Jahren könnte sich diese Entwicklung auch bei uns abzeichnen“, glaubt Rolf Windmöller, für das Leitungsnetz zuständiger Vorstand bei VEW Energie in Dortmund.
MICHAEL FRANKEN
Vom liberalisierten Strommarkt sollen auch private Kunden profitieren. Die Abrechnungsmodalitäten zwischen Stromlieferanten, Netzbetreibern und Verbrauchern werden neu geregelt.

Von Michael Franken
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