Energiewirtschaft 05.10.2012, 19:54 Uhr

Schweiz: Partner der EU-Energiewende

Längst ist die Energiewende kein deutsches Projekt mehr. Auch andere Länder haben sich von der Kernkraft abgewandt. Die Bereitstellung umweltverträglicher Ersatzkapazitäten stellt die Stromproduzenten in der Schweiz vor Herausforderungen. Hierüber sprachen VDI nachrichten mit Michael Frank, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen.

Auch die Schweiz plant den Ausstieg aus der Kernenergie.

Auch die Schweiz plant den Ausstieg aus der Kernenergie.

Foto: Nordex

Die Schweiz hat eine Energiewende beschlossen, die eine schrittweise Stilllegung der fünf Kernkraftwerke vorsieht, die derzeit noch rund 40 % des schweizerischen Strombedarfs decken. Der Ausgleich der so entstehenden Unterdeckung soll nicht allein im eigenen Land erfolgen, sondern auch durch grenzüberschreitenden Austausch, durch europaweite Koordinierung von Kompetenzen und Ressourcen.

„In Europa muss die Stromerzeugung grenzüberschreitend erfolgen, weil jeder auf jeden angewiesen ist“, weiß Michael Frank, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Wenn sich im europäischen Kontext jeder so aufstelle, dass er seine besonderen Vorteile optimal einbringe, ergebe sich letztlich für alle Beteiligten eine Win-win-Situation.

In Zukunft könnte der Norden seinen Reichtum an Windenergie nutzen, der Süden Solarstrom beisteuern und die Schweiz ihren Wasserreichtum einsetzen, um Speicherkapazitäten für den bei günstigen Wetterbedingungen überreichlich anfallenden Strom bereitzustellen, der dann bei Mangelsituationen wieder abgegeben werden kann.

Leitungsausbau: Zwingende Voraussetzung für die Energiewende in der Schweiz

„Wenn wir solche Lösungen wollen, müssen wir ganz vordringlich die Übertragungsnetze ausbauen“, ergänzt Frank. Der Ausbau der erneuerbaren Energien zwinge dazu, Strom vermehrt dort zu erzeugen, wo viel Wind beziehungsweise viel Sonne zur Verfügung steht, um ihn dann dorthin zu transportieren, wo er gerade gebraucht wird. Die Schweiz sehe er dabei teils als Transitland, teils als Systemdienstleister und Batterie, um kurzfristige Stabilitätsprobleme ebenso auszugleichen wie etwas länger dauernde Unterdeckungen bei ungünstiger Wetterkonstellation.

Unabdingbare Voraussetzung hierfür sei jedoch ein zügiger Ausbau der Transportnetze über alle Landesgrenzen hinweg. Dabei müssten ausreichende Kapazitäten vorgesehen werden, um bei günstigen Wetterlagen auch größere Stromüberschüsse dorthin zu bekommen, wo sie benötigt werden.

Leider gehe dieser dringlich notwendige Ausbau nicht im erforderlichen Tempo voran, so Frank. Ursache sei, dass lange Verfahren und politische Widerstände Planung und Realisierung über Gebühr verzögerten. Hier seien die jeweiligen Gesetzgeber gefordert, Hemmnisse abzubauen und Verwaltungsverfahren zu vereinfachen.

Speicherausbau: Die Schweiz baut zu

„In der Schweiz laufen zurzeit Projekte, die auf einen erheblichen Ausbau der Pumpspeicherkapazitäten abzielen“, weiß Frank. Derzeit verfüge das Land über 14 Pumpspeicherkraftwerke mit einer Pumpkapazität von knapp 1,4 GW. Pro Kopf der Bevölkerung ist das mehr als 225 % des Vergleichswertes in Deutschland. Weitere 3 GW sind zurzeit in Planung bzw. bereits in der Realisierungsphase.

