Kernenergie 21.04.2006, 19:21 Uhr

Tschernobyl: Unfall und Katastrophe  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 21. 4. 06, mg – Am 26. April 1986, um 1.24 Uhr morgens, explodierte der vierte Reaktor des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl. Vorausgegangen waren waghalsige Experimente und drastische Bedienfehler. Dampfexplosionen zerstörten das Reaktorgebäude, der Graphitblock geriet in Brand. Die Einsatztruppen versuchten, den Reaktorbrand zu ersticken und das Gebäude notdürftig abzudichten. Nach zehn Tagen war der Brand gelöscht. So lange trug der Wind radioaktive Partikel nach Nord- und Mitteleuropa.

Tschernobyl ist mittlerweile stillgelegt. Dennoch sind die Lichter nicht ausgegangen, ein Gaskraftwerk sorgt im ehemals größten Kernkraftwerk der Ukraine für Strom und Wärme. Seine gesamte Energie wird für die Rückbauarbeiten gebraucht, mit denen knapp 4000 Menschen beschäftigt sind. „Man benötigt Anlagen für die Konditionierung von flüssigen und festen Abfälle mit mittlerer und niedriger Aktivität“, berichtet Dietmar Zappe von der Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit (GRS).

Je 25 000 m3 bis 30 000 m3 flüssige und feste Abfälle haben die stillgelegten Reaktorblöcke produziert, hinzu kommen noch die hochaktiven Brennelemente, von denen zwischen 25 000 und 30 000 in Abklingbecken auf die Weiterverarbeitung warten. Ist das strahlende Inventar erst einmal entfernt, kann man mit dem Abriss der Reaktorgebäude beginnen.

Der havarierte vierte Reaktor soll ab 2008 von einer gewaltigen Halle überdacht werden. Diese Halle soll die direkte Umgebung vor einer eventuellen neuen Kontamination schützen, denn der altersschwache Sarkophag von 1986 ist einsturzgefährdet. „Es gibt nach wie vor Unsicherheiten bei der Bewertung der tragenden Teile, die den Sarkophag stützen und die aus den alten Konstruktionsbestandteilen bestehen“, betont GRS-Ingenieur Dr. Gunter Pretzsch. Mit internationaler Hilfe soll die strahlende Ruine nun gesichert werden. Dazu muss der Reaktor nach unten gegenüber dem Grundwasser abgedichtet, die 1986 in aller Eile zusammengeschusterte Konstruktion stabilisiert und langfristig das stark strahlende Material aus dem geschmolzenen Reaktorkern geborgen werden. Rund 1,1 Mrd. $ werden dafür veranschlagt.

Der Unfall war der bisher schwerste in der Geschichte der zivilen Kernkraftnutzung. Rund 200 000 km2 Fläche wurden nach Angaben der UN-Atombehörde IAEA verseucht. Am stärksten betroffen war ein breiter Streifen beiderseits der ukrainisch-weißrussischen und der russisch-weißrussischen Grenze, insgesamt 146 000 km2 Fläche mit rund 5 Mio. Einwohnern. Davon liegen 10 300 km2 Fläche in der so genannten kontrollierten Zone 30 km rings um den Unglücksreaktor, aus der in drei Phasen 336 000 Menschen evakuiert wurden. Diese Zone ist auch nach 20 Jahren offiziell gesperrt, nur 350 alte Leute sollen hier, von den Behörden geduldet, leben.

Die Explosion hat Radioaktivität von fast 14 Trillionen Becquerel freigesetzt, von denen die Hälfte glücklicherweise auf das Konto des kurzlebigen und inerten Edelgases Xenon-133 ging. Die gefährlichsten Radioisotope waren Jod-131 mit 1,76 Trillionen, Cäsium-137 mit 85 Billiarden und Strontium-90 mit 10 Billiarden Becquerel. Das Jod ist zwar auch relativ kurzlebig, richtete aber in den Jodmangelgebieten der Ukraine, Russlands und Weißrusslands besonders große Schäden in der Bevölkerung, besonders bei Kindern an. Die Zahl der Schilddrüsenkrebse bei Kindern stieg in der Folge von Tschernobyl auf über das 100fache, gestorben sind allerdings nur neun, denn der Krebs lässt sich relativ gut behandeln. Cäsium und Strontium sind vor allem wegen ihrer langen Halbwertzeit von 30 und 29 Jahren problematisch. Die beiden Radioisotope machen heutzutage zu über 95 % das strahlende Erbe Tschernobyls aus.

