16.06.2000, 17:25 Uhr

Plantschen für die Wissenschaft

Wenn Sie demnächst in einem amtlich überprüften deutschen Badesee schwimmen gehen, vergessen Sie die paar Mikroben im Wasser! Denken Sie eher an die tapferen Freiwilligen, die unter größtem körperlichem Einsatz mithelfen, die Gewässer vielleicht noch hygienischer zu machen!

Samstagmittag, 12 Uhr, irgendwo in Baden-Württemberg. Es regnet so stark, dass man keinen Hund vor die Tür jagen möchte. Und doch geht es am Baggersee von Kirchentellinsfurt – idyllisch an der Autobahn zwischen Tübingen und Reutlingen gelegen – recht lebhaft zu. Weiße Zelte sind am Ufer aufgebaut, junge Männer mit grünen Kappen paddeln in kleinen Booten über den See, Fernsehkameras stehen bereit, und ein Mann mit einem Schild um den Hals spricht in ein Megaphon. Und da kommt auch schon eine Schar unerschrockener Menschen in Badekleidung herbeigeeilt und stürzt sich vor laufenden Kameras ins kühle Nass…
Nein, dies sind nicht die Dreharbeiten zur schwäbischen Version von „Baywatch“. Die Szenerie gehört zu einem wissenschaftlichen Versuch. Die erste „Badegewässerstudie des Umweltbundesamtes und des Hygiene-Instituts der Universität Tübingen“ soll herausfinden, ob deutsche Badeseen wirklich so gut sind wie ihr Ruf. „Seit 1976 gibt es europäische Grenz- und Richtwerte für die mikrobiologische Qualität von Badegewässern“, sagt Dr. Albrecht Wiedenmann, Leiter der Studie. „Doch bisher hat man noch nie empirisch überprüft, ob sie ausreichen. Oder ob es nach dem Baden nicht doch gelegentlich zu kleineren Beschwerden wie Bauchschmerzen oder brennende Augen kommt.“
Und damit das endlich einmal glasklar und statistisch exakt bewiesen wird, müssen Wiedenmann und sein Team vom Tübinger Hygiene-Institut 2000 Freiwillige rekrutieren: Menschen ab 18 Jahren, die bereit sind, zu Testzwecken in einem von fünf ausgewählten Seen in Deutschland zu plantschen: exakt 10 min lang. Dabei müssen sie den Kopf drei Mal unter Wasser tauchen. Wiedenmann: „So erreichen wir eine standardisierte Badeaktivität.“
Ebenfalls standardisiert: Ganz in der Nähe der Badenden werden alle 20 Minuten Wasserproben entnommen; das erledigen die jungen Männer in den Booten. Die Proben werden anschließend mikrobiologisch auf ihren Gehalt an Darmbakterien (Escherichia coli und Fäkalstreptokokken) untersucht. Wiedenmann: „Diese harmlosen Darmbakterien, die jeder Warmblüter millionenfach mit sich herumträgt, sind Indikatorkeime für die allgemeine mikrobiologische Belastung des Wassers.“ Der europä-ische Richtwert liegt bei 100 E.? coli pro 100 ml Wasser; der Grenzwert, der gerade noch toleriert wird, bei 2000.
Die Teilnehmer, die sich an diesem Samstag bei diesem Wetter am Kirchentellinsfurter Seeufer zögernd einfinden, gehen kaum ein Risiko ein: Seit zwei Jahren trägt der Baggersee im Badegewässeratlas der Europäischen Union ein blaues Dreieck (www.europa.eu.int/water/cgi-bin/bw.pl). Damit werden Binnengewässer gekennzeichnet, die noch sauberer sind als es der strenge Richtwert vorschreibt. Seen, die nur den Grenzwert einhalten, sind grün markiert, leicht verdreckte rot, fürs Baden ungeeignete, mit Schildern abgesperrte Seen schwarz. Die regelmäßigen Kontrollen für diese Erhebung übernehmen in Deutschland die Landesgesundheitsämter.
Und wie kommen die Keime überhaupt ins Wasser? Wiedenmann: „In erster Linie durch Kläranlagen, die bei Regen überlaufen, durch Gülledünger aus der Landwirtschaft, durch Haus- und Wildtiere – und natürlich durch die Badenden selbst.“
Die paddeln nun fröhlich um die weißen und blauen Luftballon-Bojen herum, die das Team vom Hygiene-Institut im See verankert hat, um die Badestellen zu standardisieren. „He, Nummer 13, komm rüber, du bist im falschen Quadranten“, ruft einer der Schwimmer seiner Mitschwimmerin zu. Eigentlich ist es Aufgabe der Helfer in den blauen Kappen am Ufer, die Badenden zu „sortieren“. Doch sind sie manchmal ein wenig überfordert: Ein rüstiger Rentner hatte sich schon 20 min vor Versuchsbeginn übereifrig in den See gestürzt und damit den experimentellen Rahmen gesprengt.
Ach, die Freuden der angewandten Wissenschaft! Am Ufer stehen ein paar vermummte Gestalten mit Regenschirmen und sehen dennoch neidisch den Planschern zu. Sie sind der Kontrollgruppe zugeteilt und dürfen nicht baden!
Diese Unglücklichen – ein durchtrainierter Outdoor-Typ in Shorts scheint besonders unter der erzwungenen Untätigkeit zu leiden – durchlaufen ansonsten jedoch genau das gleiche Programm wie die „echten“ Probanden: Detaillierte Fragebogen vor und nach dem Versuch, ärztliche Untersuchungen (Augen, Ohren, Hals und Fiebermessen), ein mikrobiologisch geprüftes Lunchpaket am See – und nach Abschluss des Experiments 50 DM Belohnung.
Für Wiedenmann war es gar nicht so leicht, Versuchspersonen zu finden. Er blieb deutlich unter den anvisierten 400 Anmeldungen für den ersten Termin. Und jetzt auch noch Regen! Immerhin: Ein Schlag ins Wasser war der Badetag nicht, so die Bilanz. 220 Datensätze wurden erhoben. Über 50 Helfer waren im Einsatz. Das Team ist in guter Stimmung. Einige freuen sich schon auf die nächsten Experimental-Schwimmtage, die die Tübinger koordinieren: am 7. Juli am Bodensee, am 19. August an einem Badesee in Berlin. Nächstes Jahr geht’s nach Schleswig-Holstein und vermutlich nach Bayern.
Um 17 Uhr sind alle Proben eingesammelt und die weißen Zelte abgebaut. Am Himmel strahlt inzwischen die Sonne, und auf dem See tummeln sich – ganz unwissenschaftlich – ein paar Surfer. Apropos Surfen: Natürlich finden Sie das Projekt „Badegewässerstudie“ auch im Internet: www.badegewaesserstudie.de. Vielleicht haben Sie ja Lust, bei einem der nächsten Versuche dabei zu sein! JUDITH RAUCH
Nur munter hinein in die Fluten? Vom Ufer aus streng kontrolliert – damit auch alles seine Ordnung hat – schreiten die Freiwilligen tapfer ins kühle Nass.
Nicht ohne meine Quietsche-Ente! Wissenschaft muss schließlich auch Spaß machen. Selbst wenn es vornehmlich darum geht herauszufinden, ob deutsche Badegewässer wirklich so gut sind wie ihr Ruf.

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