Windkraft 24.09.1999, 17:22 Uhr

Tonnenschwer durch die Nacht

Nacht für Nacht rollen gigantische Frachten kreuz und quer durch die Republik. Schwerlasttransporte, die generalstabsmäßig geplant sind.

Kurz vor 22.00 Uhr. In der Borsigstraße direkt neben den Produktionshallen der Auricher Windmühlenschmiede Enercon wird es hektisch. Rund ein Dutzend Trucks werden angeworfen. Ihre Fracht: Rotorblätter und Maschinengehäuse. Einer der Fahrer ist Thomas Brands. Der 34jährige springt aus seinem Führerhaus, schaut auf die Uhr. „In ein paar Minuten geht“s los“, sagt er, schleicht um den Tieflader und zieht noch einmal an den breiten Spanngurten.
Die Ladung sitzt, ist fest verzurrt – da kann sich nichts mehr bewegen. 28 t Fracht wird der gelernte Fahrzeugmechaniker in dieser Nacht transportieren. Vom Gewicht her für die 400 PS-starke Zugmaschine überhaupt kein Problem. Doch links und rechts ragen die Teile ungewöhnlich weit über die Ladefläche hinaus. Blinklichter flackern auf, sie markieren die kostbare Fracht, machen sie weithin sichtbar. Brands Lkw hat eine Überbreite von 4,50 m, fast 2 m mehr, als üblicherweise zugelassen sind.
Nun wird“s hektisch. Mit Blaulicht kommt ein Streifenwagen angerauscht. Thomas Brands schnappt sich seine Begleitpapiere, und auch der Enercon-Einsatzleiter Ludger Janssen ist zur Stelle, er koordiniert die Transporte, ist für die Logistik zuständig. Kurze Routenbesprechung mit den Beamten, der Ton ist freundlich, man kennt sich. „Für uns ist das alles schon längst Routine“, meint Disponent Janssen schmunzelnd. Der Turbolader heult auf, Brands greift zum CB-Funk-Mikrofon. „Lars, es geht los“, meint der Fahrer zu seinem Lotsen, der im Schatten des Lasters in seinem VW-Bulli auf das Startzeichen gewartet hat.
Der Konvoi bewegt sich langsam aus dem Industriegebiet heraus, unzählige Lampen leuchten auf, werfen helle Lichtkegel auf die Straße. Vor uns der Opel-Vectra mit den Auricher Polizisten, hinter uns das Begleitfahrzeug, und mitten drin Brands Tieflader mit dem Maschinengehäuse, der Rotorgondel und einigen Schaltschränken – die Standardhardware für die 500-kW-Anlage des Typs E-40.
Nach nur fünf Minuten bekommen wir einen ersten Vorgeschmack auf das, was uns in dieser Nacht auf der rund 400 km langen Tour von Aurich nach Schwerin noch alles erwartet. Brands bremst an einer Kreuzung ab, die Straße führt ins Stadtzentrum. Die Ampel steht auf rot, der Truck rollt weiter vor, Brands schaltet einen Gang runter, tritt aufs Gas und rauscht durch. Eine Sache von wenigen Sekunden. 100 m vor dem Laster sichern die Polizisten die Kreuzung, rechts hinter der Ladefläche taucht im Rückspiegel Lars Klimke mit seinem Bulli auf. Ein halbes Dutzend Warnblinklichter strahlt unübersehbar, Klimke hält dem MAN von hinten die Straße frei. Im Führerhaus des Lkw zirpt das Funkmikro. „So, das hätten wir schon einmal geschafft“, sagt Brands und zieht zügig durch.
Seit knapp fünf Jahren ist Brands bei Enercon beschäftigt. Und genauso lange tourt er durch die Republik. Nacht für Nacht, von montags bis freitags. Dahinter steckt ein ausgefeiltes logistisches System. Pro Woche verlassen im Schnitt 45 Transporter das Stammwerk der Firma Enercon. Mit vier eigenen Sattelzügen und zusätzlichen Speditionsfahrzeugen werden die zehn Aufbauteams jede Woche von neuem mit Rotorblättern und Maschinengehäusen versorgt.
Der Montage-Rhythmus der Windräder bestimmt den jeweiligen Tourenplan. Just-in-time-Anlieferung auf der Baustelle heißt das Stichwort, sonst läßt sich das von Enercon gesteckte Aufbauziel von zwei E-40-Anlagen pro Woche nicht durchhalten. Und das bedeutet im Klartext: Brands Truck muß in den frühen Morgenstunden die Ortschaft Sülte bei Schwerin erreicht haben. Denn zur selben Zeit, während wir die Autobahnauffahrt erreichen, hat Enercon-Disponent Ludger Janssen vier Lkw mit Turmteilen von Magdeburg aus Richtung Schwerin geschickt. „Das muß alles Hand in Hand gehen und optimal aufeinander abgestimmt sein“, meint Brands. Sonst verzögert sich die ganze Montage des Windparks – und das kostet Zeit und Geld.
Vor uns blinken die Blaulichter des Streifenwagens, rote Schrifttypen warnen die übrigen Verkehrsteilnehmer im Sekundentakt. Der Schriftzug „Überbreite“ ist in leuchtend roten Lettern deutlich zu lesen. Wir erreichen die Auffahrt zur A 28 Richtung Oldenburg. Die Polizisten machen plötzlich Tempo, fahren weit voraus und stellen sich quer auf die Gegenfahrbahn. Brands drosselt den Turbolader, greift ins Lenkrad und holt weit aus. Für ihn ist die Rechtskurve ein Kinderspiel, und das, obwohl der Truck mit seiner Ladung die ganze Breite des Asphalts beansprucht.

