Die Technik ist da 04.10.2002, 18:21 Uhr

Wasserstoff marsch!

„Bis spätestens 2008 kann man die Autos in Deutschland auf Wasserstoffbetrieb umstellen“, sagen Experten des Umweltministeriums. Wie das funktionieren kann, macht derzeit Island vor. Sein Einstieg in die Wasserstoff-Wirtschaft könnte die Nordmeerrepublik zum ersten Land der Welt machen, das seine Energie komplett aus regenerativen Quellen bezieht.

Sie überbringen tatsächlich die gleiche Botschaft: Der umstrittene US-Aktivist Jeremy Rifkin und die Experten der Störfallkommission des Bundesumweltministeriums: „Wasserstoff jetzt fördern und aufbauen“, drängen die Regierungsberater ihrem „Abschlussbericht Wasserstoff“. Bis spätestens 2008 sei es technisch machbar, die Autos in Deutschland auf Wasserstoffbetrieb umzustellen. „Worauf warten wir noch?“, fragt der Gesellschaftskritiker Rifkin. In seinem neuen Buch „Die H2-Revolution“ sieht er die Welt „am Beginn einer neuen, auf Wasserstoff basierenden Ökonomie.“
Autoherstellern und Ölfirmen ist längst klar, dass die Autos künftig nicht mehr mit herkömmlichem Treibstoff über die Straßen rollen werden. Dafür spricht schon die Tatsache, dass die Erdölreserven nicht mehr lange reichen. Schon in 20 bis 25 Jahren wird immer weniger der weltweit verbrauchten Energie aus Öl stammen, prognostizieren mehrere Studien. Dann wird es zu teuer sein, die knapper werdenden Erdölprodukte in den Tank zu füllen.
Auch aus Gründen des Umweltschutzes müssen die fossilen Treibstoffe abgelöst werden. In Deutschland stammten 1999 allein 22 % der in die Luft geblasenen 856 Mio. t Kohlendioxid (CO2) aus dem Straßenverkehr. Nach dem Kyoto-Protokoll soll die EU ihre Treibhausgas-Emissionen bis spätestens 2012 um 8 % gegenüber 1990 senken. Für Deutschland liegt das Ziel sogar bei 21 % weniger. Die Brüsseler Kommission geht noch weiter und fordert bis zum Jahr 2020 eine weltweite CO2-Reduktion um 20 % bis 40 %, langfristig sogar um 70 %. „Solche Ziele können wir ohne einen kohlenstofffreien Treibstoff nicht erreichen“, heißt es etwa von BMW.
Wie der Einstieg in die Wasserstoff-Wirtschaft funktionieren kann, macht Island vor. Die Nordmeerrepublik ist das erste Land der Welt, das in großem Maßstab Schiffe und Autos auf Sauber-Betrieb umrüsten will. Auch wenn Island seinen Strom- und Heizenergiebedarf im Wesentlichen mit Wasserkraft und Erdwärme deckt, muss das Land große Mengen an Erdöl importieren. Beim Verfeuern verursacht ein Isländer pro Jahr im Schnitt 7,7 t Kohlendioxid – mehr etwa als ein Schweizer, der auf 5,6 t kommt. Der Grund: Isländer fahren viel Auto und verbrauchen viel Treibstoff für ihre Fischfangflotte – je Tonne Fisch etwa eine Tonne Erdöl.
„Wasserstoff wäre eine wunderbare Lösung“, sagt die Parlamentsabgeordnete Kobrun Halldorsdottir von den Grünen. Die Technik ist vorhanden, allerdings relativ teuer. Konkurrenzfähig kann sie erst werden, wenn in einem Großversuch die Infrastruktur für Wasserstoff und Brennstoffzellen aufgebaut wird. Kein Land bietet sich als Testfeld für die Energieversorgung von morgen mehr an als Island. Nicht nur große Stauseen, sondern auch kleinere Laufwasserkraftwerke in Flüssen könnten Strom zur Wasserstoffproduktion liefern – ideal zur „sauberen“ Produktion des Wasserstoffs.
Damit können die Isländer den Schönheitsfehler vermeiden, den die meisten Wasserstoffproduzenten heute in Kauf nehmen: Wasserstoff muss unter hohem Energieaufwand hergestellt werden. Entweder spaltet man Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff, oder gewinnt ihn direkt aus Erdgas. Bei dieser Methode entsteht jedoch mehr CO2, als wenn man gleich Benzin in einem Motor verbrennt. Etwa 160 g CO2/km bläst ein Benzinfahrzeug laut einer Studie der Verkehrswirtschaftlichen Energiestrategie VES in die Luft. Fährt ein Auto mit Wasserstoff aus Erdgas, sind es mehr als 260 g CO2/km.
Doch auch in der EU ist die Vision vom sauber produzierten Wasserstoff ist durchaus realisierbar. Nach Berechnungen der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München hätte die EU das Potenzial, ihren Kraftstoffbedarf aus erneuerbaren Energien zu decken, also etwa aus Wind- und Wasserkraft, Solarenergie und Biomasse. Noch günstiger dürfte die Situation für Staaten im Sonnengürtel der Erde aussehen, wo sich Solaranlagen wirklich lohnen – oder eben in Island.
In einem Sechs-Stufen-Programm soll die gesamte isländische Auto- und Schiffsmotorenflotte in wenigen Jahrzehnten auf Wasserstoffbetrieb umgerüstet werden. Zunächst werden 2003 mehrere brennstoffzellengetriebene Busse abgasfrei durch Reykjavik summen. Anschließend sollen Privatwagen und Schiffe das Wasserstofftanken lernen. Fernziel ist, den Wasserstoff später in Kühlschiffen auf den europäischen Kontinent zu exportieren.
Die Chancen für einen weltweiten Siegeszug des Wasserstoffes sehen die meisten Energie-Experten eher langfristig. „Zum globalen Energieträger wird Wasserstoff frühestens in einigen Jahrzehnten“, sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal-Institut. Zwar existieren bereits Autos mit wassergespeisten Brennstoffzellen. Doch deren Tankfüllung stammt meist aus der Zerlegung von Erdgas. „Da würde ich nicht von Wasserstoff-Wirtschaft sprechen“, sagt Fischedick. Doch auch er ist sich sicher: „Irgendwann kommen wir ganz automatisch zum Wasserstoff.“
Die Berliner Experten sind überzeugt, dass das schon in vier bis sechs Jahren der Fall sein könnte. „Insbesondere die Sicherheit ist nur eine Frage des Trainings“, sagt der Vorsitzende der Berliner Kommission Prof. Winfried Karl. Wasserstoff bildet mit Sauerstoff ein explosives Gemisch und diffundiert sehr leicht wegen der geringen Molekülgröße durch verschiedene Materialien. „Aber die nationalen Regelwerke haben inzwischen zu einem hohen Sicherheitsstandard geführt“, sagt Karl.
Er verweist nach Kalifornien. „Die zeigen, wie es geht – wenn die Politiker die Technik wirklich einführen wollen, dann ist die Industrie gezwungen nachzuziehen. Den Rest regelt der Wettbewerb“. Kalifornien gilt als weltweiter Vorreiter bei der Umweltgesetzgebung für Autos. Von 2008 an dürfen dort nur noch Fahrzeuge verkauft werden,
die keine toxischen Abgase wie Kohlenmonoxid, Stickoxide oder Kohlenwasserstoffe mehr produzieren. Das
ist nach heutigem Stand der Technik nur mit Brennstoffzellen-Autos möglich. ELKE BODDERAS

Ein Beitrag von:

  • Elke Bodderas

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