Energie 08.12.2000, 17:27 Uhr

Strom bewegt die Alltags-Welt

„Strom und Leben“ zeigt 100 Jahre Stromgeschichte auf 2000 m2.

Der Betreiber der Stromnetze des Essener RWE-Konzerns, die RWE Net AG, leistet es sich in Zeiten knapper Kassen, ein historisches Zentrum aufzubauen. Dabei ist das größte Exponat im früheren Umspannwerk in Recklinghausen das quaderförmig-kantige Museums-Gebäude im Stil des „Neuen Bauens“ selbst. Es beherbergt neben dem Firmenarchiv und der historischen Bibliothek des Verbandes Deutscher Elektrotechniker die Ausstellung „Strom und Leben“. Diese ist Fachgruppen wie der Öffentlichkeit zugänglich.
Nein, die Fönraupe hat sich niemals durchgesetzt. Diese lange Spirale, die mit einem elektrisch betriebenen Heizlüfter gekoppelt ist, sollte dazu dienen, an kalten Tagen Betten vor zu wärmen. „Desinfizierende Wirkung schrieb der Hersteller seiner Fönraupe zu“, berichtet die Historikerin Sabine Oetzel. Doch der Durchbruch blieb diesem Spezialgerät versagt – zu häufig brannten die Federbetten schlicht ab, anstatt wohlig warm zu werden. Und auch der elektrisch betriebene Zigarrenanzünder wurde nie ein Verkaufsschlager. Zu aufwendig und unpraktisch war das Gerät, das sich vom schlichten Streichholz nur durch seine Versnobtheit unterschied.
Fönraupe, elektrischer Zigarrenanzünder, aber auch ein 70 t schwerer Trafo aus einer Zinkhütte und der Universalmotor „Kobold“ von den Vorwerk-Werken, der gleichsam als Staubsauger, Fleischwolf, Mixer und zum Föhnen der Haare einzusetzen war – dies sind einige Exponate des „Museums Strom und Leben“, das am Sonntag (10.12) im früheren VEW-Umspannwerk in Recklinghausen seine Pforten öffnen wird. Dort legte eine Mannschaft von Historikern, Archivaren, Restauratoren und anderen Fachleuten noch in den vergangenen Wochen letzte Hand an eine Ausstellung, die in ihrer Art bundesweit die größte ist.
„Den meisten Menschen ist kaum bewusst, wie Strom ihr Leben in den vergangenen Jahren verändert hat“, meint Dr. Theo Horstmann, Historiker, im Hauptberuf Sprecher vom Dortmunder Stromnetz-Betreiber RWE Net AG und der „Vater“ des Museums. „Mit verschiedenen Themenschwerpunkten soll das Museum dieses Stück Leben darstellen und dabei nicht nur die technische Entwicklung aufzeigen, sondern auch Sozialgeschichte verdeutlichen.“ Sozialgeschichte und Strom? 1972, bei den Olympischen Spielen in München, und 1974 bei der Fußball-WM konkurrierten beispielsweise die neuen Farbfernseher und Geschirrspülmaschinen um die Gunst und vor allem die Geldbeutel der Verbraucher. Der Farbfernseher „gewann“ 1972 und ist nahezu in jedem Haushalt vertreten. Die Geschirrspülmaschine dagegen „verlor“ 1974 und konnte sich erst in etwa jedem 3. Haushalt durchsetzen. Gute zehn Jahre zuvor hatte dagegen der Vollwaschautomat gegen den Schwarzweiß-Fernseher (oder aber die Hausfrau gegen ihren Sportschau begeisterten Ehemann) das Rennen gemacht.
Dies sind allerdings schon weitergehende „Aha-Effekte“, die sich den Besuchern erst beim zweiten Nachdenken erschließen. Zunächst sind es Erinnerungen zu Gegenständen aus dem Alltag, die tausendmal zum Einsatz kamen, ohne dass darüber groß nachgedacht wurde. Im Museum gibt es ein Wiedersehen. Die Ausstellung selbst ist ein Ankerpunkt der „Route Industriekultur“ im Ruhrgebiet. Mit ihm öffnet sich übrigens auch ein Stück Alltags-Architektur den Menschen, die zig-mal an dem jetzt denkmalgeschützten Umspannwerk hart an der Stadtgrenze zu Herne und unmittelbar neben Emscher und Mittelland-Kanal vorbeigekommen sind. Das Museum weist etliche Besonderheiten auf: So können die Besucher durch stillgelegte Teile des Umspannwerks gehen und gleichzeitig – durch Sicherheitsglas abgeschirmt – einen Blick auf die noch arbeitenden Transformatoren werfen. „Die Ingenieure ziehen immer den Kopf ein, wenn sie die Isolatoren sehen, über die Strommengen umgeschlagen werden und halten automatisch einen großen Sicherheitsabstand“, berichtet Dr. Horstmann.
