Wasserkraft 02.05.2003, 18:24 Uhr

Turbinle-Bauer ist Weltspitze bei Wasserkraft

Die Genehmigungspraxis behindert in Deutschland noch immer die Nutzung der Wasserkraft.

Angefangen hat alles auf einem abgelegenen Schwarzwaldhof. Dort wohnte der Physikstudent Manfred Volk während seiner Semesterferien. Da es dort keinen Strom gab, baute er ein kleines Wasserkraftwerk. Die Leute spotteten, er wolle wohl dem E-Werk Konkurrenz machen, doch dann bat mancher darum, auch ihm so ein „kleins Turbinle“ zu bauen. Das war 1979.
Bald kamen Aufträge aus ganz Deutschland. Manfred Volk, inzwischen Physiklehrer, gründete die Firma Wasserkraft Volk (WKV) und richtete in der Scheune seines Anwesens in Simonswald eine Werkstatt ein. Dort wurden von einer Hand voll Mitarbeiter Kleinwasserkraftwerke für Peru, Malaysia und Papua-Neuguinea konzipiert und gebaut.
Weltbank und UNO schickten ihre Ausschreibungen nach Simonswald, das Auftragsbuch füllte sich: „Eh wir uns versahen, waren wir eine kleine Weltfirma, die an der Energie für die Zukunft arbeitete, doch unser Betrieb glich eher einer Dorfschmiede“, erinnert sich Volk. So stand er vor der Wahl, seine Firma „gesittet zuzumachen“, oder „gewaltig zu expandieren“.
Manfred Volk – der sich schmunzelnd „der Atomkraftvernichter aus dem Elztal“ nennt – entschied sich fürs Expandieren. Und, mit seiner sprichwörtlichen Hartnäckigkeit, dafür, weiterhin seine Vision zu leben, „der Wasserkraft zum Durchbruch zu verhelfen, um so möglichst viele Atomkraftwerke zu ersetzen“.
Beim Spaziergang an der Elz kam ihm die Idee, die Power des Schwarzwaldflüsschens zu nutzen, um in großem Stil viele kleine Wasserkraftwerke zu bauen. Der neue Betrieb sollte keine gewöhnliche Schwermaschinenfabrik sein, sondern eine „Zukunftsfabrik“, die mit Wasserkraft mehr Energie erzeugt, als sie verbraucht: die erste energieautarke und CO2-emissionsfreie Schwermaschinenfabrik Europas, vielleicht sogar weltweit. Und es sollte eine Aktiengesellschaft werden.
Wieder einmal wurde Manfred Volk belächelt, wieder ging seine Rechnung auf – allen Unkenrufen zum Trotz: „Dieses Konzept begeisterte nicht nur umweltbewusste Menschen, die meisten unserer rund 1400 ausschließlich privaten Aktionäre sind eher wertkonservativ eingestellt, zwischen 40 und 50 Jahre, kommen aus allen Berufen und zeichneten Anteile zwischen 300 € und 1,7 Mio. €“, sagt Volk.
Rund 10 Mio. € sollte die Zukunftsfabrik kosten, etwa 9,5 Mio. € wurden eingeworben, also mehr als genug Eigenkapital. Ein Bauplatz in Gutach-Bleibach direkt an der Elz stand bereit, lediglich die wasserrechtliche Genehmigung für die Hausturbinen fehlte noch.
Damit begann eine Odyssee durch den Wirrwarr der Ämter: „Ich muss es so brutal sagen, die deutsche Genehmigungspraxis für Wasserkraftwerke ist hirnrissig“, ereifert sich der Ökounternehmer. Selbst für eine kleine Wasserkraftanlage sei – wie für ein Atomkraftwerk – die große Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben: Mehr als zehn Behörden samt untergeordneten Fachausschüssen reden mit, darunter Naturschutz- und Fischereibehörde.
Eine Koalition aus störrischen Behörden, Öko-Fundamentalisten und Fischer-Lobby verzögerte jahrelang den Bau der Zukunftsfabrik. Ums Haar wäre die Initiative in den Mühlen der Ämter zerrieben worden, bis Manfred Volk die Behörden auf seine ganz eigene Art auf Trab brachte: Er schaltete Anzeigen in der „Badischen Zeitung“ und im „L““““Alsasse“, in denen er ein Grundstück für eine umweltfreundliche Wasserturbinenfabrik mit 100 Arbeitsplätzen suchte, und drohte so an, seine Zukunftsfabrik im nahen Elsass zu bauen.
