Energie 19.09.2003, 18:26 Uhr

Wasserstoff kann Abhängigkeit vom Öl beenden

Wasserstoff umweltverträglich erzeugen, als Energieträger nutzen. Vorab ein Auszug aus dem Redemanuskript.

Mehr als zwei Jahre nach den Terroranschlägen auf die Zwillingstürme des World Trade Centers und das Pentagon drohen der Welt mehr Gefahren als je zuvor. Ein zentrales Element der Furcht, welche die ganze Menschheit nach wie vor in ihrem Bann hält, ist der Kampf um die Kontrolle über das Erdöl, die wichtige Rohstoffquelle, ohne die sowohl die Weltwirtschaft als auch die moderne Gesellschaft aufhören würden zu existieren.

Lange erklärten Experten, dass Öl noch etwa vierzig Jahre lang verfügbar und billig bleiben würde. Jetzt behaupten jedoch einige der führenden Erdölgeologen der Welt, dass die weltweite Ölproduktion schon viel früher ihren Höhepunkt erreichen und danach viel schneller abnehmen könnte, vielleicht sogar schon am Ende dieses Jahrzehnts, was den Ölpreis in astronomische Höhen treiben würde.

Während das Zeitalter fossiler Brennstoffe seinem Ende zugeht, entsteht ein ganz neues Energiesystem mit dem Potenzial, die Zivilisation anhand ganz anderer Leitlinien neu zu schaffen.

Wasserstoff ist das hauptsächliche und am weitesten verbreitete Element in unserem Universum. Aus diesem Stoff sind die Sterne und unsere Sonne gemacht, und bei angemessener Nutzung ist dies auch der „Brennstoff für die Ewigkeit”.

Wasserstoff wird niemals versiegen, außerdem wird bei seiner Verbrennung kein schädliches Kohlendioxid freigesetzt die einzigen Nebenprodukte sind Wärme und reines Wasser.

Wir stehen an der Schwelle einer neuen Wirtschaft auf Wasserstoffbasis, die unsere Märkte sowie unsere politischen und gesellschaftlichen Institutionen grundlegend verändern wird, genauso wie Kohle und Dampfkraft dies am Anfang des Industriezeitalters taten.

Wasserstoff findet sich überall auf diesem Globus, im Wasser, in fossilen Brennstoffen und allen Lebewesen. Aber er kommt in der Natur nur selten in seiner elementaren Form vor. Er muss daher aus natürlichen Quellen gewonnen werden. Heutzutage wird fast die Hälfte allen produzierten Wasserstoffs mit Hilfe der Dampfreformierung aus Erdgas gewonnen.

Obgleich sich die Verwendung von Dampf – zur Reformierung von Erdgas – als billigste kommerzielle Möglichkeit zur Gewinnung von Wasserstoff herausgestellt hat, handelt es sich bei Erdgas um Kohlenwasserstoff, was bedeutet, dass beim Umwandlungsprozess Kohlendioxid freigesetzt wird.

Außerdem ist davon auszugehen, dass die Förderung von Erdgas irgendwann zwischen 2020 und 2030 ihren Höhepunkt erreichen wird, wodurch kurz nach der Ölkrise eine zweite Energiekrise auf uns zukommen wird.

Es gibt jedoch auch eine andere Methode Wasserstoff zu gewinnen, ohne dafür fossile Brennstoffe verwenden zu müssen. Erneuerbare Energiequellen – Wind, Sonne, Wasser, Geothermie und Biomasse – können zur Erzeugung von Elektrizität genutzt werden. Diese Elektrizität kann man dann ihrerseits in einem Elektrolyse genannten Prozess verwenden, um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten. Den Wasserstoff kann man dann lagern und bei Bedarf in einer Brennstoffzelle verwenden, um Elektrizität und damit auch Energie, Wärme und Licht zu erzeugen.

Oft fragen die Leute, warum man denn zweimal Elektrizität produzieren soll, einmal, um damit die Elektrolyse in Gang zu setzen und dann ein zweites Mal, um Energie, Wärme und Licht mit Hilfe von Brennstoffzellen zu erzeugen.

Der Grund dafür ist, dass man Elektrizität nicht lagern kann. Das heißt, wenn die Sonne nicht scheint, der Wind nicht weht und das Wasser nicht fließt, kann keine Elektrizität produziert werden, so dass alle wirtschaftlichen Aktivitäten zum Stillstand kämen.

Wasserstoff bietet eine Möglichkeit, das Produkt erneuerbarer Energiequellen zu lagern und so eine stetige Energieversorgung für die Menschheit zu garantieren.
Die wesentliche Frage betrifft die Kosten.

