Kernenergie 12.03.1999, 17:20 Uhr

Probelauf für eine Reaktor-Demontage

In Greifswald bereiten Ingenieure den ferngesteuerten Abbau der Atomreaktoren vor. Doch bevor sie sich an den hochaktivierten Stahl in der größten Alt-Atomanlage in Europa wagen, testen sie ihre Methode an nicht benutzten Reaktoren.

Tief unten im Bauch eines Atomkraftwerkes ist nur noch Rauschen. Ein übermächtiges Geräusch einer unsichtbaren Klimaanlage in einer fremden Welt aus dunklen Gängen, engen Treppen, Betonböden, Betonwänden und Betondecken. Ein Irrgarten in blassem Kunstlicht, keine Fenster, schwarze Lautsprecher an den Wänden und Linien und Pfeile auf den Böden. Zum Glück kennt Gottfried Barth sich aus. Die einzelnen Blöcke des Atomkraftwerkes von Geifswald sind ihm vertraut wie die Straßen in der Siedlung für Kernkraftwerker, wo er lange gewohnt hat.
Wie vom gleichmäßigen Wind der Klimaanlage getragen, strebt er treppauf, treppab und tritt endlich aus den engen Gängen durch eine schwere Stahltür in den großen, weiten Reaktorsaal 5/6. Das ist sein Reich. Genauer: Hier leitet Gottfried Barth die „Modelldemontage von inaktiven Reaktorbaugruppen der Blöcke 7 und 8 im Apparatehaus 5“.

Über eine Million Tonnen Reststoffe fallen an

Am Rande des Greifswalder Bodden südlich von Rügen ragen heute immer noch die vier rechteckigen, braunen und 40 m hohen Betonhallen des größten Reaktor-Parks der DDR aus dem flachen Land. Im Inneren arbeiten sich die Ingenieure und Arbeiter langsam und stetig durch den Demontage-Plan, den sie nach der Abschaltung 1990 aufgestellt haben. „Bisher wurden noch keine aktivierten Teile wie Druckgefäße ausgebaut“, sagt Barth. Diese heikle Aufgabe gehen sie nun an.
Das Kernkraftwerk Greifswald gehört zusammen mit dem 70-MW-Reaktor Rheinsberg nördlich von Berlin den Energiewerken Nord GmbH (EWN), alleiniger Gesellschafter ist der Bund. 1 800 000 t Reststoffe, so hat EWN errechnet, werden bei der Demontage von Greifswald anfallen. Zwei Drittel davon als herkömmlicher Stahlschrott und Betonschutt. Den größten Teil der Radioaktivität, die seit der Auslagerung der Uranoxid-Brennelemente noch in den Anlagen ist, tragen neben kontaminierten Anlagenteilen aus dem primären Kühlkreislauf die stählernen Reaktoren.
Russische und deutsche Experten haben das Kernkraftwerk Greifswald in den 60er Jahren geplant, ohne sich Gedanken über die spätere Demontage zu machen. Hier sollten acht thermische Druckwasserreaktoren vom Typ WWER 440 mit einer Leistung von je 440 MW entstehen. „Zuerst war Block 1 fertig“, erzählt Barth, „und hat ab 1974 in 16 Jahren 41 000 Gigawattstunden (GWh) Strom geliefert.“ 1974, nach seinem Studium am „Energietechnischen Institut“ in Moskau, hat auch Barth angefangen, hier zu arbeiten. Die Blöcke 2 bis 4 liefen an, und bald lieferte das Kraftwerk 11 % des in der DDR gebrauchten Stroms. Die Reaktoren 5 bis 8 wurden später geplant und absolvierten während der Wende gerade den ersten Probebetrieb oder waren noch im Bau. Hier, im Reaktorsaal 5/6 – die acht geplanten Blöcke des Kernkraftwerkes Greifswald sind in Doppelsälen angelegt – habe es daher keinen richtigen Kraftwerksbetrieb gegeben, sagt Barth.
Das ist jetzt alles nur noch Schrott und Schutt: Eine gefährlich strahlende Ruine. Die Reaktordruckgefäße aus den Blöcken 1 bis 4 wiegen allein jeweils 200 t – das entspricht zwei großen Lokomotiven. Diese geschlossenen, 12 m hohen Stahlzylinder müssen nun ausgebaut und zerlegt werden.
Die Gefahr: Durch die Neutronenstrahlung beim Betrieb der Anlage wurde das als Begleitelement in Stahl ständig vorhandene Cobalt aktiviert. Der radioaktive Zerfall im Stahl ist dort, wo die Wände des Druckgefäßes den Brennelementen am nächsten sind, unvorstellbar hoch: Menschen dürften sich nur hinter dezimeter-dicken Schutzwänden aus Blei nähern. Aber genau wie Roboter kommen sie nicht an die inneren Wände des Druckgefäßes heran, ohne daß der Reaktor vorher zerlegt wurde. „Die Aktivität läßt sich darum nur errechnen“, sagt Bart. Danach beträgt die Strahlung an diesen Stellen 109 Bequerel oder eine Milliarde Zerfälle pro Sekunde und Gramm aktiviertes Material. Das entspricht etwa der Strahlung der Brennelemente selbst.
Wie soll man solche Reaktoren nun ausbauen? Um sie im Zwischenlager auf der Anlage zu deponieren, müssen sie in eigens konstruierten Stahl- und Betonbehältern aufbewahrt werden. Wie soll man sie in kleine, handhabbare Teile zerlegen?
Auf einer Ballustrade oberhalb des Reaktorsaals 5/6 zeigt der 50jährige Ingenieur mit knappen Gesten auf die installierten Maschinen und erklärt schnell, wie die Demontage der Großteile erfolgen soll – zunächst versuchsweise an nicht kontaminierten Teilen aus den Reaktoren 5 bis 8.
Am Boden des Reaktorsaales erkennt man den Deckel des Reaktors 5. Um ihn herum sind drei Luken angeordnet, durch deren 10 m breite Öffnungen der Blick in einen 15 m tiefer gelegenen Raum fällt. Dort, wo früher die Dampferzeuger standen, entstehen jetzt Demontageeinrichtungen.
„Wir haben zwei Verfahren entwickelt“, erklärt Barth und deutet auf die Luke für den sogenannten Naßzerlegeplatz. Dort verschwindet ein Stahlzylinder im Boden, der erst 8 m weiter unten knapp über einer Wasseroberfläche endet. In diesem riesigen Wasserbecken sollen einmal die besonders hochaktivierten Einbauten der Reaktorkessel eingelassen werden, die während des Betriebs des Atomkraftwerkes die Brennelemente geführt und gegeneinander abgeschirmt haben.

