Energie 04.12.1998, 17:20 Uhr

Strommarkt 2000: höhere Rendite, weniger Beschäftigte, sinkende Großkunden-Preise

Strom wird für Großabnehmer deutlich preiswerter, gleichzeitig werden im Stromhandel gute Renditen erwartet. Dietmar Winje, Vorstandsvorsitzender des Berliner Energieversorgers Bewag, zeigt in seinem folgenden Beitrag, wie sich das Geschäft entwickelt.

Was kostet der Strom morgen? Nach herrschender Meinung kostet der Strom morgen weniger als heute, weil mit dem neuen deutschen Energiewirtschaftsgesetz vom 29. April 1998 eines der letzten Monopole aufgehoben und die Elektrizitätswirtschaft in einem Schritt in den Wettbewerb entlassen worden ist. Anbieter und Kunden sollen auf einem freien Markt zusammentreffen, auf dem sich der Preis für die Handelsware Strom nach Angebot und Nachfrage bestimmen wird.
Die Elektrizitätswirtschaft wird sich nun grundlegend und nachhaltig verändern. Ich wage die Prognose, daß spätestens in zehn Jahren von den heutigen Strukturen nur noch sehr wenig übriggeblieben sein wird.
Kernelement der Reform:
Der Netzzugang Dritter.
Voraussetzung für den Wettbewerb auf den Strommärkten ist die Nutzung der elektrischen Netze durch Dritte, die sogenannte Durchleitung.
Wegen der physikalischen Gesetze ist Wettbewerb beim Strom-Transport nahezu ausgeschlossen. Die Netze bleiben als natürliche Monopole bestehen. Echter Wettbewerb beim Stromtransport wäre nur durch den Aufbau paralleler Netze möglich, was weder ökonomisch noch aufgrund der Umweltbeeinträchtigungen sinnvoll ist.
Die Netzbetreiber sind deshalb verpflichtet, allen Interessierten das Netz diskriminierungsfrei für Stromlieferungen zur Verfügung zu stellen.
Neue Märkte entlang der Wertschöpfungskette
Der bisher einheitliche Strommarkt wird sich entlang der Wertschöpfungskette in verschiedene Teilmärkte aufspalten. Wettbewerb wird in der Erzeugung und beim Stromverkauf entstehen. Der Stromhandel wird sich zum eigenständigen und internationalen Geschäft entwickeln.
In Zukunft werden Kraftwerke gebaut werden, deren Kapitalwiedergewinnungszeiten überschaubar sind. Das verändert auch die Struktur des Primärenergie-Einsatzes mit einem wachsenden Marktanteil von Erdgas in der Stromerzeugung.
Für Großkunden werden deutliche Preissenkungen erwartet. Alle Energieversorger positionieren sich, indem sie ihre Preise für Industriekunden senken. Auch die Bewag hat in den letzten Jahren ihr Preisniveau für diese Kundengruppe um etwa ein Viertel gesenkt.
Für Tarifkunden werden sich die Preise wahrscheinlich nicht im gleichen Umfang wie auf dem Großkundenmarkt verringern. Hier dürften zusätzliche Dienstleistungen im Vordergrund stehen.
Als völlig neues Marktsegment wird sich der Stromhandel herausbilden. Strom wird zu einer normalen Handelsware. Neben den physischen Strommengen werden analog zu bereits existierenden Warenterminbörsen auch Preisgarantien gehandelt werden.
Internationalisierung zwingt zur Neuorientierung der Unternehmen
Internationalisierung und Globalisierung werden auch im Stromgeschäft zunehmen. Die Trennung von finanziellem Handel und physischer Versorgung beim Strom ermöglicht einen weltweiten Stromhandel. Durch internationale Beteiligungen werden Unternehmen die eigene Einflußsphäre erweitern und Marktanteile gewinnen.
Die Internationalisierung des Geschäftes bringt auch internationale Bewertungsstandards und Renditeerwartungen mit sich. In der Wettbewerbssituation wird das Zielsystem der Unternehmensführung durch die Befriedigung zuweilen entgegengesetzter Interessen der Anteilseigner, Kunden, Mitarbeiter und der Gesellschaft bestimmt.
