Biomasse 18.12.1998, 17:20 Uhr

Strom aus der Biotonne

Im dezentralen „Rottaler Modell“ produzieren Landwirte aus Biomüll und Gülle Strom.

Auf den ersten Blick ist der Ko-Hof in Unterpaikertsham bei Triftern ein Hof wie andere im zwischen Passau und Regensburg gelegenen Rottal auch. Ein traditioneller Vierseithof mit gut 60 Tagwerk Grund und 120 Kühen im Stall. Ungewöhnliches tut sich nur in der nagelneuen Maschinenhalle neben dem Kuhstall. Dort liegt ein dunkler Haufen, aus dem wie Farbtupfer Orangenschalen hervorleuchten: Biomüll. Ein kleiner Radlader verfrachtet die unappetitliche Mischung auf ein Sortierband, an dem drei Frauen Plastik, Holz und andere feste und anorganische Bestandteile aus dem Abfall klauben. „Wir schließen die Kreisläufe!“ Karl Lechner weist auf ein Schaubild, das an der Hallenwand hängt. Drei farbige Kreise sind dort zu sehen, die wie Zahnräder ineinandergreifen, zwei Nährstoffkreisläufe und ein Energiekreislauf: Lechners Anlage produziert aus Bioabfällen, Rapsöl und Gülle Strom. Auf dem Bauernhof läuft seit zwei Jahren die erste Anlage des „Rottaler Modells“ der Biomüllverwertung. Dazu haben Karl Lechner und sein Bruder Ignaz eine eigene GmbH gegründet. Ein zweiter Verwertungsbetrieb arbeitet am anderen Ende des Landkreises Rottal-Inn, ein dritter ist im Landkreis Dingolfing-Landau in Betrieb gegangen. Zusammen verwerten die drei Anlagen den gesamten Bioabfall der beiden Landkreise. Damit schlagen die Bauern mehrere Fliegen mit einer Klappe: Das dezentrale Modell verringert die Entsorgungskosten durch kurze Transportwege, schafft Nebenerwerbsarbeitsplätze in der Landwirtschaft und sorgt dafür, wie Alfons Sittinger, Projektleiter beim Landkreis Rottal-Inn, hervorhebt, „daß das Geld, das die Bürger für die Entsorgung ausgeben, im Landkreis bleibt.“
Schließlich vermindert die Erzeugung regenerativer Energie die Emission der Treibhausgase Methan und Kohlendioxid. Innovation auf der ganzen Linie also. Das sah auch die Europäische Sonnenenergie-Vereinigung Eurosolar, Bonn, so: Der Deutsche Solarpreis 1998 für Eigentümer und Betreiber von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien geht in das Rottal. Dies ist bereits die zweite Auszeichnung von überregionaler Bedeutung. Schon im vergangenen Jahr wurde das Rottaler Modell als eines der „weltweiten Projekte“ ausgewählt, mit denen die Expo 2000 in Hannover innovative Lösungen für das 21. Jahrhundert vorstellen will.

Gemisch aus Gülle und Bioabfall bringt Gärung in Gang

10 t bis 12 t Biomüll bekommt der Betrieb pro Tag angeliefert. Dieser wird sortiert, gehäckselt, durch Erhitzen keimfrei gemacht und zu gleichen Teilen mit Gülle aus der Viehhaltung vermischt. Kofermentation heißt diese kombinierte Vergärung in Fachkreisen. Vorteil: Rindergülle enthält eine Menge Bakterien, die ohne notwendige Anpassung die Vergärung fortsetzen „Dadurch erreicht man eine sehr gute Stabilisierung des Prozeßablaufes“, erläutert Diplom-Physiker Max Winkler, der in Simbach am Inn ein Beratungs- und Planungsbüro für „Intelligente Energienutzung“ betreibt und die Steuerungstechnik für die Vergärungsanlage entwickelt hat.
So funktioniert das Verfahren: Wärme bringt das Biomüll-Gülle-Gemisch in unterirdischen Tanks zum Gären. Dabei entsteht Biogas, ein Gemisch aus Methan und Kohlendioxid, das die Turbine des Blockheizkraftwerks befeuert. Diese ist das Herzstück der Anlage hier wird aus dem Gasgemisch Strom erzeugt. „Es ist europaweit die erste Anlage mit Pflanzenöl-Zündstrahlmotor“, begeistert sich Karl Lechner. Pflanzenöl bringt das mächtige Dieselaggregat zum Laufen. Einem Turbodiesel vergleichbar, saugt es Biogas in die Brennkammer, wo der Methananteil zusammen mit dem Pflanzenöl verbrennt. Die Nadel des Anzeigegeräts im Schaltschrank zeigt dann ständig um die 80 kWh elektrischer Leistung. Zu etwa 10 % bis 15 % verbrennt der Motor Pflanzenöl, der Rest ist Biogas. Gegenüber einem reinen Gasmotor hat der Zündstrahlmotor einen besseren Wirkungsgrad. 34 % der eingesetzten Energie setzt der Motor in Strom um. „Wir speisen 85 % des erzeugten Stroms in das öffentliche Netz“, schreit Lechner gegen das Dröhnen des Dieselaggregats an. Aus 2500 t Biomüll, der Gülle aus der Viehhaltung und 25 t Rapsöl hat der Betrieb im zurückliegenden Jahr fast 600 000 kWh Strom erzeugt und davon 530 000 ins öffentliche Netz eingespeist. Das ist etwa so viel, wie 120 Einfamilienhäuser verbrauchen. Der zweite Entsorgungsbetrieb erzeugte aus 2400 t Biomüll 290 000 kWh Strom. 230 DM brutto zahlt der Abfallwirtschaftsverband je t Biomüll. Da der Strom ausschließlich regenerativ erzeugt wird, gibt es vom Energieversorger pro kWh die Einspeisevergütung von derzeit rund 15 Pfennig.
„100 Prozent regenerativ und 100 Prozent Verwertung“, zählt Lechner die Vorteile des Modells auf. „Es gibt bei uns keinerlei Abfall mehr.“ Gerade in der Kombination mit dem Pflanzenöltreibstoff kommt das Rottaler Modell der Idee geschlossener Stoff- und Energiekreisläufe schon recht nahe: Die Wärme, die bei der Verbrennung von Öl und Biogas entsteht, heizt Wohnhaus und Vergärungsanlage und dient zur Entkeimung des Abfalls. Als Endprodukt des Gärungsprozesses bleibt Dünger, der Mineraldünger auf den Feldern ersetzt. Hier wächst der Raps, aus dem Lechner das Öl preßt, das sein Zündstrahlaggregat antreibt. Die Rückstände der Ölpressung schließlich verfüttert Lechners Bruder an seine Rinder, von denen wiederum die Gülle stammt, die mit dem Biomüll vergoren wird. „Wir haben hier einen geschlossenen Kreislauf, wie es ihn in der Form bislang nirgends gibt“, betont Max Winkler. Es biete sich geradezu an, die Vergärungsgülle zu nutzen, um Ölpflanzen anzubauen und so mehr Öl für eine erhöhte Energieproduktion zu erzeugen.
WINFRIED KRETSCHMER

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  • Winfried Kretschmer

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