Energie 14.03.2003, 18:24 Uhr

Steigender Bedarf an Regelenergie stellt Netzbetreiber vor Probleme

Steigender Bedarf an Regelenergie stellt Netzbetreiber vor Probleme

Seit April 1998 ist der Strommarkt in Deutschland geöffnet. Doch die Bilanz nach fast fünf Jahren Liberalisierung ist ernüchternd. Nach anfänglichem Preiskampf ist der Wettbewerbsdruck schnell verflogen. Seit zwei Jahren steigen die Strompreise und gleichzeitig sinkt die Versorgungssicherheit. „Für viele Haushalte ist das Thema Stromversorgung auch aus finanzieller Sicht schlicht nicht relevant“, kommentiert Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW). So kommt es, dass seit der Marktöffnung nur knapp 4 % der 40 Mio. Haushaltskunden und 6 % der 3 Mio. Gewerbekunden den Lieferanten gewechselt haben. Gedanken an einen Versorgerwechsel würden durch Zweifel an der Zuverlässigkeit der neuen Anbieter überlagert.
Doch gerade die Versorgungsqualität steht derzeit im Blickpunkt. Getrieben von dem Druck, ihr Shareholder-Value zu erhöhen, haben die Versorger umfangreiche Kostensenkungsprogramme gestartet. Dies führte bei renditeorientiertem Vertrieb zu stattlichen Betriebsergebnissen im Strombereich. Während der Stromverbrauch 2002 in Deutschland mit 582 Mrd. kWh nur knapp über dem Wert des Vorjahres (581 Mrd. kWh) lag, konnten viele Unternehmen ihren Gewinn in diesem Segment um zweistellige Prozentsätze verbessern.
Für die Stromwirtschaft fordert Meller bei Vorlage der Leistungsbilanz in Berlin klare politische Rahmenbedingungen. „Für Kraftwerks- und Leitungsbau müssen Investitionszeiträume von mindestens 30 Jahren kalkuliert werden.“ Ab 2010 müssten ältere Kohle- und Gaskraftwerke ersetzt werden. Hinzu komme der Verzicht auf Kernenergie. Auch der Trend zur dezentralen Energieversorgung bleibt nicht ohne Auswirkungen. „Die Netzbetreiber müssen sich auf neue Versorgungsstrukturen und Varianten der Netzbetriebsführung einstellen“, erklärte Prof. Dr. Edmund Handschin von der Uni Dortmund auf einer VDE/ETG-Tagung in Frankfurt. Es sei mit einer Umkehrung des Lastflusses zu rechnen. Mit wachsendem Anteil regenerativer Energien erhöhe sich zudem die Dynamik in den Verteilnetzen. Schnell müsse eine Reihe offener Fragen gelöst werden, z.?B. bei Normen und Richtlinien oder bei rechtlichen Rahmenbedingungen. Welche Qualität der Stromversorgung wollen wir uns leisten, welche ist sinnvoll und wer soll für den notwendigen Ausbau der Infrastruktur aufkommen?
So sieht Holger Kühn von E.on Netz einen Investitionsbedarf in Milliardenhöhe auf die Netzbetreiber zukommen. Die Bezeichnung „small is beautiful“ für dezentrale Kleinanlagen gilt für ihn schon lange nicht mehr. Ende letzten Jahres waren in Deutschland 13 759 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 12 000 MW installiert, davon allein im E.on-Netz rund 5400 MW. Nicht nur onshore sei ein weiterer Ausbau geplant, offshore lägen bereits Anfragen von Projekten mit 15 000 MW vor. Um den zusätzlichen Windstrom auch transportieren zu können, müsse allein E.on ihr Netz bis Mitte des nächsten Jahrzehnts um 1000 Trassenkilometer ausbauen. Die Kosten dafür beziffert Kühn auf 550 Mio. $. Damit einhergehend steige auch der Regelleistungsbedarf von 2300 MW auf 10 000 MW, die Kosten dafür von 200 Mio. $ auf 1 Mrd. $ im Jahr.
„Wenn wir die Windenergie weiterhin so ungehemmt wachsen lassen, dann werden wir innerhalb der nächsten Jahre erhebliche Netzprobleme bekommen“, warnt auch Rolf Windmöller, Vorstandsmitglied von RWE Net, gegenüber dieser Zeitung. Obwohl das eigene Netz nicht an der Küste liegt, müsse RWE Net bereits 400 MW an zusätzlicher, nur durch die Windkraft verursachter Regelleistung im Tagesgeschäft vorhalten. Übers Jahr gesehen sei sogar eine Reserve für die volle Windleistung notwendig.
„Für 1 MW Windenergie muss eben auch 1 MW konventioneller Kraftwerksleistung vorgehalten werden. In den kalten Winternächten im Januar dieses Jahres hat die Windenergie überhaupt nicht zur Bedarfsdeckung beigetragen“, so Windmöller. Für die schnellen Schwankungen bei der Windeinspeisung und zur Systemstabilität werden schnell regelbare Kraftwerke in Reserve benötigt. Damit stelle sich die Frage nach der zukünftigen Energielandschaft Deutschlands. „Wer soll die Kosten für die notwendigen Netze und Regelkraftwerke übernehmen, wenn gleichzeitig durch die Liberalisierung der europäischen Energiemärkte strengstes Denken in Kosten und Wirtschaftlichkeit angesagt ist?“
Auf Druck des Kartellamtes wird der gesamte Bedarf an Regelenergie öffentlich ausgeschrieben, zum Teil sogar täglich. „Doch wir können keinen Kraftwerksbetreiber dazu zwingen, uns Regelleistung anzubieten“, so Windmöller. In den beiden vergangenen Jahren sind die Preise für Regelenergie bereits immens gestiegen. Preissprünge um das Zwei- oder Dreifache seien jedoch weder mit höheren Kraftwerks- noch mit Brennstoffkosten zu belegen oder zu rechtfertigen, klagt der Verband der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft(VIK). „Die Anbieter von Regelenergie nutzen ihre marktbeherrschenden Stellungen missbräuchlich aus.“ Aufgrund dieser Beschwerde hat das Bundeskartellamt Ende Februar ein Missbrauchsverfahren gegen RWE- und E.on-Unternehmen wegen überhöhter Regelenergie-Preise eingeleitet. Eine Prüfung habe den Verdacht erhärtet, dass RWE Power, RWE Rheinbraun sowie E.on Sales & Trading im RWE- bzw. im E.on-Übertragungsnetzgebiet für die Bereitstellung von Primär- und Sekundärregelenergie überhöhte Preise fordern. Die hohen Preise für Regelenergie hätten wesentlich zum Preisanstieg der Übertragungsnetzentgelte von über 10?% im Jahr 2002 beigetragen.
Bundesumweltminister Jürgen Trittin erteilte den Klagen der Stromversorger, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erhöhe die Kosten für Regelenergie und Netzführung, eine klare Absage: „Die Netzbetreiber können ihre Kosten durch bessere Prognosen, ein effizienteres Netzmanagement und flexiblere Kraftwerke deutlich senken.“ Der Ersatz alter konventioneller Kraftwerke stehe ohnehin an. Das EEG diene einzig und allein der Förderung erneuerbarer Energien und nicht der Förderung der Netzbetreiber. „Wir verfolgen, ob Stromanbieter das EEG zu versteckten Preiserhöhungen nutzen.“
ROBERT DONNERBAUER

  • Robert Donnerbauer

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