Konzentration in der Branche Die Entkopplung von Produktion und Energieverbrauch wirkt sich seit Jahren auch im Strommarkt aus. Der deutsche Strommarkt ist ein stagnierender Markt. Deshalb wird es im Wettbewerb zu einer deutlichen Konzentrationswelle mit Verlust von Arbeitsplätzen kommen. Zunehmend wird das Geld am Kunden, in der Vermarktung des Stroms und weiterer Dienstleistungen verdient. Hier wird es eine größere Vielfalt von Dienstleistern geben, während die Erzeugung vermutlich in den Händen weniger Unternehmen konzentriert wird.
Wettbewerb: Durchbruch für Erneuerbare Energien?
Die Liberalisierung der Strommärkte und die Öffnung der Netze machen den aus regenerativen Quellen erzeugten Strom weder billiger noch höher verfügbar. Da durch die Liberalisierung der Strommärkte das allgemeine Preisniveau deutlich und nachhaltig sinkt, verschiebt sich die Schwelle der Wirtschaftlichkeit von Techniken zur Nutzung erneuerbarer Energien im Gegenteil nach oben. Erneuerbare Energie müssen sich am Markt aber aufgrund ihrer Wirtschaftlichkeit positionieren lassen, und nicht, weil sie auf Kosten anderer Marktteilnehmer über irgendwelche Förderprogramme dauerhaft subventioniert werden.
Kernenergie – Ausstieg oder Auslaufmodell?
Der erklärte politische Wille zum Ausstieg aus der Kernenergie und die wirtschaftlichen Erfordernisse des Wettbewerbs lassen befürchten, daß die Kernenergie, auf die in Deutschland heute noch etwa 30 % der Strombeschaffung entfällt, langfristig vom Markt verschwinden wird. Die Vorstellung, den Energiemarkt vollständig zu liberalisieren, gleichzeitig aber energiepolitische Ziele mit den alten Instrumenten erreichen zu können, geht an der Realität vorbei.
Politische Ziele in den Bereichen Umweltschutz, Energieeinsparung, Energiedienstleistungen und CO2-Reduzierung können nur durch wettbewerbskonforme Zusätze im Ordnungsrahmen erreicht werden. Die Verkaufs- und Einkaufspreise bilden sich am Markt, für reglementierte Preise mit Subventionsanteilen bleibt kein Raum. Die Politik ist aufgefordert, faire Startbedingungen für alle Teilnehmer herzustellen.
Ein neuer Marktteilnehmer kann heute schon deshalb besser agieren, weil er keine Investitionen im alten Ordnungsrahmen, teilweise unter mehr oder weniger leichtem Druck des Gesetzgebers getätigt hat. Sein Wettbewerbsvorteil ist dann aber nicht seiner höheren Effektivität, sondern dem Zufall geschuldet, erst jetzt auf den Markt zu treten. Damit wird aber die Effizienz des Gesamtsystems nicht erhöht.
Fazit
Wie groß die erhofften Preisreduktionen tatsächlich ausfallen, ist heute nicht absehbar. Der wettbewerbsinduzierte Rückbau von Überkapazitäten kann zu einer Verringerung der Versorgungszuverlässigkeit führen und begrenzt die Preisspielräume auf dem Großhandelsmarkt.
Wettbewerb führt nicht automatisch zu umweltfreundlicherer Erzeugung von Strom. Unterschiedliche Umweltschutzvorgaben innerhalb der EU wirken wettbewerbsverzerrend. Dadurch kann Erzeugungsleistung aus Ländern mit geringeren Anforderungen an den Umweltschutz wegen des geringeren Preises stärker nachgefragt werden und Erzeugung hierzulande verdrängen.
Die in Deutschland zu erwartende Konzentrationswelle kann längerfristig zur Oligopolisierung des nationalen Elektrizitätsmarktes führen, was im Grunde dem Ziel der Deregulierung und der Schaffung eines effizienten Wettbewerbes entgegen gerichtet ist.
Die wesentliche Phase wird der Übergang zwischen der heutigen Marktordnung und einem „eingeschwungenen Zustand“ der neuen Marktordnung sein. In dieser Phase werden die größten Umwälzungen, Gewinne und Verluste zu realisieren sein.
Der Wettbewerb kommt, später als erhofft und früher als erwartet.
DIETMAR WINJE
Gekürzter Vorabdruck der Rede, die Prof. Winje am Montag, 7. Dezember, auf einer Diskussions-Veranstaltung der VDI nachrichten halten wird.

Von Dietmar Winje
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