6 Mio. DM hat sich der Rechtsvorgänger von RWE Net, die VEW Energie AG, dieses Museum kosten lassen. Hinter der klassischen Backstein-Fassade entstand ein moderner zweigeschossiger Bau samt Nebengebäuden. Auf 2000 m2 werden Exponate gezeigt, von Einzelstücken bis hin zu kompletten Friseursalons, einem kleinen Kinosaal samt elektrisch beheiztem Rauchtisch. Außerdem beherbergt das Museum noch das VEW Archiv, als Dauerleihgabe die Fachbibliothek des Verbands Deutsche Elektrotechniker und mehr als 40 000 Bände zur Geschichte der Elektrotechnik. „Ein Drittel sind Unikate“, wie Archivar Peter Döring berichtet. Er hütet auch historische Fotografien sowie eine Vielzahl von historischen Werbeplakaten für Strom.
In den letzten Wochen vor der Eröffnung herrscht reger Betrieb. Ein Straßenbahnwagen aus dem Jahr 1916 musste mühsam wieder aufgearbeitet werden. Aus ganz Deutschland, vor allem aber aus den privaten Beständen vieler VEW-Mitarbeiter oder Bürger wurden altgediente elektrisch betriebene Geräte angeliefert. Rolf Eckner aus Oer-Erkenschwick schenkte dem Museum eine der ersten Tischeisenbahnen, eine Trix Express aus dem Jahr 1935 mit der Spurbreite OO. Diese Bahn wird ebenso ihren Platz finden wie der elektrisch beleuchtete Stopfpilz, den der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer in den Zeiten seines politischen Exils im Kloster Maria Laach erfand und sich patentieren ließ.
Gute 100 Jahre Stromgeschichte umfasst das Museum. Der Besucher wird die Erkenntnis mitnehmen, dass bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts der elektrische Eierkocher erfunden war. Elektrizität war damals ein Luxusgut, mit dem sich Besserverdiener von der übrigen Gesellschaft abhoben. Dann wurde Strom zum Massengut, elektrisch betriebene Geräte für jedermann erschwinglich. „Elektrizität ist inzwischen derart ,gewöhnlich“ geworden“, berichtet Museums-Historiker Hanswalter Dobbelmann, “ dass wir eine Lücke bei den Exponaten in der Jetzt-Zeit, also etwa ab 1985, haben.“ Die frühen PC und Kleinrechner – beispielsweise der legendäre Commodore – waren kaum zu beschaffen. Dr. Horstmann steuerte aus eigenen Beständen einige dieser „Primitiv-Maschinen“ bei. Der Exponat-Engpass der vergangenen 15 Jahre trägt auch ein Moment von Sozialgeschichte in sich. Elektrische Geräte sind so billig geworden, dass eine Reparatur kaum noch lohnt. Defekte Geräte werden schlicht weggeworfen – was auch mit technisch veralteten Mobiltelefonen geschieht.
Mobiles Telefonieren umfasste in den 50er Jahren mehrere koffergroße Geräte im Gegenwert eines – damals kaum erschwinglichen – VW Käfers. Inzwischen sind die Geräte handy-handlich geworden und nach spätestens zwei Jahren sind sie reif für den Müll. MARTIN ROTHENBERG

Historisches Zentrum

Strom und Leben

Nach der Eröffnungsfeier am 10. 12. nimmt das Museum „Strom und Leben“ ab Dienstag, den 12. 12., offiziell den Museumsbetrieb auf. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 4 DM für Erwachsene. Für Kinder, Studenten, Menschen in sozialen Problemlagen und Arbeitslose gilt ein ermäßigter Eintritt.
Adresse: Umspannwerk Recklinghausen, Historisches Zentrum, Bochumer Str. 253, zwischen den Anschlussstellen Recklinghausen-Süd an der A2 und Herne-Baukau an der A 42, Tel.: 02361/382216

Von Martin Rothenberg
Von Martin Rothenberg

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