Kernenergie 14.04.2000, 17:25 Uhr

Umbau der Entsorgung hat begonnen

Das nukleare Entsorgungskonzept wird neu geregelt.

Bei den Konsensgesprächen über einen Atomausstieg brüten die Verhandlungspartner in Berlin noch immer über die Laufzeiten für Atomkraftwerke. Die Stromversorger verlangen eine Garantie für eine Gesamtleistung von 3200 TW. Das entspricht einer Laufzeit von mehr als 40 Jahren. Die Bundesregierung ist zu einem Angebot von 1800 TW bereit. Das würde ein Ende bis 2019 bedeuten.
Doch Teil zwei des Atomausstieges hat auch ohne formelle Einigung längst begonnen: Die Entsorgung der nuklearen Abfälle wird neu geregelt. Das seit 1979 gültige, mehrfach veränderte Entsorgungskonzept wird für das Modell der direkten Endlagerung neu zugeschnitten. Die Voraussetzung dafür sind dezentrale Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle. Sie sollen an allen Standorten von Kernkraftwerken gebaut werden. Damit würden Transporte zu den Wiederaufarbeitungsanlagen in England und Frankreich vermieden. Außerdem entfielen alle Transporte von deutschen Atomkraftwerken in die beiden zentralen Zwischenlager Ahaus und Gorleben.
Den Anfang machte bereits im Dezember 1998 der Dortmunder Energieversorger VEW. Er beantragte für das AKW Lingen eine Halle für 130 Stellplätze von Castor-Behältern. Die Aufnahmekapazität beträgt 1500 t atomare Abfälle. Zunächst brachte der Antrag der VEW Ärger. Die Stromversorger hatten nach dem Vorstoß von Bundesumweltminister Jürgen Trittin gegen die Wiederaufarbeitung die Kooperation mit der neuen Bundesregierung aufgekündigt. Gegen diesen Lagerkonsens verstieß die VEW damals. Doch heute ist der erste Antrag Modell für alle neuen Zwischenlageranträge. „Alle haben sich eingereiht in das Antragsverfahren, bei dem bereits Erfahrungen vorliegen“, sagt Johannes Altmeppen von den Hamburgischen Electricitäts-Werken (HEW). „Das Genehmigungsverfahren soll so einfach wie möglich gemacht werden, deshalb haben sich alle dem Konzept Lingen angeschlossen.“
Die Größe der beantragten Lagerhallen ist unterschiedlich, auch der Umfang des radioaktiven Potenzials und die Zahl der Behälterstandplätze. Doch vom Konzept her sind die Hallen gleich. Vorbild waren die zentralen Zwischenlager: einfache Betonhallen mit natürlicher Umluft, ohne Filter oder Absaugvorrichtungen. Die Wärme entwickelnden Behälter werden durch den natürlichen Luftzug gekühlt. 13 Anträge für solche Hallen liegen inzwischen beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter vor.
Die Größe reicht von nur 36 Behälter-Stellplätzen in Grafenrheinfeld bis zu 216 Standplätzen für alle geeigneten Behältertypen in Gundremmingen. Die Spannweite der Kapazität reicht von 300 t Abfälle in Stade bis zu 2500 t in Gundremmingen. Letzter Antragsteller waren die Bayernwerke Ende Februar. Mit 19 000 t Schwermetall ist die jetzt beantragte Kapazität mehr als doppelt so groß, wie die in den zentralen Zwischenlagern Gorleben und Ahaus vorhandene. Die Zahl der Stellplätze für Castor- und andere Behälter verdreifacht sich. In Gorleben und Ahaus stehen bisher 790 Pätze zur Verfügung.
Bei der bayerischen Landesregierung, aber auch bei Anti-AKW-Gruppen und den niedersächsischen Grünen stößt der geplante Bau dieser atomaren Zwischenlager auf Widerstand. Die Landesregierung in München hat bereits Klagen vor dem Verwaltungsgericht angekündigt. Sie hält den Bau für überflüssig.
Bei den Grünen und Anti-AKW-Gruppen machen vor allem die übergroßen Kapazitäten stutzig. Karl Amansberger vom Bundesamt für Strahlenschutz bestätigt: „Die beantragten 19 000 t reichten für eine Laufzeit der Atomkraftwerke von rund 40 Jahren.“
Die Vorsitzende der Grünen im niedersächsischen Landtag, Rebecca Harms, fordert daher, nur so viel Kapazität zu genehmigen, wie in den Konsensverhandlungen an Restlaufzeiten verabredet werden. Die Protestgruppen gehen in ihrer Kritik noch weiter. Sie sehen in der beantragten Tonnage nicht nur eine Festschreibung der Laufzeiten, sondern eine Sicherung des AKW-Betriebes überhaupt. Die Regierung beseitige einen „Entsorgungsnotstand“ der AKW-Betreiber, wenn diese neuen Zwischenlager gebaut würden. „Sie werden den AKW-Betreibern als perfekter Entsorgungsnachweis geschenkt“, heißt es in einem Positionspapier von Anti-AKW-Gruppen. Damit werde der unbefristete Weiterbetrieb der AKW gesichert.
„Das ist gar nicht nötig“, meint dagegen HEW-Sprecher Johannes Altmeppen. „Die Entsorgung ist gesichert, auch ohne die Wiederaufarbeitung und ohne die dezentralen Zwischenlager.“ Schließlich hätten die Stromversorger Ansprüche an Stellplätzen in den zentralen Zwischenlagern in Ahaus und Gorleben erworben. „Da gibt es hinlänglich Kapazität.“ Die neuen Zwischenlager seien für den Betrieb der AKW nicht nötig. „Der Bau dieser Lager ist eine gesellschaftliche Frage, keine des Entsorgungsnachweises“, sagt Altmeppen.
Das BfS hat inzwischen zu erkennen gegeben, dass es die Befürchtungen von Atomkraftgegnern zur Kenntnis genommen hat. BfS-Vertreter Karl Amansberger meint, die Größe eines Lagers werde im Genehmigungsverfahren geprüft. Schließlich gehöre die Notwendigkeit einer Anlage zu den Genehmigungsvoraussetzungen. Das niedersächsische Umweltministerium (NMU) hält die Befürchtungen der Kritiker für überflüssig. Die Genehmigung eines Abfalllagers ergebe noch lange keinen Rechtsanspruch auf den Betrieb eines AKW, erklärt Ministeriumssprecherin Jutta Krämer-Heye. „Ich verstehe das Misstrauen.“ Doch die Kapazität eines solchen Lagers ließe sich auch ohne große bauliche Veränderungen vergrößern oder verkleinern.
Die Industrie hofft auf eine schnelle Genehmigung innerhalb eines Jahres, so HEW-Sprecher Altmeppen. Doch ganz so schnell wird es voraussichtlich nicht gehen. Bis zu drei Jahren wird es nach BfS-Angaben dauern. Danach wird ein Jahr gebaut. Doch wenn die Industrie, wie angekündigt, innerhalb von fünf Jahren aus der Wiederaufarbeitung aussteigen will, dann reicht auch dieser Zeitraum noch aus. KARL-FRIEDRICH KASSEL
Im Kernkraftwerk Gundremmingen soll ein dezentrales Zwischenlager mit Stellplätzen für 216 Behälter eingerichtet werden. Das Kleinste Zwischenlager für 36 Behälter soll das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld bekommen.

  • Karl-Friedrich Kassel

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