Windkraft 24.10.2008, 19:38 Uhr

Repowering bringt alte Windparks auf neuen Stand

Bis Anfang nächsten Jahres will der Energiekonzern Essent im Nordosten der niederländischen Provinz Groningen einen Windpark mit veralteten Anlagen durch moderne leistungsstarke Dreiflügler ersetzen. Dabei handelt es sich um ein beispielhaftes Repowering-Projekt. In Deutschland hingegen dümpelt die Modernisierung älterer Windparks vor sich hin.

Langsam lichten sich die Morgennebel. Immer deutlicher zeichnet sich die eindrucksvolle Batterie von Betontürmen ab, die wie an einer kilometerlangen Perlenkette aufgereiht auf dem alten Deich hinter dem Hafen von Eemshaven errichtet ist. Ohne Flügel wirken die rund 100 m hohen Stangen irgendwie nackt.

Nicht mehr lange, sagt Jan Boorsma, der bei Essent für alle Windpark-Vorhaben in den Niederlanden zuständig ist: „Bis Jahresende wollen wir jede Woche zwei Windturbinen komplett mit Gondel und Rotorflügeln montieren.“ Ein ambitionierter Zeitplan. Boorsma und sein Team betreuen keinen x-beliebigen Windpark. Im Nordosten der Provinz Groningen ist der Energiekonzern Essent dabei, nicht nur den größten Windpark der Niederlande, sondern auch das europaweit größte Repowering-Projekt (Modernisierung) bis spätestens Anfang kommenden Jahres ans Netz zu bringen.

Urlaubern, die von Eemshaven aus die Fähre nach Borkum oder Helgoland nutzen, ist der Anblick der insgesamt 94 Mühlen des einstigen amerikanischen Herstellers Kenetech Windpower wohl vertraut. Das Gros dieser Kleinstanlagen mit einer Leistung von 360 kW läuft wegen technischer Probleme nur noch zeitweise – die Silhouette rund um den Hafen Eemshaven wirkt wie ein großes Freiluft-Technikmuseum.

Bis vergangenen Herbst gehörten noch 40 Micon-Mühlen mit jeweils 250 kW Leistung zu diesem Ensemble, das Boorsma bereits hat demontieren lassen: „Wir brauchten einfach Platz für die neuen Mühlen.“ Statt der bislang 134 Windräder mit zusammen 44 MW Leistung, die in den Jahren 1993 und 1995 in Betrieb gingen, umfasst Essents Windpark „Westereems“ demnächst 52 Propeller der 3-MW-Klasse. Bestellt haben die Niederländer die State-of-the-Art-Windturbinen beim deutschen Marktführer Enercon aus dem ostfriesischen Aurich.

Essent macht damit vor, was Repowering eigentlich bedeutet: Die Anlagenzahl wird in etwa gedrittelt, die installierte Leistung beinahe vervierfacht. Damit nicht genug: „Mit dem Repowering steigern wir den jährlichen Ertrag unseres hiesigen Windparks von jährlich 80 Mio. kWh auf 470 Mio. kWh, was angesichts unserer steigenden Ökostromkunden ein wirkliches Plus ist“, hat Boorsma errechnen lassen.

Dank der über 150-Mio.-€-Investition von Essent dürfte Eemshaven in nicht allzu ferner Zeit einer der ertragreichsten Onshore-Standorte in Europa sein. Neben Essent bauen noch der Electrabel-Konzern sowie eine private Investorengruppe zwölf weitere Enercon-Maschinen. Alles in allem stehen künftig im Windfeld Eemshaven 88 moderne Dreiflügler, der errechnete Gesamtertrag liegt bei rund 800 Mio. kWh im Jahr.

Überfällig nennt Jan Boorsma den schon begonnenen Austausch von Mühlen der ersten Generation gegen hocheffiziente Propeller in Eemshaven: „Es kann nicht sein, dass an den windreichsten Standorten die ältesten Windräder laufen.“ Mit rund 8,5 m/s Geschwindigkeit bläst der Wind im Eemshavener Landstrich – Bedingungen wie auf See.

