Erdgas 24.08.2007, 19:29 Uhr

Russisches Gas aus Steinkohle- und Erdölfeldern  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 24. 8. 07, rb – Das weltweit größte Erdgasförderunternehmen, die russische Gazprom, hat sich viel vorgenommen in den nächsten Jahren. Neue Pipelines, Erkundungen und Förderung von Methangasvorkommen sowie die vollständige Nutzung des Begleitgases sind nur einige von vielen technisch anspruchsvollen Gasprojekten in den Weiten Russlands und darüber hinaus.

Der russische Konzern OAO Gazprom will Methangas aus Steinkohle-Lagerstätten für die Produktion von Erdgas erschließen. Im sibirischen Kusnezkbecken laufe derzeit ein entsprechendes Experiment, bei dem aus speziellen Bohrungen Methan gewonnen werde, berichtet der weltgrößte Erdgasproduzent. Im zweiten Halbjahr 2009 sollen die Förderung und die Belieferung von Kunden aufgenommen werden.

Im Juni 2007 hatte Gazprom ein Spezialunternehmen übernommen, das über eine Erkundungs- und Förderlizenz für Lagerstätten im Kusnezkbecken mit 6100 Mrd. m3 Methangas verfügt. Insgesamt vermutet Gazprom in den russischen Steinkohle-Lagerstätten Methanmengen von 49 000 Mrd. m3 – was einem Fünftel der vermuteten Erdgasressourcen des Landes entspreche.

Zum Vergleich: Die nachgewiesenen russischen Erdgasreserven liegen derzeit bei 48 000 Mrd. m3. Diese Zahlen werden von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in etwa bestätigt, wobei sie allerdings die vermuteten Ressourcen an konventionellem Erdgas in Russland geringer einschätzt.

In Russland wird Methan aus Kohlelagerstätten derzeit nur als Begleitgas bei der Entlüftung bestehender Bergwerksschächte gewonnen. Gazprom zufolge sind es im Petschora- und im Kusnezkbecken jährlich 500 Mio. m3.

Im Petschorabecken, nordwestlich des Uralgebirges gelegen, arbeiten derzeit auch die deutsche Steag Saar Energie AG und ihr russischer Partner Severstaal Resurs daran, die Systeme zur Entgasung und Verwertung von Grubengas auf den Bergwerken der Severstaal-Tochter Workuta-Ugol zu optimieren. Das Projekt soll teilweise durch den Handel mit Emissionszertifikaten finanziert werden. Steag Saar Energie betreibt bereits im Saarland und in Nordrhein-Westfalen Anlagen zur Absaugung und zur energetischen Verwertung von Grubengas.

Weitere bisher ungenutzte Gasreserven will Russland künftig durch die Aufarbeitung von Begleitgas erschließen, das bei der Erdölförderung anfällt. Schätzungen zufolge werden von den jährlich geförderten 55 Mrd. m3 Begleitgas derzeit 20 Mrd. m3 mangels Nutzungs- und Transportmöglichkeiten abgefackelt. Das russische Ministerium für Naturressourcen drängt die Ölförderunternehmen, inzwischen mit Unterstützung von Präsident Wladimir Putin, die Fackel-Praxis zu beenden.

Bis 2011 wird eine nahezu vollständige Nutzung des Begleitgases angestrebt. Ein ehrgeiziges Ziel, das auch in anderen Ländern nicht ohne weiteres zu erreichen ist: Die deutsche Wintershall AG hat es gerade erst bei der Ölproduktion in ihren libyschen Feldern dank einer neuen Pumpentechnik geschafft. Die nötige Technik, um das Begleitgas vor Ort zu nutzen, liefert u. a. der Österreicher Motorenspezialist GE Jenbacher. Er hat bereits zahlreiche Blockheizkraftwerke für russische Ölförderer errichtet, die speziell an das jeweils anfallende Begleitgas angepasst sind. Sie erzeugen Strom und Wärme für Förderanlagen und Mitarbeiter-Siedlungen.

