Energie 19.01.2001, 17:28 Uhr

Vom Landwirt zum Energiewirt

Bisher spielten Futterrüben bei der Biogas-Gewinnung nur eine Nebenrolle. So entwickelten ein Landwirt in Ostwestfalen und das Hamburger Ingenieurbüro Loock die Idee, eine eigene agrarwirtschaftliche Maschinenlinie aufzubauen, um kontinuierlich Energie aus der Vergärung von Futterrüben zu erzeugen.

Hermann Meyer ist ein Futterrüben-Experte.“ Davon ist Rudolf Loock, Inhaber des Hamburger Ingenieur-Büros Loock-Consultants, nach zweijähriger Zusammenarbeit mit dem Landwirt aus Kirchlengern in Ostwestfalen überzeugt. Nicht zuletzt aus dessen Know-how um eine bisher stiefmütterlich behandelte Kultur erwuchs die Idee, Futterrüben als Hauptrohstoff für eine Biogasanlage einzusetzen.
„Bisher drehte sich in der landwirtschaftlichen Energieerzeugung alles um die Abfallstoffe. Wir sind jetzt dabei, eine Produktlinie zu schaffen und alle Module dieser Produktlinie, beginnend vom Einbringen der Saat über die Ernte- und Einlagerungstechnik bis hin zur Konversion des gewonnenen Biogases in eine stimmige Gesamtkette zu bringen“, erläutert Rudolf Loock das Konzept. Machbarkeitsstudien überzeugten auch Marketingexperten in Ostwestfalen, das Vorhaben unter dem Titel „Vom Landwirt zum Energiewirt“ zu fördern.
„Wir haben an jeder Schraube gedreht.“ Für Landwirt Hermann Meyer die Verwirklichung des Millionen-Projektes letztlich ein wirtschaftliches Rechenexempel. In dessen Mittelpunkt stand neben den Fördermaßnahmen von insgesamt 30 % (Meyer: „Zu wenig für ein so innovatives Projekt“) vor allem die Aufgabe, eine sehr hohe Energieausbeute pro Hektar zu erzielen. Während bisherige Erfahrungen – zum Beispiel beim Graskraftprojekt – eine Mindestfläche von 35 ha zur Erzeugung von 1 Mio. kWh ausweisen, will man in Kirchlengern die gleiche Energieausbeute auf weniger als einem Viertel dieser Fläche erzielen.
„Die Zahlen sind abgesichert durch Untersuchungen des agrartechnischen Institutes ATB in Bornim“, erklärt Rudolf Loock. Die Versuche der Wissenschaftler haben ergeben, dass die Gasausbeute von Futterrüben bislang stark unterschätzt wurde. Statt bislang vermuteten 750 m3 pro Tonne organischer Trockensubstanz (oTS), wurden im Labor mehr als 1000 m3/t oTS erzielt. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Rentabilität des Projektes war die Steigerung des Hektarertrages. „Bisher ging man von etwa 100 t bis 120 t Futterrüben pro Hektar aus. Wir sind der Meinung, dass wir das etwa verdoppeln, also auf 200 Tonnen steigern können“, ist Rudolf Loock angesichts der zu erwartenden guten Ernte sicher. Die Verbesserung des Saatguts ist eine Komponente, das Wissen des „Runkel-Experten“ Meyer um die richtige Einbringung der Saat jedoch der wichtigste Faktor für diese Ertragssteigerung.
Ehe Anfang November die Ernte auf dem hofnahen 10 ha großen Feld begann, galt es für Hermann Meyer und seine Mitstreiter noch zahlreiche technische Probleme zu lösen. Ergebnis der Bemühungen ist eine neue, speziell auf die Verarbeitung von Futterrüben in der Biogasanlage zugeschnittene Technik. „Bisher verwendete man einreihige Futterrübenroder. Doch damit sind keine 10 bis 15 Hektar zu bewältigen“, schildert Hermann Meyer ein arbeitswirtschaftliches Problem, dessen Lösung die neu entwickelte sechsreihige Erntemaschine darstellt.
Innovative Konzeptionen präsentieren die Loock-Ingenieure auch in der Zerkleinerungstechnik. Zusammen mit einem Anlagenbauer entstand ein Aggregat, das Rüben und Blätter optimal verflüssigt. Damit ist eine für den Verarbeitungsprozess notwendige sauerstoffarme Zerkleinerung gewährleistet, und es werden Aufschäumungen des Substrats wie in herkömmlichen Mühlen vermieden. Durch die Verflüssigung ist eine einjährige Lagerungsfähigkeit der Pulpe und folglich die kontinuierliche Energieerzeugung gewährleistet.
Das verflüssigte Material wird in großen mit Schutzfolie ausgekleideten Spannbetonbehältern gelagert und kann anschließend in die eigentliche Biogasanlage, die aus zwei Fermentern besteht, eingespeist werden. Das Biogas wird im eigenen Blockheizkraftwerk in Strom und Wärme umgewandelt. Die Energie dient zunächst dem Eigenverbrauch der Anlage. Mehr als 90% stehen jedoch für eine externe Nutzung zur Verfügung. So heizt Hermann Meyer zukünftig mit der Wärme die Wirtschafts- und Wohnräume seines Betriebes und speist die Hauptmenge des Stroms (derzeit ca. 80 kW) zum Preis von 20 Pf/kWh in das Netz eines regionalen Energieunternehmens ein. Selbst die Abfallstoffe des Gärsubstrats werden genutzt. „Diese werden wieder als Dünger ausgebracht. Somit entsteht ein geschlossener Nährstoffkreislauf“, betont Rudolf Loock. HEIKO KAISER

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