Pannenserie setzt sich fort 11.10.2013, 15:51 Uhr

Stark erhöhte radioaktive Strahlung im Meer vor Fukushima

Die Pannen und Probleme an der havarierten Atomruine Fukushima Daiichi in Japan reißen nicht ab. Jetzt wurde in dem Hafen vor den Ruinen die 13-fache Belastung an Cäsium gemessen. Premierminister Shinzo Abe scheint einzulenken und internationale Hilfe annehmen zu wollen.

Japans Premierminister Shinzo Abe (mit rotem Helm) besuchte die Atomruine Fukushima am 19. September: Immer noch laufen täglich 300 Tonnen verstrahltes Wasser ins Meer. Wegen der Pannenserie will Abe nun auch internationale Spezialisten auf das Gelände lassen. 

Japans Premierminister Shinzo Abe (mit rotem Helm) besuchte die Atomruine Fukushima am 19. September: Immer noch laufen täglich 300 Tonnen verstrahltes Wasser ins Meer. Wegen der Pannenserie will Abe nun auch internationale Spezialisten auf das Gelände lassen. 

Foto: dpa

Es klingt wie aus einem schlechten Film: Da trennt ein Mitarbeiter ein Verbindungsrohr im komplexen Leitungssystem der havarierten Atomanlage Fukushima Daiichi und sechs Mitarbeiter kommen mit stark radioaktiven Wasser in Berührung. Der deutsche Nuklearmediziner am Institut für Strahlenschutz des Helmholtz-Zentrums München, Werner Kirchinger, hält die Gefahr für die Arbeiter allerdings für gering. „Solange keiner etwas vom Wasser verschluckt hat, ist die Gefahr überschaubar“, sagt er.

„Es ist ernst, weil es ein weiteres Problem ist, das durch Nachlässigkeit verursacht wurde, aber ich glaube nicht, dass es eine ernsthafte beunruhigende Dosis ist“, hält der Chef der japanischen Atomsicherheitsbehörde Shunichi Tanaka dagegen, dessen unabhängige Behörde nach Beginn der atomaren Katastrophe im März 2011 gegründet worden war.

„Diese Reihe an Pannen ist einfach unprofessionell“

Denn dieser Fall ist nur ein Fall in einer Reihe von bemerkenswerten Pannen. So war am 7. Oktober bereits eine der Pumpen für das Kühlwasser im Reaktor versehentlich abgestellt worden. Hans-Josef Allelein vom Lehrstuhl für Reaktorsicherheit der RWTH Aachen hält diesen Unfall für relativ unproblematisch, da die Nachzerfallswärme im Reaktor nach über zwei Jahren nach dem Gau recht gering sei. Aber er sieht keinerlei Grund für Entwarnung und zeigt sich besorgt: „Natürlich kann man den Druck auf die Leute dort vor Ort verstehen. Doch diese Reihe an Pannen ist einfach unprofessionell.“

In den Hafenbecken vor der Atomruine Fukushima wurde jetzt eine 13-fach erhöhte radioaktive Belastung gemessen. Jetzt wird spekuliert, ob radioaktiv versuchtes Erdreich ins Meer gerutscht ist. Angesicht der Kaimauern und Betoneinfassungen ist davon allerdings kaum auszugehen.

In den Hafenbecken vor der Atomruine Fukushima wurde jetzt eine 13-fach erhöhte radioaktive Belastung gemessen. Jetzt wird spekuliert, ob radioaktiv versuchtes Erdreich ins Meer gerutscht ist. Angesicht der Kaimauern und Betoneinfassungen ist davon allerdings kaum auszugehen.

Foto: dpa/Tepco

Denn es findet kein Ende der Pannen in Fukushima. Erst am gestrigen Donnerstag musste der völlig überforderte Betreiber der havarierten Anlage Tokyo Electric Power Company, kurz Tepco, bekannt geben, dass am Mittwoch im Vergleich zu Vortag innerhalb einer Barriere im Hafen des AKWs eine 13-mal höhere Cäsium-Belastung gemessen wurde.  In Zahlen: Nahe der Wasserentnahmestelle für das Kühlwasser der Reaktoren nach der Kernschmelze wurden 370 Becquerel pro Liter Wasser an Cäsium-134 und 830 Becquerel pro Liter Wasser an Cäsium-137 gemessen. Zum Vergleich: Am Tag zuvor waren es noch 26 beziehungsweise 64 Becquerel je Liter Wasser.