„Es war ein sehr schwerer Unfall, bei dem sehr große Mengen an Radionukliden freigesetzt und weite Teile der Umwelt kontaminiert wurden“, erklärte der Strahlenmediziner Burton Bennett im September. Er ist der Vorsitzende des Tschernobyl-Forums, eines Expertengremiums, das im UN-Auftrag die Folgen der Reaktorkatastrophe feststellen sollte. Die Wissenschaftler stellten fest, dass von den 600 000 am stärksten verstrahlten Menschen voraussichtlich 4000 an den Strahlenfolgen sterben werden. Unter den 5 Mio. Menschen, die die Gebiete in Reaktornähe bewohnten, werden es noch einmal 5000 sein. Eine Angabe für die schätzungsweise 200 Mio. Menschen, die in den von Tschernobyl irgendwie betroffenen Gebieten Europas leben, macht das Tschernobyl-Forum mit Hinweis auf deren geringe Belastung nicht, manche Wissenschaftler gehen jedoch von weiteren 50 000 Toten aus.

Das Forum erntete mit seinen Ergebnissen geradezu einen Sturm der Entrüstung, wobei sich die Kritiker weniger an den Zahlen selbst als an deren Bewertung stießen. Denn die fällt ernüchternd aus: „Die gesundheitlichen Konsequenzen der Strahlung“, so Bennett, „sind nicht so ernst, wie wir es zunächst erwartet hatten.“ Zum Vergleich: Knapp ein Viertel aller Menschen stirbt an irgendeiner Form von Krebs, das gilt auch für die irgendwie von Tschernobyl betroffenen 200 Mio. Menschen. In diesem Heer sorgt die Reaktorkatastrophe nur für eine marginale Erhöhung der Krebstoten.

Unbestritten bleiben dagegen die katastrophalen psychischen Folgen des Reaktorunfalls. „Das ganze Leben der Menschen, alles, was sie aufgebaut haben, ist zerstört, sie wurden aus ihren Häusern vertrieben und umgesiedelt. Die soziale Umwälzung ist daher enorm“, betont Michael Repacholi von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Zusammen mit sechs UN-Schwesterorganisationen will daher die WHO diese psychischen und sozialen Folgen verstärkt angehen. „Wir müssen die Einstellung der Leute umdrehen“, fordert Kalman Miszei, Europachef des UN-Entwicklungsprogramms UNDP, „sie dürfen nicht mehr zurückblicken und sich von Tschernobyl zum Tode verurteilt fühlen, sondern sollen, nachdem der Großteil des Schadens bereits hinter uns liegt, ihre Zukunft aufbauen.“ HOLGER KROKER

Kernkraft im Ausbau
International gesehen befindet sich die Nutzung der Kernenergie im Aufschwung. 444 Kernkraftwerke werden gegenwärtig in 31 Ländern betrieben, 23 Anlagen sind derzeit in zehn Staaten im Bau. Darüber hinaus sind 38 weitere Reaktorblöcke rund um den Globus bis etwa zum Jahr 2020 in Planung.

Politisch diskutiert wird der Neubau in zahlreichen Ländern, darunter in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz, der Tschechischen Republik und Polen. In mehreren Industrienationen wurden die Laufzeiten bestehender Kernkraftwerke auf 60 Jahre erhöht oder bereits abgeschaltete Anlagen, wie in Kanada, wieder in Betrieb genommen. da/mg

  • Holger Kroker

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