Fast noch wichtiger als die reine Speicherung ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Wasserkraftwerke besonders schnell regelbar sind. Während selbst die als schnell geltenden Gas- und Dampf-Turbinenkraftwerke rund eine halbe Stunde oder mehr brauchen, bis sie ihre volle Leistung erreichen, kann man die Turbinen in Wasserkraftwerken quasi auf Knopfdruck anlaufen lassen und innerhalb kürzester Zeit auf Volllast hochfahren.

Aus diesem Grund eigneten sich Wasserkraftwerke besser als jeder andere Anlagentyp für die Bereitstellung sogenannter Systemdienstleistungen wie Spitzen- und Regelenergie zur Stabilisierung der Netze, so Frank. Dies wird umso wichtiger, je stärker die wetterbedingt schwankende Zufuhr an Wind- und Sonnenstrom die Netzstabilität belastet.

Marktdesign: Subventionen verzerren den Wettbewerb

„Der eigentlich dringend notwendige Ausbau unserer Pumpspeicherkapazitäten wird leider durch die aktuellen Verwerfungen auf dem Strommarkt verzögert“, bedauert der VSE-Direktor. Grund hierfür sei die Tatsache, dass Strom aus Wind und Sonne subventioniert wird, während Großwasserkraftwerke keine Förderung erhalten.

Das bisherige Geschäftsmodell sah so aus, dass Pumpspeicherkraftwerke nachts mit überschüssigem und daher billigem Grundlaststrom aus Kern- und Kohlekraftwerken aufgeladen werden. Den gespeicherten Strom konnten sie dann in den verbrauchsstarken Zeiten zwischen 5 Uhr und 23 Uhr als Spitzenlaststrom zu entsprechend auskömmlichen Preisen vermarkten.

Inzwischen fallen jedoch gerade um die Tagesmitte herum in Süddeutschland große Mengen Solarstrom an, die an den Strombörsen zu äußerst niedrigen Preisen angeboten werden, weil die Netzbetreiber diesen Strom bevorzugt abnehmen müssen.

Für die Anlagenbetreiber in Deutschland bleibt dieser Verdienstausfall ohne Nachteile, weil ihnen eine Ausfallvergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz garantiert wird. Schweizer Betreiber von Wasserkraftwerken haben diesen Ausgleich jedoch nicht und sehen sich dadurch verzerrten Marktkräften ausgesetzt.

Diese Situation müsse dringend auf internationaler Ebene geregelt werden, fordert Frank. Anderenfalls sei zu befürchten, dass auf Schweizer Seite das Interesse an Investitionen in den eigentlich dringend notwendigen Ausbau solcher Kraftwerke erlahme.

Investitionssicherheit: Gebraucht wird Planungssicherheit

„Damit sind wir auch bereits bei einem der größten Probleme der Schweizer Elektrizitätserzeuger, dem aktuellen Mangel an Planungssicherheit“, ergänzt Frank. Bis auf den Ausstieg selbst sei längst nicht ausreichend klar, in welche Richtung sich die künftige Energiepolitik entwickeln solle. Dies gelte sowohl für die Situation in der Schweiz selbst als auch auf internationaler Ebene.

Die Elektrizitätserzeuger der Schweiz gehören nicht privaten Konzernen, sondern zu über 80 % Schweizer Gemeinden und Kantonen. Bei Investitionsentscheidungen geht es daher in erster Linie um verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichem Eigentum.

Kraftwerke und Netze sind sehr langlebige Güter, die enorme Investitionen erfordern. Entsprechend lang sind die Zeiträume, die es braucht, damit der Betreiber die entsprechenden Kosten wieder hereinholen kann. Für diese Zeiträume braucht er die Sicherheit, dass die der Investitionsentscheidung zugrunde liegenden Rahmenbedingungen ihre Gültigkeit behalten.

Angesichts teils mehr als ein Jahrzehnt dauernder Umsetzungsphasen zwischen Planungsauftakt und Fertigstellung technischer Großprojekte müssten die Gesetzgeber dringlichst verbindliche Richtungsentscheidungen vorgeben, mahnt VSE-Direktor Frank an. Anderenfalls könnte es in spätestens zehn Jahren zu einer empfindlichen (Selbst)versorgungslücke beim Strom in der Schweiz kommen. 

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