Sägezähne fressen sich langsam durch Stahl

Zuerst wird der schwere Brückenkran unter der Decke des haushohen Reaktorsaales die Einbauteile auf den drehbaren Zerlegetisch heben, der jetzt silbern in der Tiefe funkelt. Von der Seite wird sich dann eine ferngesteuerte Bandsäge in das 270-m3- Wasserbecken senken, um die Einbauten in 300 kg schwere Einzelteile zu zersägen – immer noch das Gewicht zweier Motorräder.Während sich die Sägezähne Millimeter für Millimeter in den Stahl fressen, verfolgen die Betriebsmannschaften dieses Schauspiel in sicherer Entfernung: Ihre Monitore und Fernsteuerungen sind in einem Container außerhalb des Reaktorblockes untergebracht. Von dort werden sie auch den ferngesteuerten Greifer lenken, der die Stücke noch unter Wasser in Körbe packen und weiter in abgeschirmte Lagercontainer heben soll. Bisher sind das alles nur Planspiele: Lediglich die Säge steht schon, Greifer und Fernbedienungen werden erst in den kommenden Monaten montiert.Weiter sind Barth und seine Kollegen dagegen am sogenannten Trockenzerlegeplatz, den man durch die zweite Luke im Boden des Reaktorsaals sieht. Hier sollen die Reaktordruckgefäße trocken zerlegt werden, also nicht unter Wasser, sondern in einem abgeschlossenen, belüfteten Raum. Aufgehängt werden die Reaktoren dazu in schweren Gerüsten aus Stahlträgern über der Luke. Rund um das Reaktorgefäß steht dann ein stählerner Abschirmzylinder, am Grund ruht der Reaktor auf einem gelben Drehtisch. Dort wartet die lange, knallrote Bandsäge darauf, das Ungetüm mit waagerechten Schnitten aufzutrennen: Scheibe um Scheibe, wie bei einem Baumkuchen.Auch hier werden Barth und seine Männer nur fernbedienen. Für die Versuchsdemontage werden sie den nicht aktivierten Druckreaktor aus Block 8 verwenden, der in einem Schuppen am Rande des Kraftwerksgeländes liegt. Bei ihrem ersten Probelauf können sie noch eingreifen, falls etwas schief geht. „Wenn alles gut geht, sind wir mit der Modelldemontage im April kommenden Jahres durch“, sagt Barth. „Wir werden sehen, was sich bewährt und was verbessert werden muß.“

„Wir werden sehen, was sich bewährt“

Danach werden die Demontageanlagen ab- und in Reaktorsaal 1/2 wieder aufgebaut. Dann wird es richtig ernst und das neuentwickelte Verfahren muß sich an hochverstrahlten Stählen bewähren: Sägen und Greifer müssen wochenlang fehlerfrei arbeiten. Sollten die Maschinen dennoch streiken, müssen sie in einen benachbarten Raum hinter dicke Abschirmwände gebracht werden. In der Näher der aktivierten Stahlzylinder können die Kernkraftwerker keine Reparaturen ausführen.
Ist auch das vollbracht, werden die Zerlegeeinrichtungen dekontaminiert, abgebaut und für die Blöcke 3 und 4 neu aufgebaut. Doch das ist noch fern: Bis 2006 wollen die Experten alle aktivierten Bauteile ausgebaut habe. Die Kosten dafür übernimmt der Bund er ist nach dem Atomgesetz zuständig für die alten Kernkraftwerke in der Ex-DDR. Dann folgen Fahrstühle, Klimaanlagen, Treppen, Lautsprecher und zu allerletzt die meterdicken Betonwände. Ab 2009 könnten durch die engen Gänge der Reaktorblöcke wieder die Ostseewinde pfeifen.
MARCUS FRANKEN
Demontageleiter Gottfried Barth kennt jedes Detail -auch die Spezialhaken, mit denen später das 200-t-schwere Reaktorgefäß unter dem Haken der Brückenkräne geführt wird.
Der Beton des größten Reaktorparks der DDR überragt die Boddenlandschaft.
Auf dem Kreis der Hydraulikpressen wird später der Fuß des Druckbehälters stehen, die Säge im Hintergrund soll den Zylinder in einzelne Ringe zerschneiden.
Dieses unbenutzte Reaktordruckgefäß liegt noch am Rande des Greifswalder Geländes. Es soll in Block 8 zur Demontage eingesetzt werden.

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  • Marcus Franken

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