Wind, Wasserkraft und Biomasse sind in vielen Regionen der Welt im Hinblick auf die Kosten bereits konkurrenzfähig und können eingesetzt werden, um Elektrizität für den Elektrolyseprozess zu erzeugen. Die Kosten der photovoltaischen und geothermischen Energieerzeugung sind jedoch nach wie vor hoch und müssen erst beträchtlich sinken, damit solche Prozesse mit der Dampfreformierung von Erdgas konkurrieren können.

Kommerzielle Brennstoffzellen auf Wasserstoffbasis werden gerade für den Gebrauch zu Hause, im Büro und in der Industrie eingeführt. Die bedeutendsten Automobilhersteller haben bereits über 2 Mrd. Dollar in die Entwicklung von wasserstoffbetriebenen Autos, Bussen und Lastwagen gesteckt, und man geht davon aus, dass die ersten Fahrzeuge aus der Massenproduktion in ein paar Jahren auf unseren Straßen zu finden sein werden.

Die Wasserstoffwirtschaft ermöglicht eine Umverteilung von Energie auf breiter Basis, was weit reichende Folgen für die Gesellschaft haben wird. Der heutige zentralisierte Energiefluss von oben nach unten, den die weltweit operierenden Ölgesellschaften und die Versorgungsbetriebe kontrollieren, wird dann der Vergangenheit angehören. In dem neuen Zeitalter könnte jedes Individuum sowohl Produzent als auch Konsument seiner eigenen Energie werden – eine so genannte „dezentralisierte Erzeugung”.

Wenn Millionen von Endverbrauchern ihre Brennstoffzellen zu lokalen, regionalen und nationalen Wasserstoffenergienetzen verbinden, können sie als Gleichberechtigte Energie unter einander austauschen, wodurch eine neue dezentralisierte Form der Energieerzeugung und -verwendung entsteht.
In der Wasserstoffwirtschaft wird sogar ein Auto zu einem „Kraftwerk auf Rädern” mit der Kapazität, 20 Kilowatt zu erzeugen. Da Autos in der Regel die meiste Zeit irgendwo geparkt sind, können sie, solange sie still stehen, an das eigene Heim, Büro oder das interaktive Hauptelektrizitätsnetz angeschlossen werden, und so Elektrizität an das Stromnetz liefern.

Wenn nur 25 % der Autofahrer ihre Fahrzeuge als Minikraftwerke nutzten und Energie an das Netz verkauften, könnte man alle herkömmlichen Elektrizitätswerke im Land vom Netz nehmen.

Versorgungsbetriebe müssen mit der neuen Realität umgehen lernen, in der Millionen von lokalen Betreibern, die vor Ort mittels Brennstoffzellen Elektrizität erzeugen, mehr Energie und dazu billiger produzieren als unsere heutigen Riesenkraftwerke.

Sobald die Konsumenten auch zu Produzenten ihrer eigenen Energie werden, wird sich die Rolle der bestehenden Stromversorger ändern: Sie werden die Brennstoffzellen herstellen und vermarkten, Energiedienstleistungen bündeln und den Energiefluss in den bestehenden Stromversorgungsnetzen koordinieren.
Wasserstoff könnte die Abhängigkeit der Welt von importiertem Öl beenden und dazu beitragen, das gefährliche geopolitische Spiel zwischen militanten Muslimen und den westlichen Nationen zu entschärfen.

Dank Wasserstoff wird der Kohlendioxidausstoß drastisch verringert, wodurch die Auswirkungen auf die globale Erwärmung gemindert werden.
Da Wasserstoff so reichlich und überall auf der Erde vorhanden ist, könnte auch jeder Mensch mit Energie versorgt werden, wodurch das erste wahre demokratische Energiesystem in der Geschichte der Menschheit entstehen würde.

Unglaublich aber wahr: 65 % der Menschheit hat noch nie ein Telefon benutzt, ein Drittel der Menschen kommt ohne Elektrizität oder irgendeine andere Form kommerzieller Energie aus. Das Ungleichgewicht zwischen den ans Stromnetz Angeschlossenen und denen ohne Zugang droht während der nächsten fünfzig Jahre noch zu wachsen, da man von einem Anstieg der Weltbevölkerung von 6,2 Milliarden auf 9 Milliarden Menschen ausgeht. Das Bevölkerungswachstum wird in den Entwicklungsländern, wo die meiste Armut herrscht, besonders groß sein.