Solch steife Brisen gibt es auch an den deutschen Küstenlinien. Allerdings kann die heimische Windbranche von einem Repowering-Projekt wie in Eemshaven nur träumen, die Modernisierung älterer Windparks dümpelt dahin. Im vergangenen Jahr konnten lediglich 108 alte durch 45 neue Anlagen ersetzt werden. „Wir haben ein riesiges Potenzial beim Repowering für den Klimaschutz, aber es fehlen ausreichende Anreize“, beklagte Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), die ernüchternde Bilanz bei der Vorstellung der Zahlen zu Beginn des Jahres. Der BWE setzt vor allem auf das Repowering, um eine Verdopplung der installierten Windkraftleistung auf 45 000 MW auf dem Land bis zum Jahr 2020 zu schaffen.

Die BWE-Klagen sind zum Teil erhört worden. Die vom Bundestag Anfang Juni beschlossene Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) hat nicht nur die Onshore-Vergütung auf 9,2 Cent/kWh erhöht, sondern sieht auch einen Repowering-Bonus von 0,5 Cent/kWh für Propeller mit mindestens zehn Jahren Betriebsdauer vor. „Für Windturbinen, die zur Netzstabilisierung beitragen, ist zusätzlich ein so genannter Systemdienstleistungszuschlag von weiteren 0,7 Cent vorgesehen, so dass die finanziellen Rahmenbedingungen für das Repowering noch nie so gut waren“, listet Udo Paschedag, Abteilungsleiter Windenergie im Bundesumweltministerium (BMU), wichtige Neuerungen auf.

Wie der BWE weiß auch BMU-Experte Paschedag nur zu gut, dass eine verbesserte Vergütung nur die eine Seite der Medaille für das Anspringen des Repowering-Marktes ist. In vielen Landkreisen verhindern restriktive Höhenbegrenzungen und Abstandserlasse den Einsatz moderner Windturbinen. „Wir setzen deshalb auf eine Zusammenarbeit mit den kommunalen Spitzenverbänden“, sagt Paschedag. Geplant sei unter anderem ein Leitfaden mit gelungenen Repowering-Beispielen und eine ständig besetzte Beratungsstelle.

Froh ist Paschedag darüber, dass ein großes Hemmnis für das Repowering parlamentarisch aus dem Weg geräumt wird. Mit einem Urteil hatte der Bundesfinanzhof (BFH) im April vergangenen Jahres das Splitting der Gewerbesteuer bei Windparks untersagt. Die BFH-Richter hatten festgelegt, dass Windkraftbetreiber nur an die Stadt ihres Firmensitzes Steuern zu zahlen hätten, nicht aber in den Kommunen, in der sich ihre Windräder drehen. „Damit wäre die kommunale Akzeptanz verloren gegangen, bei den Gemeinden wäre der Anreiz verloren gegangen, sich für die Windkraft zu engagieren“, so Paschedag. Auf Antrag des Landes Schleswig-Holstein hat der Bundesrat Mitte September die 50:50-Aufteilung des Gewerbesteueraufkommens zwischen Firmen- und Windparkstandort beschlossen. Diesem Votum wird sich wohl auch der Bundestag anschließen.

Jan Boorsma hat für solche nach außen hin nur schwer zu vermittelnden Details für die deutschen Repowering-Bedingungen derzeit keinen Kopf: „Der Windpark Westereems erfordert alle unsere Kräfte.“ Erst nach dem Abschluss aller Arbeiten im kommenden Frühjahr will sich der Niederländer um den Verkauf der alten Kenetech-Maschinen kümmern: „Vom Verkauf der Micon-Anlagen wissen wir, dass nicht nur neue Windturbinen teuer sind, sondern auch alte Windräder gefragt sind und sich gute Preise erzielen lassen.“ RALF KÖPKE

Von Ralf Köpke
Von Ralf Köpke

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