Shinzo Abe: „Mein Land braucht ihr Wissen und Ihre Expertise.“

Tepco vermutet als Ursache für diesen drastischen Anstieg der Strahlenbelastung, dass radioaktiv verseuchte Erde ins Wasser gefallen sein könnte. Ins Wasser gefallen! Es ist kurios: Denn an dieser Stelle wird an einer Barriere gearbeitet, die irgendwann einmal verhindern soll, dass das strahlende Wasser direkt in den Ozean fließt.

Premierminister Shinzo Abe scheint inzwischen auch nicht mehr wirklich seinen Leuten beim Pannenkonzern Tepco vertrauen zu wollen. Bei einer Konferenz in Kyoto vor ein paar Tagen gestand er der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO): „Mein Land braucht Ihr Wissen und Ihre Expertise.“ Jetzt, nach mehr als zwei Jahren stümpern an strahlenden Ruinen, will der Premierminister offenbar endlich internationale Experten auf das Kraftwerksgelände lassen.

Noch vor einem Monat war „alles unter Kontrolle“

Noch vor einem Monat versicherte Shinzo Abe in Buenos Aires, wo sich Tokyo erfolgreich um die Austragung der Olympischen Sommerspiele im Jahre 2020 bewarb, dass in Fukushima „alles unter Kontrolle“ sei. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) „Citizens‘ Commission on Nuclear Energy“ (CCNE) kritisiert diese Verharmlosung des Premiers heftig. CCNE-Mitglied Tetsure Tsutsui, ein auf den Umgang mit kontaminiertem Wasser spezialisierter Maschinenbauingenieur, sagte zu der beschönigenden Äußerung Shinzo Abes in Buenos Aires: „Ich finde, das ist eine sehr falsche Behauptung.“

Leck in einer Wasserleitung: Sechs Mitarbeiter sind mit stark radioaktivem Wasser in Berührung gekommen, als ein Mitarbeiter ein Verbindungsrohr im komplexen Leitungssystem der havarierten Atomanlage Fukushima Daiichi getrennt hatte.

Leck in einer Wasserleitung: Sechs Mitarbeiter sind mit stark radioaktivem Wasser in Berührung gekommen, als ein Mitarbeiter ein Verbindungsrohr im komplexen Leitungssystem der havarierten Atomanlage Fukushima Daiichi getrennt hatte.

Foto: dpa

Tsutsui mischt sich auch wissenschaftlich in die Pläne der Regierung ein, im Boden unter den havarierten Reaktoren eine Eisschicht zu installieren, damit kein Grundwasser mehr in die Keller laufen kann. „Die Eiswand ist eine kritische Angelegenheit“, sagt der Ingenieur. „Sie ist in diesem Ausmaß noch nicht erprobt, insofern können wir auch nicht sagen, ob das Vorhaben eine dauerhafte oder nur eine vorübergehende Option ist.“ Er empfiehlt ebenfalls eine Eiswand, allerdings an einer anderen Stelle, die sich in ihrer Lage an der Bewegungsrichtung des Wassers orientiert und deshalb kleiner ausfallen könnte: „So wüsste man besser, womit man es zu tun hat“, so Tsutsui.

„Es ist wichtig, die grundsätzlichen Risiken der Atomkraft zu kennen.“

Auch der Plan der Regierung, den nuklearen Schutt, der sich in Fukushima überall auftürmt, schon bald wegzuräumen, rät das CCNE ab. Dies schaffe nur neue Risiken und verbessere die Lage nicht, so die NGO. Ende des letzten Monats hat der Verein seine Forderungen dem Parlament vorgelegt, mit ungewissem Ausgang: „Die Regierung betreibt ihre Krisenpolitik auf ihre Weise, um die Atomenergie in Japan nicht in Frage zu stellen. Es ist aber wichtig, auch die grundsätzlichen Risiken der Atomkraft zu kennen“, sagt deshalb Tetsure Tsutsui.

Es ist ja bekannt, dass Japaner klare Worte meiden und sich gerne freundlich herausreden, oder Probleme unter den Teppich loben. So sagte der Wiederaufbauminister Takumi Nemoto vor einigen Wochen auf typisch japanische diplomatische Weise: „Es gibt Gegenden, in denen weiterhin Probleme bestehen und die Menschen für lange Zeit nicht in ihre Heimat zurückkehren können.“

Über 160 000 Menschen durch Atomkatastrophe entwurzelt

Fakt ist: Mehr als 160 000 Menschen sind nach dem 11. März 2011 evakuiert worden und leben seitdem in temporären Unterkünften, wo es oft an vielem fehlt und oft auch sehr weit weg von ihrem Zuhause. Vielleicht können sie niemals mehr wieder zurück in das zerstörte Gebiet, das bis zum 11. März 2011 ihre Heimat war.

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