Endlagerung 11.09.2009, 19:42 Uhr

Steter Tropfen höhlt das Salz  

Elf Jahre, von 1967 bis 1978, wurden im ehemaligen Salzbergwerk Asse II zu Forschungszwecken radioaktive Abfälle eingelagert. Sie sind noch immer dort, obwohl die Grube im niedersächsischen Remlingen nie als atomares Endlager genehmigt wurde. Ein Besuch. VDI nachrichten, Remlingen, 11. 9. 09, swe

Nach Salz sehen die Wände nicht aus. Dicker grauer Staub haftet dort. Mit dem Finger wegwischen, und es erscheint weißes Steinsalz. Man sollte sich nicht die Lippen lecken, „trotz der Luftfeuchtigkeit von nur 20 %“, warnt Ingo Bautz. Dann geht es zum Jeep, mit dem es durch das Bergwerk hinabgehen soll auf die 750-m-Sohle.

Doch wir fahren nicht weit, vorbei an dem brüllenden Wettermacher, noch auf derselben Sohle in eine andere Halle. Hier steht ein grüner Kran, darunter im Boden ein Metalldeckel. Ein paar Ecken weiter brummt die Bewetterung unermüdlich vor sich hin.

Die Besucher scharen sich wieder um die Führerin: „Unter uns ist die Einlagerungskammer für die mittelradioaktiven Abfälle“, erläutert Annette Parlitz. Mit dem Magnetkran wurden von 1972 bis Januar 1977 genau 1293 Fässer mit mittelradioaktivem Abfall in die Kammer eingebracht. Obwohl nur ein Hundertstel der Gesamtabfallmenge in Asse II, machten sie zum Zeitpunkt der Einlagerung zwei Drittel der Gesamtradioaktivität aus.

„Trotz des hohen Abklingens der Radioaktivität in der Kammer hätte man dort heute noch nach einer Schicht eine tödliche Dosis“, weiß Annette Parlitz, genauer: eine Gammadosis von 400 Millisievert pro Stunde. „Hier, wo wir stehen, haben wir eine Ortsdosisleistung von 10 nSv/h bis 12 nSv/h, dank der Abschirmwirkung einer 6 m dicken Salzdecke und eines Bleideckels von 50 cm.“

Danach geht es endlich abwärts. Nach wenigen Minuten wird die Luft immer dunstiger, Maschinengeräusch erfüllt den Fahrweg. „Hier wird heute gefräst. Das ist nur Salzstaub in der Luft. Ungefährlich“, ruft Ingo Bautz den Besuchern zu, die hinter ihm im offenen Jeep sitzen.

„Die Decke lockert sich am Rand auf“, erklärt er, „das müssen wir gezielt abfräsen.“ Wir warten, bis sich die blaue Fräsmaschine aus dem Weg bewegt hat. Der Dunst begleitet uns weiter, selbst als wir auf 574 m vor einem verschlossenen Kammerzugang halten.

„Die Decke lockert sich“, der Satz von Ingo Bautz geht nicht aus dem Kopf. Dann erhellen unsere Leuchten einen mit Salz zugeblasenen Kammereingang. Quer durch Decke und Wand zieht sich ein deutlich sichtbarer schwarzer Riss, dort oben haben sich Stalaktite aus Steinsalz gebildet.

„Es gibt Druck auf diesen Berg, senkrecht zu den aufgefalteten Schichten, vor allem im Süden des Bergwerkes“, erklärt Annette Parlitz. Eine der 40 m breiten Kammern sei auf 34 m zusammengeschoben worden, weiß sie. Das Gebirge überschiebe die obersten Zonen, die zum Hohlraum zugewandten Zonen lockern auf, brechen ab, platzen ab und können runterfallen. Auf diese Art und Weise sind früher in manchen der 40 m mal 60 m messenden und 15 m hohen Kammern auf der Südseite die Decken herabgestürzt. Daher die Fräsarbeiten. Um den Fahrweg zu sichern.

