Energie 18.08.2000, 17:26 Uhr

Strom aus dem Unterirdischen

Tief unter der Erde im Nordosten Berlins befindet sich vermutlich ein Reservoir heißen Wassers. Diesen Schatz wollen Wissenschaftler heben, um damit ein Kraftwerk zu betreiben. Zuvor müssen jedoch noch Probebohrungen und Versuche durchgeführt werden.

Das Potsdamer Geoforschungszentrum will anhand einer Versuchsanlage etwa 50 km nordöstlich von Berlin den Nachweis für die Wirtschaftlichkeit der Stromerzeugung durch Erdwärme erbringen. Im Spätherbst werde das nationale Forschungszentrum eine noch aus DDR-Zeiten bestehende versiegelte Tiefenbohrung in Groß Schönebeck (Landkreis Barnim) wieder öffnen, kündigt der Direktor Prof. Dr. Rolf Emmermann an. Ab 2002 könnte dann bei Eignung des Untergrunds mit einem privaten Investor eine Demonstrationsanlage entstehen. Der nötige bergrechtliche Genehmigungsantrag und auch der Antrag auf Nutzungsgenehmigung beim Land wurde jetzt gestellt.
Nachdem das Bundesforschungsministerium bereits in den vergangenen Jahren ein wissenschaftliches Forschungsprogramm über die Rahmenbedingungen geothermischer Stromerzeugung in der Bundesrepublik Deutschland am zur Hermann von Hemholtz-Gemeinschaft zählenden Geoforschungszentrum gefördert hatte, unterstützt die praktische Umsetzung nun das Bundeswirtschaftsministerium mit 5,6 Mio. DM. Die Fördergelder fließen im Rahmen eines Gesamtprogramms zur weiteren Erforschung erneuerbarer Energien, in das im laufenden Jahr insgesamt 100 Mio. DM fließen sollen.
„Die geothermische Stromerzeugung wird sich rechnen“, ist Emmermann überzeugt. In Verbindung mit den im Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) festgelegten Einspeisevergütungen seien Gewinnmargen bei der Produktion problemlos zu erreichen. Das seit April gültige EEG legt Einspeisevergütungen zwischen 17,5 Pf/kWh bei einer installierten Leistung von 20 MW und 14 Pf/kWh bei größeren Anlagen fest. An Investitionskosten für den Bau der Anlage rechnet Emmermann mit rund 15 Mio. DM. Auch hier könnte die Nutzung öffentlicher Förderprogramme möglich sein.
Die bestehende Bohrung bei Groß Schönebeck reicht etwa 4000 m tief und wurde bereits zu DDR-Zeiten als eine von vielen auf der Suche nach Erdgasvorkommen bzw. Speichermöglichkeiten angelegt.
Die Temperatur des Untergrunds in dieser Tiefe beträgt rund 150°C. Nahezu ebenso wichtig für eine mögliche Stromproduktion ist aber die Gewährleistung entsprechender Fließraten im Gestein, um eine ausreichende Effizienz erzielen zu können. „Hier setzt das Forschungsprogramm am empfindlichsten Punkt an“, sagt Dr. Ernst Huenges vom Potsdamer Geoforschungszentrum, der sich schon seit Jahren mit den Möglichkeiten der Energieerzeugung mittels Geothermie befasst. Die klüftig-poröse Sandsteinschicht könnte geeignet sein, die erforderlichen Fließraten herzustellen. Dies würden die Ergebnisse der betreffenden Probebohrung aber auch anderer Tiefenbohrungen in der Region ergeben. Es ist anzunehmen, dass es sich um eine so genannte hydrothermale Wärmelagerstätte handelt, die für die Erzeugung von Elektrizität geeignet ist.
Nachdem die Bohrung geöffnet ist, soll zunächst einmal ein Versuchslabor errichtet werden. Die Herstellung der nötigen Fließraten solle dann mittels massiven Wasserdrucks erfolgen, der den klüftig-porösen Untergrund weiter aufbricht, so Huenges. Anders etwa als bei der bekannten Geothermie-Wärmeanlage im elsässischen Soultz, wo heißes trockenes Gestein im so genannten Hot-Dry-Rock-Verfahren mit Wasserzufuhr durchspült wird, ist in Groß Schönebeck geplant, ein vorhandenes Wasserreservoir zu nutzen. Nach dem Passieren eines Verdampfers eines zweiten Kreislaufes mit Turbinen soll das Wasser über eine zweite Bohrung zurückgeführt werden, so dass ein Kreislaufsystem entsteht.
Bei Eignung des Standorts soll ab 2002 mit einem privaten Investor die eigentliche Anlage errichtet werden. „Die entsprechenden Systeme sind bei diesen im Erdreich vorhanden Temperaturen von der Stange zu kaufen“, sagt Huenges. Auch an geeigneten Partnern, die als Investoren mitziehen wollen, sieht er keinen Mangel. Huenges: „Das Interesse ist groß, es liegen schon Anfragen vor.“ Das geplante Kraftwerk in Groß Schönebeck soll später eine Leistung von etwa 1 MW haben, was der Deckung des Strombedarfs von 1000 Wohnungen entspricht.
Das Konzept Groß Schönebeck soll schließlich so gestaltet sein, dass es auf andere mögliche Standorte übertragbar ist. „Das wäre eine Art Prototyp für das norddeutsche Becken“, sagt Huenges. Dieser in etwa die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen umfassende Raum könnte aufgrund seiner Bodenbeschaffenheit noch einige weitere mögliche Standorte für Anlagen zur Stromerzeugung aufweisen.
„Es kann dahin kommen, dass die Geothermie einen Boom erfährt, wie etwa die Windkraft“, meint Huenges. Die Geothermie habe sogar noch den entscheidenden Vorteil, dass sie wegen der permanenten Verfügbarkeit mehr Betriebsstunden pro Jahr möglich macht. Er schätzt das mögliche Potential des Geothermie-Stroms am bundesdeutschen Energiebedarf auf bis zu 5 % ein.
Nicht zuletzt stecken gerade für Ostdeutschland in der Nutzung der Geothermie auch wirtschaftliche Chancen. Wegen des Autarkie-Bestrebens der früheren DDR wurden dort bereits Geothermie-Anlagen zur Wärmegewinnung gebaut. Zahlreiche Know-how-Träger, Bohrfirmen, benötigte Komponentenbauer für künftige Anlagen und auch Engineering-Firmen könnten bei einer künftigen verstärkten Nutzung auf neue Geschäftsfelder bauen. GERALD DIETZ

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  • Gerald Dietz

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