Die nächtliche Tour ist bis ins kleinste Detail vorbereitet

So viel steht fest: Geisterfahrer hätten hier schlechte Karten. „Lars, bist Du noch dran, machst Du mir die Bahn frei?“, fragt Brands seinen unsichtbaren Begleiter. Eine metallisch klingende Stimme gibt per Funk nur ein kurzes „Alles o.k.“ zurück. Der VW-Bulli schert aus, Lars Klimke sorgt dafür, daß sich der Vierzigtonner sicher einfädeln kann und auf der Autobahn an Fahrt gewinnt. Brands schaltet hoch, 16 Gänge hat sein MAN, ein ruhig laufender Brummi.
Unsere Route wird uns über Oldenburg, nach Bremen, von dort nach Hamburg und zum guten Schluß nach Schwerin führen. Wenn alles nach Plan läuft, können wir die Baustelle in gut vier Stunden gegen zwei Uhr morgens erreichen. „Eigentlich kann nichts schiefgehen“, sagt Brands.
Die nächtliche Tour ist bis ins kleinste Detail vorbereitet. Zwei Wochen vor dem Start hat Einsatzleiter Janssen den Streckenverlauf festgelegt. Sämtliche Polizeistationen entlang der Route sind über den Transport informiert. Nur wenige Kilometer müssen in dieser Nacht über Landstraße zurückgelegt werden. Das sind die heikelsten Punkte bei jeder Fahrt. So auch vor einem Jahr, als Brands in Thüringen unterwegs war.
Nach 20 km ging überhaupt nichts mehr. In einer kleinen Ortschaft bei Gera saß der Trucker samt Ladung fest. Der Grund: Die Behörden hatten zwar fast alle Straßenbreiten penibel korrekt an die Auricher Zentrale weitergegeben, nur bei einer Dorfstraße fehlten dann doch noch 50 cm. Die waren – aus welchem Grund auch immer – übersehen worden. „Und so ein halber Meter kann uns im Handumdrehen zum Verhängnis werden.“ Nichts ging mehr, Brands saß in der Falle. An einem alten Fachwerkhaus mußte in den frühen Morgenstunden eine Ecke von 50 cm freigeschlagen werden. Erst danach konnte Brands weiterfahren. Solche Vorfälle sind aber eher die Ausnahme.
Der Truck rauscht auf Oldenburg zu. Rechts deckt eine Hälfte des Rotors Kilometer für Kilometer die Standspur ab. Brands hat im Laufe der Zeit eine schon fast olympiareife Fahrtechnik entwickelt. So weit es geht rechts halten, damit andere Fahrzeuge überholen können. Es ist kurz nach Mitternacht, wir haben Bremen hinter uns gelassen. Auf der Gegenfahrbahn kommt uns ein großer Konvoi entgegen. Auch ein Schwertransport, es sind vier Lkw mit Begleitfahrzeugen. Auf der offenen Ladefläche sind große, etwa 20 m lange weißlackierte Flügel zu erkennen. „Die könnten für Tacke-Mühlen bestimmt sein“, meint Brands und läßt die nächtliche Karawane an sich vorbeiziehen.
Länge und Breite stellen im Regelfall kein Problem dar. Anders sieht es mit der Höhe der Fracht aus. Je größer die technische Leistung der Windturbinen, desto höher und auch schwerer werden die Maschinenhäuser. Bis zu 7 m hoch ist das Maschinenhaus der 1,5-MW-Anlage des Typs E-66. „Die kann man nur selten komplett zum Standort transportieren“, meint Enercon-Mitarbeiter Ludger Janssen.
Einziger Trost, alle deutschen Turbinenbauer müssen mit zunehmender Konvertergröße neue Anlagenkonzepte entwickeln. Die Hersteller setzen auf kompakte Konstruktionen, auf Module, die sich schnell zusammenbauen lassen. Der Vorteil: Türme, Gondel, Nabe und Rotorblätter sind so konzipiert, daß sie in Einzelteilen verschickt und vor Ort innerhalb eines Tages montiert werden können. „Technisch ist bei der Leistung noch vieles machbar, entscheidend ist aber bei allen neuen Megawattmühlen, daß sie auch noch transportiert werden können“, heißt es bei Enercon.

Die neuen Megawattmühlen müssen transportierbar sein

Der Tacho zeigt gut 80 km/h an, die Tour läuft wie geplant. Es ist kurz vor halb zwei. Hamburg liegt nun schon lange hinter uns, der Verkehr auf der A 24 Richtung Schwerin ist ruhig geworden. Die Nacht gehört den Lastern. Noch 40 km, dann hat er auch diese Tour wieder geschafft. Kurz nach drei Uhr, wir fahren mitten auf dem Asphalt. Von Sülte geht“s im Schneckentempo weiter nach Uelitz. Ein imposantes Bild: Der Truck, die halogenbestrahlten Teile der E-40, davor der Streifenwagen mit Blaulicht und dahinter das Begleitfahrzeug mit dem eigentlich überflüssigen Hinweis „Nicht überholen – Schwertransport.“
MICHAEL FRANKEN
Die 28 t schwere Windkraftanlage ist für die Zugmaschine kein Problem, doch links und rechts ragen die Teile ungewöhnlich weit über die Ladefläche hinaus.
Für den Fahrer Thomas Brands ist vieles längst Routine geworden. So auch die kurze Absprache mit der Polizei, die seinen Schwerlaster begleitet.
Unübersehbar sind die nächtlichen Windmühlen-Transporte: Ein halbes Dutzend Lichter blinken, Teile der Windräder werden mit Halogenlichtern angestrahlt.

 

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