Biomasse 21.09.2001, 17:31 Uhr

Von der Plage zum Produkt

„Verwerten statt teuer entsorgen“ ist die Philosophie an der mecklenburgischen Küste. Durch eine selten enge Kooperation zwischen Amts­verwaltung, Hochschule und Maschinenbau konnte aus ungeliebtem Seegras ein markt­fähiges Naturprodukt ent­wickelt werden.

Seegras ist mancherorts eine echte Plage. Wenn wie in den letzten Tagen die ersten Herbststürme einsetzen, stranden tausende Tonnen der grasähnlichen Seepflanze an den Küsten der Nord- und Ostsee. Sehr zur Unbill der Urlauber, die lieber im Sand statt im stinkendem Meereskraut herumtollen. Damit nun aber die Touristen nicht in Scharen davonlaufen, werden die Küsten an vielen Badeorten mit großem Aufwand vom Strandgut gereinigt.

Das kostet viel, was in den vergangenen Jahren auch die knappen Kassen der Ostseegemeinden Groß Walmstorf, Klütz und Elmenhorst an der mecklenburgischen Küste zwischen Wismar und Lübeck zu spüren bekamen. „Wir haben damit ein echtes Problem“, weiß der Leitende Verwaltungsbeamte Bernd Anders vom zuständigen Amt Klützer Winkel. „Die Kosten für die Reinigung unseres 3,3 km langen Strandabschnitts belaufen sich jährlich auf 120 000 DM bis 200 000 DM.“ Dabei entfällt die Hälfte der Kosten auf die Deponierung des an sich harmlosen Naturprodukts.

Diese teure und nicht sonderlich kreative Entsorgung könnte schon bald der Vergangenheit angehören. Das Amt Klützer Winkel ist seit 1997 am Projekt „Entsorgung durch Verwertung von Seegras und Algen“ beteiligt, an dem neun Partner aus Deutschland, Frankreich und Dänemark mit finanzieller Unterstützung der EU-Kommission zusammen arbeiten. Das Ziel: Aus dem „gratis“ angeschwemmten nachwachsenden Rohstoff Seegras will man marktfähige Produkte herstellen.

Drei Produkte sind geplant: zum einen ein loser Dämmstoff für die Isolation im Wohn- und Industriebau, , zweitens eine Wärmedämmmatte und drittens eine Erosionsschutzmatte für die Rekultivierung von Flächen in Bergbau und Forstwirtschaft.

Allerdings müssen noch einige verfahrenstechnische Probleme gelöst werden. Zwar dreht das Räumgerät der Kässbohrer Geländefahrzeug AG schon seit zwei Jahren am Mecklenburger Ostseestrand erfolgreich seine Runden, doch fehlt es bisher noch an einer kostengünstigen Aufbereitung des Seegrases, die bisher manuell erfolgte.

Künftig soll das Seegras maschinell zerkleinert und getrocknet werden. „Wir arbeiten an einem Verfahren, bei dem das sehr nasse Ausgangsmaterial mechanisch zerkleinert und vorgetrocknet wird“, erklärt Klaus Keller vom Institut für Technische Trocknung, dem Projektpartner aus Gatersleben, „um dann das Seegras mit einem Drehrohrtrockner thermisch auf 90 % Trockensubstanz zu entfeuchten.“ Der Verfahrenstechniker ist zuversichtlich, diese mobile, energetisch sparsame sowie direkt am Strand einsetzbare Apparatur, die mit Pflanzenöl heizt, bis 2003 liefern zu können.

Indes wird auch das Zulassungsverfahren für die beiden Dämmstoffe, das derzeit vom Deutschen Institut für Baustofftechnik, Berlin, vorgenommen wird, bald beendet sein. „Wir rechnen damit, das wir die bautechnische Zulassung nächstes Jahr in der Tasche haben“, hofft Katrin Taraske von der Schweriner Metall- und Anlagenbau GmbH (MAB), unter deren Ägide die spätere technische Aufbereitung abgewickelt wird.

Taraske setzt dabei auf die ausgezeichneten Eigenschaften des nachwachsenden Rohstoffs aus dem Meer: Es zeigt eine gute Wärmedämmung – so liegt laut Karin Taraske seine spezifische Wärmekapazität bei 2,0, ist also höher als die von Mineralwolle –, es besitzt die Brandklasse B2, ist biologisch resistent und zudem problemlos zu entsorgen. Nach den vorläufigen Ergebnissen der Materialprüfung zeichnet sich allerdings ab, dass die Seegrasverwerter wohl ein chemisches Mittel einsetzten müssen, das die Schimmelbildung im Gras unterbinden hilft. „Ein Handicap, das in Nachbarländern ohne so strenge DIN-Normen sicherlich nicht auftreten würde“, kritisiert Taraske. DIERK JENSEN

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