Wasserkraft 29.09.2006, 19:24 Uhr

Wasserkraft bleibt Stiefkind der deutschen Stromerzeugung  

VDI nachrichten, Berlin, 29. 9. 06, mg – Mit 16 % Anteil an der Stromerzeugung ist Wasserkraft die weltweit bedeutendste regenerative Energiequelle. 50 % aller Wasserkraftanlagen in der Welt basieren auf deutschem Know-how. Doch hierzulande werde deren Bedeutung unterschätzt und die Forschungsförderung zurückgefahren, beklagen Experten wie Prof. Eberhard Göde von der Universität Stuttgart. Als Hindernis gilt auch eine restriktive Genehmigungspraxis.

Mit spektakulären Zuwachsraten wie andere erneuerbaren Energien kann die Wasserkraft in Deutschland nicht aufwarten. Sie ist seit über 100 Jahren etabliert. Neue Standorte können hierzulande kaum noch im größeren Stil erschlossen werden. Jedoch bieten der Ausbau und die Modernisierung vorhandener Anlagen verbunden mit Maßnahmen zum Naturschutz ein großes Potenzial.

Nach Schätzungen des Bundesumweltministeriums (BMU) könnten die Kapazitäten auf diese Weise um ca. 800 MW gesteigert werden, dies entspricht etwa 17 % bis 18 % der derzeit installierten Leistung. In den vergangenen Jahren lag der jährliche Zuwachs bei ca. 20 MW bis 30 MW. Mit 21,5 Mrd. kWh lieferten die 6000 bis 7000 Wasserkraftwerke im letzten Jahr ca. 3,5 % des deutschen Stroms und lagen hinter der Windkraft an zweiter Stelle bei den erneuerbaren Energien.

Aufgrund der natürlichen Standortbedingungen punktet die Wasserkraft vor allem in Bayern und Baden-Württemberg. Die größte Ausbaumaßnahme findet in Rheinfelden am Hochrhein statt. Die Leistung des ältesten Flusskraftwerks Europas wird in mehreren Etappen von 25,7 MW auf 116 MW gesteigert. Investor ist die Energiedienst Holding AG Laufenburg (CH), eine 76 %ige Tochter der EnBW. Mit dem Ausbau sind auch ökologische Auflagen verbunden. So wird ein 800 m langes, naturnahes Umgehungsgewässer die bisherigen Fischtreppen ersetzen und neue Auwälder schaffen.

Naturschutz und Wasserkraftnutzung gehen auch bei Neubaumaßnahmen wie am Lech in Augsburg Hand in Hand. Dort wurden von der Firma VA Tech Escher Wyss an einer bestehenden, 5,5 m hohen Stützschwelle unterhalb einer Eisenbahnbrücke für einen gewerblichen Betreiber zwei vertikale Compact-Kaplanturbinen mit einer Leistung von 2,6 MW installiert.

Nicht gut auf die Genehmigungsbehörden zu sprechen ist Peter Schmidberger von der SWU Energie GmbH der Stadtwerke Ulm. „Die energiepolitischen Vorteile der Wasserkraft spielen im Genehmigungsverfahren praktisch keine Rolle. Wenn jedoch zwei, drei Bäume gefällt werden, zählt dies“, so Schmidberger. Aufgrund der „Beamtentyrannei“ könne man mittlerweile mit Planungszeiten einer Anlage von 15 Jahren und länger rechnen, so der Produktionsleiter. Um 33 % wollen die SWU den Anteil des aus Wasserkraft gewonnenen Stroms steigern. Derzeit werden ca. 10 % des angebotenen „Schwabenstroms“ von sieben Wasserkraftwerken erzeugt. Drei weitere Anlagen und eine Modernisierung sind in Planung oder im Bau.

Brisant ist die Genehmigungspraxis deshalb, weil die Rechte für die Wasserkraftnutzung befristet vergeben werden und in den kommenden 25 Jahren rund ein Drittel davon auslaufen. Tausende älterer Anlagen bedürfen zudem einer Modernisierung. „Eine Riesenchance für Ingenieure und Mittelständler, die maßgeschneiderte Lösungen anbieten können“, betont Prof. Eberhard Göde vom Institut für Strömungsmechanik der Uni Stuttgart. Umso unverständlicher seien Planungen zur „Schließung der letzten verbliebenen Institute in Deutschland, die sich mit Wasserkraft beschäftigen“. Allerdings scheint nun zumindest die Zukunft des Stuttgarter Instituts gesichert. Die EnBW kündigte an, mit der Firma Voith eine Stiftungsprofessur für Wasserkraft zu unterstützen.

HANS-CHRISTOPH NEIDLEIN

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