Der fehlende Zugang zu Energie und insbesondere Elektrizität trägt wesentlich dazu bei, dass es auf der Welt noch lange Armut geben wird. Anders herum betrachtet, bedeutet der Zugang zu Energie bessere wirtschaftliche Möglichkeiten. Beispielsweise werden in Südafrika pro 100 ans Elektrizitätsnetz angeschlossene Haushalte zehn bis zwanzig neue Unternehmen geschaffen.

Die Elektrizität nimmt den Menschen viele Arbeiten ab, die für das tägliche Überleben notwendig sind. In Ländern mit geringen Ressourcen kann es Stunden dauern, genug Brennholz oder Dung zum Heizen der Häuser und Kochen der Mahlzeiten zu sammeln. Mit Elektrizität lassen sich landwirtschaftliche Maschinen betreiben, kleine Fabriken und Handwerksbetriebe, sie bringt Licht in die Häuser, Schulen und Firmen.

In den Entwicklungsländern beträgt heutzutage der Prokopfverbrauch an Energie nur ein Fünfzehntel des Energiekonsums in den USA. Der weltweite durchschnittliche Prokopfverbrauch an Energie – bei Berücksichtigung aller Länder – beträgt bloß ein Fünftel des Konsums in den USA.

Der Umstieg auf die Wasserstoffenergie – also die Verwendung von erneuerbaren Ressourcen und den entsprechenden Techniken zur Produktion von Wasserstoff – sowie die Schaffung von dezentralisierten Energieerzeugungsnetzen ist der einzige Weg, um Millionen von Menschen aus der Armut zu führen.
Wenn man die Kluft zwischen Besitzenden und Habenichtse schließen will, muss man erst den Unterschied zwischen den ans Elektrizitätsnetz Angeschlossenen und denen ohne Zugang zu diesem Netz verringern.

Die Regierungen der einzelnen Staaten und internationale Organisationen für die Kreditvergabe müssen motiviert und aktiviert werden, um für die Schaffung einer Wasserstoff-Energieinfrastruktur finanzielle Mittel und logistische Unterstützung zu gewähren. Ziel sollte es sein, jede Gemeinde in den Entwicklungsländern mit stationären Brennstoffzellen zu versorgen.

Das Zeitalter fossiler Brennstoffe brachte eine äußerst zentralisierte Energie- und eine entsprechende wirtschaftliche Infrastruktur mit sich, von der nur wenige, aber nicht die Masse, profitierten.

Nun, am Beginn des Wasserstoffzeitalters, kann man sich eine dezentralisierte Energieinfrastruktur vorstellen, die Art von System, die eine Demokratisierung der Energie unterstützen könnte und damit Individuen, Gemeinden und ganzen Ländern die Durchsetzung ihres Anspruchs auf Unabhängigkeit ermöglicht.
Wenn die Macht auf breiter Basis an alle verteilt wird, ist es möglich, die Bedingungen für eine wahrhaft gerechte Verteilung der Schätze dieser Erde zu schaffen. Das ist der Kern einer Politik der Reglobalisierung von unten nach oben.

Die Wasserstoffwirtschaft ist bereits in Reichweite. Wie schnell wir sie verwirklichen werden hängt davon ab, wie entschlossen wir Öl und anderen fossilen Brennstoffen den Rücken kehren. Worauf warten wir noch?

Wasserstofftag
Auf dem „Medienforum Deutscher Wasserstofftag“ am 1. Oktober in München werden außer Jeremy Rifkin auch der Vorstandsvorsitzende von Linde, Wolfgang Reitzle, und die Staatssekretärin Simone Probst vom Bundesumweltministerium sprechen. Insgesamt zwölf Referenten präsentieren ihre Erfahrungen und Visionen.

Jeremy Rifkin
wird seine Ansichten zur Bedeutung des Wasserstoffs für die zukünftige Energieversorgung und für die Mobilität der Bürger auf dem „Medienforum Deutscher Wasserstofftag“ am 1. Oktober 2003 in München darlegen und Fragen beantworten.
Der amerikanische Zukunftsforscher Rifkin ist seit 1994 Lehrbeauftragter beim „Wharton School“s Executive Education Program“. Dort diskutieren Konzernchefs über den Einfluss neuer Trends aus Technik und Wissenschaft auf die weltweite Entwicklung von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt.
Als Berater von EU-Präsident Romano Prodi arbeitet Rifkin an einem Memorandum mit, wie Europa über eine Energie-Initiative führend in der Wasserstoffwirtschaft des 21. Jahrhunderts werden kann.
Mehr über Rifkin und seine Thesen in seinem Buch „Die H2-Revolution: Mit Neuer Energie für eine Gerechtere Welt“. Campus Verlag. rus

 

Ein Beitrag von:

  • Jeremy Rifkin

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