Besorgte Blicke der Besucher nach oben. Und die Stalaktite? „Seit 1988 haben wir definitiv Salzlösung in den Berg laufen“, sagt Parlitz. Die Frage steht im Raum: Wie lange ist die Asse noch betreibbar?

Annette Parlitz antwortet vorsichtig: „Bislang haben wir eine relative Betriebssicherheit bis 2020, aber nur, wenn nicht mehr Wasser zutritt“, sagt die Grubenführerin. Wir hoffen, dass wir die Stabilität durch Verfüllen mit Sorelbeton noch etwas erhöhen können“.

Sicherungsarbeiten an der Asse sind nicht neu. 1995, nach Beendigung der Forschung, hat man begonnen Salz in die südlichen Kammern oberhalb der 750-m-Sole zu verfüllen, 2,2 Mio m3 waren es bis 2004. „Damit wollte man einen Gegendruck schaffen, damit das Zuschieben der Kammern gebremst wird“, erklärt Parlitz.

Doch die Maßnahme reicht nicht aus, denn man bläst mit dem Salz ungefähr 50 % Luft ein. Auf die Dauer sackt das Salz zusammen, es entsteht ein Spalt zwischen Decke und Salz. Daher möchte das Bundeamt für Strahlenschutz die Hohlräume in diesen Kammern mit Sorelbeton verfüllen. „Ein Spezialbeton, der sich 1 bis 2 Prozentpunkte ausdehnt und kein Überschusswasser bildet“, weiß Annette Parlitz. Durch die Stabilisierungsmaßnahmen soll die notwendige Zeit gewonnen werden, um die Asse nach Atomrecht stilllegen zu können.

Weiter geht es hinab, den Dunst der Fräsarbeiten lassen wir hinter uns. Es wird still im Bergwerk. Der Jeep hält auf 658 m. Schwarze Folie verschließt einen Kammereingang. „Zutrittslösungsmanagement“ steht auf einem Schild. Dahinter eine hell erleuchtete, hohe Kammer. Darin ein großes, abgedecktes Becken, davor ein akkurat aufgeräumter Schreibtisch. Darauf mehrere Hefte: „Gesamttagesmessung Zutrittslösung“ steht auf einem.

„Seit 2002 sammelt man hier die Zutrittswässer“, erklärt Annette Parlitz. Jenes Grundwasser, das durch das Deckgebirge in die Grube dringt und sich dann durch Risse – Wegsamkeiten, wie es die Bergleute nennen – in der Asse in die Tiefe bewegen.

„Hier“, das ist die große Kammer, die hinter einem weiteren Folienvorhang verborgen liegt. „Das, was am Ende dieser Kammer austritt, ist voll aufgesättigt an Steinsalz“, sagt Parlitz. Sie nimmt die Folie zur Seite. Wie auf 574 m zeigt sich der Zugang zu einer zugeblasenen Kammer, Risse im Gewölbe, Stalaktiten, die herabwachsen. Sie hebt eine weitere Folie am Boden an. Dort sammelt sich eine kristallklare Flüssigkeit, die gesättigte Natriumchloridlösung.

Über Rohre wird sie in das Becken geleitet. Annette Parlitz hebt die Beckenabdeckung an, drei Rohre werden sichtbar, aus einem fließt die Lösung. Ein Geräusch wie beim Volllaufen einer Badewanne dringt in den Raum.

„Das hier sind am Tag 10 500 l“, weiß Ingo Bautz. „Es wird täglich kontrolliert, auch auf Zusammensetzung. Denn sobald die Dichte fällt, hätten wir ein Riesenproblem.“ Würde nämlich die Steinsalzkonzentration der Lösung sinken, könnte sie ja wieder Steinsalz lösen und damit neue Zutrittswege schaffen.

Oben angekommen steht das Tor der Schachthalle offen. Die Spätnachmittagssonne blinzelt hinein. Die Stille liegt, unheimlich und drückend, immer noch über dem Gelände. STEPHAN W. EDER

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Energie, Energierohstoffe, Klimaschutz, CO2-Handel, Drucker und Druckmaschinenbau, Medien, Quantentechnologien

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