Auch an klassischen Erdgas-Lagerstätten herrscht in Russland offenbar kein Mangel – die Herausforderungen liegen eher in Erkundung, Erschließung und Transport. So rechnen Gazproms Erkundungsspezialisten damit, dass die nachgewiesenen Reserven der Erdgas-Großlagerstätte Stockmann in der arktischen Barentssee von bisher 3661 Mrd. m3 durch die laufende Erkundung bis zum Ende des Jahres um weitere 370 Mrd. m3 wachsen.

Weitere Erdgasreserven werden in „Satelliten-Lagerstätten“ vermutet, die 140 km bis 200 km von Stockmann entfernt sind. „Es gibt in dieser Region gewaltige vermutete Ressourcen“, berichtet Stockmann-Projektleiter Rudolf Ter-Sarkisow. „Sie erfordern eine ernsthafte geologische Erkundung.“ Große Erdgasvorräte will Gazprom künftig auch in Ostsibirien und im Fernen Osten Russlands erschließen.

Für den lukrativen Export des Erdgases setzt der mehrheitlich staatliche Konzern auf mehrere neue Pipelineprojekte. Gemeinsam mit den deutschen Konzernen BASF und E.on bereitet er derzeit den Bau der Leitung Nord Stream vor, die ab 2010 russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland und Westeuropa transportieren soll.

Im Süden ist der italienische Energiekonzern Eni der Partner für das Projekt der Pipeline Jushnij Potok (Südstrom), die durch das Schwarze Meer nach Bulgarien führen und von dort in zwei Richtungen nach Österreich und Italien abzweigen soll. Hier ist zunächst eine Machbarkeitsstudie vorgesehen. Wenn der Plan für Südstrom umgesetzt werde, verfüge Gazprom mit Nord Stream, Jamal-Europa, dem ukrainischen Korridor, Südstrom und Blauer Strom über ein komplexes System von miteinander verknüpften Gasleitungen für den Erdgasexport nach Europa, erklärte der Export-Chef Alexander Medwedjew. „Damit können wir die Steuerung unserer Exportströme im Interesse unserer Kunden optimieren.“

Mit den neuen Leitungen werden größere Liefermengen möglich. Gleichzeitig verlieren die Transitländer Ukraine, Weißrussland und Polen, mit denen Gazprom immer wieder Konflikte ausgetragen hat, an Bedeutung. Besonders Polen hat daher energisch gegen die Ostseepipeline protestiert.

Neue Exportleitungen will Gazprom bis 2011 auch nach China bauen. Eine wichtige Rolle in den Exportplänen spielen darüber hinaus weltweite Lieferungen von Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas – LNG) per Tankschiff. Derzeit entwickelt der Konzern dieses zukunftsträchtige Geschäft durch Testlieferungen mit internationalen Partnern.

Ab 2008 will er eine eigene Produktion auf der fernöstlichen Insel Sachalin aufnehmen, die bereits mit Lieferverträgen nach Japan, Südkorea und USA ausgebucht ist. 2014 soll ein LNG-Werk bei Stockmann folgen und möglicherweise ein weiteres an der russischen Ostseeküste.

Die Exporte nach Mittel- und Westeuropa haben für Gazprom eine enorme wirtschaftliche Bedeutung: Mit einem Drittel seiner Gasverkäufe erwirtschaftet der Konzern hier mehr als 60 % seines Umsatzes. Seit mehreren Jahren hebt er auch in den früher sehr günstig belieferten Nachbarländern Russlands die Preise an.

„Bis 2011 ist geplant, die Rentabilität der Verkäufe auf dem russischen Markt auf das europäische Niveau zu bringen“, kündigte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Alexander Ananenkow an. Ein ehrgeiziges Ziel: Im Jahr 2006 lag Gazproms durchschnittlicher Verkaufspreis im Inland bei 1125 Rubel (33 €) je 1000 m3 – etwa einem Zehntel des Preises für Westeuropa. STEFAN SCHROETER

Ein Beitrag von:

  • Stefan Schroeter

    Stefan Schroeter verfasst fachjournalistische Berichte über die Energiewirtschaft.

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