Das Echo in den regionalen Medien war enorm und drang vor bis zum baden-württembergischen Wirtschaftsministerium. „Jetzt kam die Sache in Gang, die Baugenehmigung wurde erteilt und ein Zuschuss von 500 000 € aus dem Entwicklungsprogramm ländlicher Raum bewilligt“, freut sich Volk noch heute über sein Husarenstück.
Endlich konnte gebaut werden. Exakt zur Jahrtausendwende erstrahlte die Zukunftsfabrik – unter dem Jubel von mehr als 1000 Silvestergästen – mit Strom aus den hauseigenen Turbinen. Die beiden Francisturbinen mit einer Gesamtleistung von 320 kW erzeugen jährlich etwa 1,5 Mio. kWh: „Rund 1 Mio. kWh unseres Ökostromes verkaufen wir an den Atomstromproduzenten EnBW, denn wir haben lediglich 500 000 kWh Eigenbedarf, mit unserer Fabrik wird die alte Energiewirtschaft nicht reich“, frohlockt Volk.
Doch dies ist längst nicht alles. „Wir nutzen jede kleine Möglichkeit, um Energie und Ressourcen einzusparen“, erläutert Michael Feisst, Leiter der WKV-Entwicklungsabteilung: Es gibt eine Solaranlage und eine Wärmepumpe, selbst die Abwärme der Turbinen und der Druckluftverdichter in der Produktion fließen in die Heizung der Fabrik, die nach dem Standard eines Niedrigenergiehauses isoliert wurde. Bei WKV planen und bauen rund 50 Mitarbeiter – weitere sollen eingestellt werden – Kleinwasserkraftwerke bis zu einer Leistung von 10 000 kW.
Die Turbinen kommen vor allem dort zum Einsatz, wo entlegene Regionen im „Inselbetrieb“ dezentral mit Elektrizität versorgt werden müssen, weil die Installation eines Stromnetzes zu aufwendig wäre: Krankenhäuser in Ecuador, abgelegene Dörfer in Nepal oder eine Kaffeefarm in Peru sind dafür nur einige Beispiele.
Auch immer mehr „Independent Power Producer“ zählen zu den Kunden. Im Zuge der weltweiten Liberalisierung des Strommarktes speisen sie in eigener Regie per Wasserkraft erzeugten Strom in die öffentlichen Netze ein. Jüngst stellte die Weltbank erneut Geld für Kleinwasserkraftwerke bereit, um damit nicht elektrifizierte Regionen in Entwicklungsländern zu versorgen: „Small Hydro erlebt eine Renaissance“, konstatiert Volk, und kritisiert die deutsche Verhinderungspolitik für diese erneuerbare Energiequelle: Nur 4 % des Wasserkraftpotenzials würden hierzulande genutzt.
Dabei könnten allein in Baden-Württemberg 3000 Kleinwasserturbinen das Atomkraftwerk in Obrigheim ersetzen. „Leider ist es in Deutschland heute so gut wie unmöglich, die Genehmigung für ein kleines Wasserkraftwerk zu bekommen, selbst dann, wenn eine alte Anlage samt Wasserrecht vorhanden ist, 99,9 % aller Anträge werden abgelehnt“, bedauert Manfred Volk. Also konzentriert man sich auf das Auslandsgeschäft, das rund 90 % des Umsatzes ausmacht.
BURKHARD JUNGHANSS

Gutach
Gutach am Schwarzwaldflüsschen Elz besteht aus den Gemeinden Gutach, Bleibach und Siegelau, hat 4306 Einwohner und liegt rund 15 km von Freiburg entfernt. Größter Arbeitgeber (rund 500 Beschäftigte) ist die 1864 begründete Nähmaschinenfabrik Gütermann, hinzukommen handwerkliche Klein- und Mittelbetriebe. Der Erholungsort profitiert vom Tourismus in das nahe gelegene Glottertal. Die Wasserkraft Volk AG (WKV) startete ihren Betrieb im Ortsteil Bleibach im Mai 2000. Bislang mit 50 Beschäftigten und – für die Betriebsgröße sehr vielen – fünf Auszubildenden. Der Betrieb ist für rund 100 Mitarbeiter ausgelegt, dürfte aber, bei der glänzenden Geschäftslage, bald weiter expandieren. bj

 

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