Energie 29.03.2002, 18:33 Uhr

Stadtwerke leiden unter Abriss von Wohnungen

Wenn Plattensiedlungen und alte ostdeutsche Stadtviertel abgerissen werden, sind auch die Stadtwerke betroffen. Sie müssen Fernwärmeleitungen und Versorgungsnetze neu verlegen. Eine Kostenlawine kommt auf die kommunalen Versorger zu.

Kommunale Ver- und Entsorger in Ostdeutschland fühlen sich vom Wohnungsleerstand in ihren Städten bedroht. Wenn zu DDR-Zeiten gebaute Plattensiedlungen und alte Stadtviertel mit Hilfe der Bundesregierung abgerissen oder umgenutzt werden sollen, dann gelten dafür vor allem soziale und stadtplanerische Gründe. Die städtischen Versorger sehen dagegen finanzielle Belastungen auf sich zukommen, wenn sie die technischen Probleme bei Netzauslegungen, Rohrquerschnitten und Regelungssystemen lösen wollen. Wie groß das Problem ist, ermittelte die Energieagentur Sachsen-Anhalt. Ihr Untersuchungsergebnis bestätigt die Befürchtungen zunächst in Sachsen-Anhalt. „Was da auf die Stadtwerke zukommt, ist existenzbedrohend“, meint Ernst Krömer, Geschäftsführer der Energieagentur.

In den östlichen Bundesländern standen nach einer zwei Jahre alten Untersuchung des Instituts für Energetik und Umwelt in Leipzig (IfE) rund 10 % des gesamten Wohnungsbestandes leer. In Sachsen-Anhalt betrug die Leerstandsquote 14,2 %. In Magdeburg waren 28 000 Wohnungen von 128 000 unbewohnt, in Stendal 5000 Wohnungen von 24 000. In manchen Siedlungen sind gerade noch 10 % der Wohnungen belegt. Die Kommunen entwerfen Rückbauszenarien. In Halle sollen 20 000 Wohnungen endgültig verschwinden, in Dessau 7000.

Wenn Neubausiedlungen abgerissen, Stadtviertel entleert werden, dann ist vor allem die Infrastruktur bei Fernwärme, Trinkwasser und Abwasser betroffen. Weniger technische Probleme haben nach der Studie der Energieagentur die Gas- und Stromversorger. Untersucht wurden vier Stadtquartiere, in denen in den nächsten Jahren insgesamt 16 000 Wohnungen abgerissen werden sollen. Am heftigsten trifft es die Fernwärmeversorger. Deren Systeme sind noch auf den überhöhten Wärmebedarf aus Vorwendezeiten ausgelegt. Außerdem laufen die Hauptversorgungsleitungen überwiegend durch die Kellerräume der künftigen Abrisshäuser, so dass jeder Abriss eine Lücke im Versorgungsnetz bedeutet.

Die Transportzeit des heißen Wassers verlängert sich durch überdimensionierte Leitungen um das Dreifache. Das Trinkwasser steht teilweise bis zu 30 Tagen in der Leitung. Stand der Technik wären fünf Tage. Weil auch hier die Leitungen durch die Keller gehen, werden laut Studie Neuverlegungen bis zur dreifachen Rohrlänge nötig. Besonders auffällig sind die Folgen der geringen Nutzerzahl bei den Abwasserleitungen. Weil die Mindestfließgeschwindigkeit in über 95 % der untersuchten Fälle unterschritten wird, bilden sich faulende Ablagerungen mit Gestank.

Die Investitionen, die zur Anpassung der Netze notwendig wären, würden nach Berechnungen der Energieagentur 20 $ pro m2 Wohnraum ausmachen. Hinzu kämen Kapitalverluste, weil nach der Wende erneuerte Netze noch nicht abgeschrieben sind. Das wären weitere 19 $ je m2 Fläche. Zum Vergleich: Für den Abriss und die städtebaulichen Maßnahmen der Strukturanpassung sind maximal 75 $ je m2 veranschlagt. Die Infrastrukturkosten kämen mit über 50 % hinzu. „Stellenweise wären sie ebenso hoch wie die Abrisskosten“, meint Geschäftsführer Krömer. Würde man sie auf die Einwohner abwälzen, könnte sich die Abwanderung beschleunigen.

Abhilfe soll durch das Förderprogramm der Bundesregierung zum Stadtumbau Ost kommen. Für die Strukturanpassung in den östlichen Bundesländern sind darin 2,2 Mrd. $ vorgesehen. Doch die galten bisher nicht für Infrastrukturfolgen, erklärt Lars Marschke von der Universität Dresden. Das soll jetzt anders werden. In der Diskussion sind 50 % der Gesamtsumme, die künftig für die Ver- und Entsorgungseinrichtungen bereitstehen sollen. Die Dresdener Uni berät im Auftrag des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung betroffene Kommunen. Vorerst nur im Osten. Doch das Problem, da ist sich die Energieagentur Sachsen-Anhalt sicher, wird es in Zukunft auch im Westen geben. KARL-FRIEDRICH KASSEL

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