Kernkraft 14.01.2011, 19:51 Uhr

Weltweiter Wettlauf um den Brennstoffkreislauf

Zu Jahresbeginn überraschte China mit der Nachricht, bei der Wiederaufarbeitung nuklearen Brennstoffs sei ein wichtiger technologischer Durchbruch gelungen. Im Interview mit den VDI nachrichten erläutern Tero Varjoranta, Direktor des Bereiches Nuklearer Brennstoffzyklus und Abfall der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, und Gary Dyck, Chef der IAEA-Abteilung für Brennstoffzyklus und Materialien, die Entwicklung.

VDI nachrichten: Zu Jahresbeginn überraschte China mit einer Nachricht, dort sei beim Wiederaufarbeiten nuklearen Brennstoffs ein wichtiger Durchbruch gelungen. Worum ging es?

Dyck: Technologisch sehen wir nichts Neues. Erstmals haben die Chinesen nach unseren Erkenntnissen Mischoxid hergestellt. Vielleicht war das für die Chinesen ein wichtiger erster Schritt auf dem Terrain der effizienteren Uranverwendung, aber eine technologische Innovation war das nicht. In Frankreich wird das Mischoxid, kurz MOX, bereits seit Jahren auf den Markt gebracht. Und andere Akteure in Japan, Großbritannien oder Russland beherrschen das ebenfalls seit geraumer Zeit.

In Agenturmeldungen hieß es, dass damit die zeitliche Reichweite der chinesischen Uranvorkommen von 70 auf um die 3000 Jahre verlängert worden sei. Was ist da wie gerechnet worden?

Varjoranta: Um an eine derartige Effizienz der Urannutzung heranzukommen, das heißt nahe an die Grenze von 100 % oder mehr, muss auf den schnellen Brüter zugegriffen werden. Auf eine moderne Version des schnellen Brüters, dessen ältester Vertreter ja bereits 1951 in den USA funktionierte.

Ein standfester neuer Vertreter der Brütertechnologie, der U 238 in das Plutoniumisotop Pu 239 umwandelt und damit Brennstoff herstellt, wird möglicherweise in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine wichtige Entwicklungsrichtung der Kernenergie werden. Nicht vorher. Auch nicht für die Chinesen.

Dyck: Wohlgemerkt: Diese Technologie wird zunehmend wichtig, aber sie ist nicht für morgen gedacht. Die Franzosen, die Russen, die Japaner und die Briten sind in diesem Gebiet vor allem aktiv.

Auch die USA sind mit von der Partie. Zumindest sind sie theoretisch gerüstet. Dort gibt es auf dem Terrain des Managements von nuklearem Müll einige Ungereimtheiten. Eine Expertenkommission soll das jetzt ausräumen.

Die Inder sind ebenfalls dabei. Auch weil das Optionen für ihre geplanten Thoriumreaktoren öffnet.

Den Markt für Uran lässt die Meldung aus China in der Tat kalt. Immerhin sind die Chinesen mit über 150 geplanten oder im Bau befindlichen Reaktoren potenziell mit Abstand der erste Kunde weltweit auf diesem Feld. Müsste sich das nicht mittelfristig auf den Uranpreis auswirken?

Varjoranta: Also, der Preis für das Pfund Uran ist derzeit bereits sehr niedrig. Bei den Überlegungen, neue Kernkraftanlagen ans Netz zu bringen, spielt das kaum eine Rolle. Vielleicht die Frage der Versorgungssicherheit, die hier und da als politisch geladen gesehen wird, aber nicht der Uranpreis.

Dyck: Der niedrige Uranpreis ist übrigens ein Grund dafür, dass derzeit nicht überall unter Hochdruck an den schnellen Brütern gearbeitet wird. Der Kostendruck ist nicht da. Zumindest heute nicht.

Wie schaut es bei den nuklearen Abfällen aus. Was bewegt da die Verwendung der aufbereiteten MOX-Brennstäbe?

Varjoranta: Nicht übermäßig viel. Auch weil eine nachfolgende zweite Wiederaufbereitung nicht viel bringt. Das Management des Abfalls schaut nicht viel anders aus. Vorerst. Es gibt allerdings sehr wohl auch Überlegungen darüber, wie man den sehr langlebigen strahlungsstarken Isotopen des Mülls per angepasster Aufbereitung zu Leibe rücken kann, um das wenigstens in ein mittelfristiges Problem umzuwandeln. Das würde den brisantesten Teil des Müllmanagements ausräumen. Wir werden sehen.

Warum nicht rascher in Richtung der Thoriumreaktoren, wie sie Indien plant, vorangehen?

Varjoranta: Das ist im Kommen. Bei den Indern motiviert natürlich auch der Umstand, dass sie über deutlich größere Thorium- als Uranium-Vorkommen verfügen. Aber bei den dabei anfallenden Abfällen sind keineswegs weniger gute Überraschungen vollkommen ausgeschlossen. Wie das tatsächlich ausschaut, das wissen wir in einigen Jahren.

Wenn es somit wirtschaftlich nicht übermäßig Sinn macht, im Bereich der Wiederaufbereitung enorme Summen zu mobilisieren, weil MOX ohne Probleme auf dem Markt zu haben ist – was steht dann hinter den chinesischen Bemühungen? Versorgungsängste? Konkurrenz zu den technologisch vorne liegenden Japanern?

Varjoranta: Energiesicherheit ist nicht nur im Fernen Osten ein wichtiges Problem. Sei es wie es sei. Auf jeden Fall zählen nun auch die Chinesen zu dem nicht großen Kreis jener Akteure, die in Richtung Brennstoffkreislauf mit Hilfe des schnellen Brüters unterwegs sind. JAN HÖHN

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