Energiewirtschaft 28.05.2010, 19:46 Uhr

Wasserstoffindustrie sucht den Massenmarkt

Die Technik ist reif. Jetzt geht es darum, die Markteinführung vorzubereiten. So der allgemeine Tenor vergangene Woche auf der Weltwasserstoffkonferenz in Essen. Der Optimismus der Branche überwog, dass nach langen Jahren der Entwicklung noch in diesem Jahrzehnt Wasserstoff-Fahrzeuge in nennenswerten Stückzahlen auf die Straße kommen.

„Wasserstoff wird kommen, was lange im Forschungsstadium war, kommt in die Markteinführungsphase“, resümierte Detlef Stolten, Leiter des Instituts für Brennstoffzellenforschung im Forschungszentrum Jülich, in seiner Funktion als Chairman das Ergebnis der Weltwasserstoffkonferenz (WHEC 2010) in Essen.

Bisher, machte Stolten deutlich, fehle der Massenmarkt, nicht die Technik. So nutze die Raumfahrt seit Jahren wasserstoffbasierte Brennstoffzellen, auch das Militär setze U-Boote mit Brennstoffzellen samt Wasserstoff- und Sauerstoffversorgung ein. „Dies alles sind Serienprodukte, die jedoch für den zivilen Einsatz viel zu teuer sind.“ In der Stromversorgung gibt es serienreife Produkte, ob für Inselnetze, für Notstrom oder für mobilen Einsatz.

Fokus legt die Wasserstoffbranche derzeit auf den Massenmarkt Verkehr. Die stationären Brennstoffzellen-Anwendungen für die Hausenergieversorgung haben sich zu einem separaten Marktsegment entwickelt, erklärte Stolten. Denn hier komme für die nächsten 20 bis 30 Jahre Erdgas/Biogas zum Einsatz. Doch stehe dieses Verbrauchssegment langfristig wieder auf der Wasserstoffagenda.

Kurzfristig bringe Wasserstoff großen Mehrwert im Verkehr, betonte Stolten, „weil wir dort mit hoher Wertschöpfung lokal emissionsfrei fahren können“. Die vor zehn Jahren getätigten Marktprognosen für wasserstoffbasierten Verkehr sind nicht eingetreten. Nach anfangs schnellen Laborerfolgen sei der Aufwand, die Technik für die Serienfertigung reif zu machen, unterschätzt worden. „Man hat daraus gelernt“, ist Stolten sicher. Heute sei die Technik geklärt im Sinne einer vernünftigen Machbarkeit, aber noch nicht die Kosten.

Auch die Versorger beschäftigen sich mit den Kosten, wie Markus Sieverding, Geschäftsführer von Air Liquide Deutschland, bestätigte. Natürlich bedürfe es einer gewissen Tankstellendichte. Die Herausforderung liege in einer ausreichenden Nachfrage für den Betrieb solch eines Netzes von Wasserstoff-Tankstellen.

„Wichtig ist, dass alle Ideen im Endeffekt auch kommerzialisierbar bleiben“, sagte Sieverding. Dies sei für die nächsten Jahre gemeinsame Aufgabe von Industrie, Wissenschaft und Politik. Ziel seitens der Industrie sei es, bis 2020 auf 1000 Wasserstoff-Tankstellen zu kommen. „Die Zahl an Tankstellen und an Fahrzeugen wird sich parallel entwickeln.“

Jedes Segment müsse jetzt Schritt für Schritt seine Entwicklung vorantreiben und so gemeinsam die Marktdurchdringung vorantreiben, forderte Johannes Töpler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbandes (DWV). Es werde, so Töpler, Schwerpunktregionen geben: in Berlin, Hamburg und dem Ruhrgebiet. Es folgten Frankfurt, Stuttgart, Leipzig und München. „Wenn man diese Schwerpunkte gezielt durch Autobahntankstellen ergänzt, erhält man ein Netzwerk für größere Fahrstrecken. Darauf kann man dann ein Wasserstoffnetz aufbauen.“

Seitens der Fahrzeuge gab sich Töpler hoffnungsvoll. „Es gibt Brennstoffzellen-Fahrzeuge, mit denen kann eine vierköpfige Familie samt Gepäck in Urlaub fahren. Sie sind serienreif, verfügbar, laufen als Testfahrzeuge auf der Straße – ob von Mercedes, Honda, Toyota, Ford oder GM.“ In fünf Jahren würden Wasserstoff-Fahrzeuge aller großen Hersteller auf der Straße sein – 2020 dann schon einige 100 000 Stück.

„Deutschland wird die Keimzelle innerhalb Europas sein für den Erfolg von Wasserstoff im Verkehr“, sagte Eric Prades in Essen, Verantwortlicher bei Air Liquide für die Wasserstoffaktivitäten. Er lobte vor allem die gezielte Koordination von Fahrzeugen und Infrastruktur.

Klaus Bonhoff, Geschäftsführer der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NOW), verwies darauf, dass innerhalb des Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie (NIP) nach gut zwei Jahren bereits für konkrete Projekte über 180 Mio. € Fördersumme bewilligt werden konnten. Die Industrie steuere jeweils mindestens noch einmal die gleiche Summe bei. „Das zeigt, dass die Industrie trotz der Krise noch in die Technologie investiert. Und zwar über alle Bereiche“, sagte Bonhoff.

Für die Mobilität setzt WHEC-Chairman Stolten langfristig auf „grünen Wasserstoff“, hergestellt aus regenerativen Energiequellen. Eine gute „Startoption“ bildet für NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben der schon heute in großen Mengen verfügbare, häufig als Nebenprodukt chemischer Prozesse anfallende Industriewasserstoff. Allein in NRW könnten rund 260 000 Pkw damit betrieben werden. Nach Angaben des Industriegasspezialisten Linde seien 2007 in Deutschland rund 750 000 t Wasserstoff produziert worden – theoretisch genug, um 6 Mio. bis 7 Mio. Pkw zu betreiben.

ROBERT DONNERBAUER

Von Robert Donnerbauer
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