Stromnetze 13.09.2002, 18:21 Uhr

Powerline läuft auch ohne RWE

Powerline spaltet mal wieder die Fachwelt. Während sich der Energieriese RWE aus der Technologie zurückzieht, setzt der schwäbische Konzern EnBW auf das Internet aus der Steckdose. Vor allem bei der Inhouse-Vernetzung von Computern soll das Stromnetz unschlagbar günstig sein, wie Experimente an Schulen zeigen.

Deutschlands größter Energieversorger, die RWE, wird Ende September endgültig sein Powerline-Projekt beenden. Mangelnde Rentabilität und technische Schwierigkeiten sollen den Stromriesen zum Ausstieg bewogen haben. So sei „das verfügbare Frequenzspektrum nicht ausreichend, die Kunden mit breitbrandigen Services zu versorgen“, erklärte RWE-Powerline-Geschäftsführer Carsten Knauer. Hinzu komme die ausdrückliche Konzentration der RWE auf das Kengeschäft im Energiesektor.
Doch so recht möchte in der Branche niemand an die technische Schwierigkeiten glauben. Ein Sprecher der Regulierungsbehörde in Bonn verweist darauf, dass die Möglichkeiten der Nutzung des Frequenzspektrums der RWE bereits vor dem Start des Powerline-Projektes bekannt gewesen sind. Schwierigkeiten habe es damals nicht gegeben, Änderungen seien zwischenzeitlich auch nicht erfolgt.
Auch mit den Modems, die für den Zugang zum Internet aus der Steckdose benötigt werden, war RWE nicht zufrieden. Der ursprünglich anvisierte Massenmarkt mit mehreren zehntausend Teilnehmern könne damit nicht bedient werden, erklärten die Essener.
Techniklieferant Ascom reagiert mit Schweizer Gelassenheit. Technische Probleme habe es nicht gegeben, heißt es dort und man verweist auf 60 Pilotinstallationen, bei denen die Technologie eingesetzt werde und stabil sei. Im Juni erst hat Ascom einen Vertrag mit der Moskauer Energiegesellschaft Energomegasbit unterzeichnet, der die Lieferung von 20 000 Powerline-Anschlüssen umfasst. Das russische Unternehmen habe das Produkt vor Vertragsabschluss getestet.
Auf der Jahrestagung des Powerline-Telecommunications-Forum letzte Woche in Bochum wurde der Ausstieg von RWE mit Bedauern aufgenommen. Er sei jedoch nicht überraschend, formulierten die Experten vorsichtig. Sie werten ihn als eine Unternehmensentscheidung, die nicht die Powerline-Technik insgesamt, sondern nur den Access-Bereich, also die so genannte Last-Mile beträfe.
So kann auch Friedhelm Ost, Mitglied des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Technologie und Staatssekretär a.?D., sich nicht vorstellen, dass RWE sich vollständig von der Power-
line-Technologie verabschiedete, vor allem nicht aus der Inhouse-Communication. Immerhin habe der Konzern RWE schon einmal durch Powerline einen Kursgewinn von 14 % erzielen können, so Ost. Wörtlich fügte er vor den in Bochum versammelten Powerline-Protagonisten hinzu: „Inhouse Powerline Communication ist für die Politik – über Parteigrenzen hinweg – mehr als interessant, denn sie setzt für die deutsche Wirtschaft wieder neue Wachstumskräfte in Gang.“
Der Vorsitzende des deutschen Powerline-Communica-
tions-Forums, Jürgen Unfried, verwies auf geprüfte und zugelassene Produkte, die es für das Internet aus der Steckdose seit etwa einem Jahr auf dem Markt gäbe. So erlaubt z.?B. eine Entwicklung des Bochumer Unternehmens Powertec, dass bis zu 16 Computer über das Stromnetz miteinander vernetzt werden – bei einer Geschwindigkeit bis zu 14 Mbit/s.
Und die Forumsvertreter – Energieversorger, Hersteller, Serviceprovider und Entwickler bleiben optimistisch: Sie rechnen mit einem endgültigen kommerziellen Durchbruch von
Powerline in Deutschland innerhalb der nächsten acht bis zehn Monate.
Auch der schwäbische Energieversorger EnBW scheint mehr Erfolg mit der Powerline-Technik zu haben. Dort allerdings will man sich aus dem Geschäft als Netzbetreiber in Sachen Telekommunikation zurückziehen. „Das überlassen wir Unternehmen, die mehr davon verstehen“, kommentiert Sprecher Klaus Wertel.
Der regionale Netzbetreiber Tesion mit seinem 8000 km langen Glasfasernetz und rund 90 000 Kunden in Baden-Württemberg wurde daher rückwirkend zum 1. September verkauft. Vor dem Hintergrund sinkender Margen und starker Konkurrenz sei dies für einen Energieversorger nicht mehr attraktiv. Käufer ist die Arques AG, eine Beteiligungsgesellschaft, in der sich „finanzkräftige private Investoren aus dem In- und Ausland engagieren“, so Geschäftsführer Dirk Markus.
Aus den Powerline-Projekten zieht sich EnBW jedoch nicht zurück, weil die Technologie, so Sprecher Wertel, dem Energieversorger „eine gute Ergänzung zum Kerngeschäft bietet“. Die von dem Karlsruher Unternehmen angeschlossenen 7500 Haushalte in Elwangen können weiterhin neben Kilowattstunden auch Daten über das Stromnetz beziehen und verschicken.
Eine Ausbreitung als Ersatz für Glasfasertechnologie ist bei EnBW jedoch nicht geplant. Die dafür notwendige Aufrüstung des vorhandenen Stromnetzes ist zu teuer. Möglichkeiten für den Einsatz der der Technologie sieht Wertel eher für spezielle Kundenkreise wie Schulen. „Dabei geht es aber immer um eine Inhouse-Versorgung mit Kommunikationsdiensten“, wie Sprecher Wertel betont.
So hat das Schönborn Gymnasiums in Bruchsal seit September 2001 über das hauseigene Stromnetz Internetzugänge in allen 40 Klassenzimmern. Auch die Schüler und Lehrer des Düsseldorfer Goethe-Gymnasiums und der Kartause-Hain Grundschule in der Landeshauptstadt von NRW nutzen innerhalb des Schulgebäudes ein Netz des Anbieters EnBW. Marktpotentiale für den Einsatz von Powerline sieht Wertel auch in Hotels oder kleineren Unternehmen, zumal die Investitionen nur 10 % einer herkömmlichen Inhouse-Vernetzung betragen sollen.
DORO WENDELN-MÜNCHOW

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  • Doro Wendeln-Münchow

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