Photovoltaik 30.04.1999, 17:21 Uhr

Photovoltaik-Markt aus dem Tritt gekommen

Nach stürmischem Wachstum erlebte der Photovoltaik-Markt im letzten Jahr einen Dämpfer. Laut Gernot Oswald, Geschäftsführer des Marktführers Siemens Solar in München, konnte die Zahl der neu installierten Anlagen nur noch „geringfügig“ gesteigert werden.

VDI nachrichten: Herr Oswald, die Photovoltaik erlebte in den vergangenen Jahren einen wahren Höhenflug. 1997 gab es auf dem Weltmarkt einen Absatzschub von gar 35 % auf rund 110 MW. Konnte das vergangene Jahr daran anschließen?
Oswald: Es gibt bisher nur relativ weit auseinander liegende Schätzungen verschiedener Marktbeobachter. Eine Quelle berichtet über eine Zunahme der „Shipments“ von über 20 %. Sollte dies zutreffen, dann muß ein großer Teil davon in Lagerbestände gewandert sein. Wir glauben, daß die weltweite Installation von Photovoltaik-Anlagen 1998 nur geringfügig über der von 1997 lag.
VDI nachrichten: Wie sah die Entwicklung in den einzelnen Regionen aus? Wie hat sich z. B. das 70 000-Dächer-Programm in Japan ausgewirkt?
Oswald: Das japanische 70 000-Dächer-Programm läuft wegen der schlechten Konjunktur recht schleppend. Trotzdem hat es auch im letzten Jahr in Japan zu Zuwachsraten von ca. 20 % geführt. Nordamerika hat nach unserer Meinung leicht zugelegt. Alle anderen Marktregionen verzeichneten Einbußen, wobei die Finanzkrise in Asien zu den stärksten Rückgängen führte.
VDI nachrichten: Wie machte sich diese Entwicklung in den Umsatzzahlen bemerkbar, nachdem die Photovoltaik-Industrie in 1997 ja noch eine Umsatz-Steigerung von 1,8 Mrd. DM auf 2,5 Mrd. DM verzeichnen konnte?
Oswald: Wegen der gewaltigen Kapazitätsausweitungen hat die Stagnation des Marktes zu heftigen Preiskämpfen geführt. Das heißt, daß bei etwa konstanten Absatzmengen die Umsätze zurückgegangen sein müßten.
VDI nachrichten:Konnten Sie Ihre Marktführerschaft verteidigen? Gab es Verschiebungen bei den Anbietern?
Oswald: Unser Marktanteil ist in Japan niedriger als anderswo. Es ist daher möglich, daß der dortige Lokalmatador, die Firma Kyocera, nicht nur mehr produziert, sondern auch mehr verkauft hat als wir. Bei der weltweit installierten Gesamtleistung liegen wir weiter einsam an der Spitze.
VDI nachrichten: Wie entwickelte sich die Nachfrage in Deutschland, wo die Industrie ja mit 11 MW in 1997 einen Rekord-Absatz verbuchte?
Oswald: Wir meinen, daß 1997 (einschließlich „Re-Exporte“) sogar mehr als 13 MW Spitzenleistung in Deutschland verkauft wurden. 1998 dürften es etwa 10 MW gewesen sein.
VDI nachrichten: Das Bundeswirtschaftsministerium hat im Januar ein 100 000-Dächer-Programm zur Förderung der Photovoltaik gestartet. Wie bewerten Sie es?
Oswald: Seit Ankündigung dieses Programms wurden zahlreiche Projekte in Erwartung besserer Förderbedingungen hinausgeschoben. Ich gehe davon aus, daß sich dieser Stau, der zu dem drastischen Einbruch im deutschen Markt geführt hat, nun rasch auflösen wird. Ich erwarte eine ähnliche Entwicklung wie in Japan nach Einführung des 70 000-Dächer-Programms: Dort hat sich der Markt innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Das 100 000-Dächer-Programm ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Auf sechs Jahre angelegt, gibt es gute Möglichkeiten für eine sinnvolle Planung. Wichtig ist die Kumulierbarkeit des Programms mit Fördermaßnahmen von Ländern und Gemeinden, die hoffentlich unverändert weiter laufen sollen. Die bisherige Entwicklung läßt erwarten, daß die japanische Photovoltaik-Industrie, dank MITI, dem Rest der Welt sowohl technisch als auch wirtschaftlich in rasantem Tempo davoneilt. Das deutsche 100 000-Dächer-Programm kann diesen Trend stoppen.
VDI nachrichten: Was wäre passiert, wenn das Programm nicht zustandegekommen wäre?
Oswald: Wie erwähnt, wurden – nachdem ein 100 000-Dächer-Programm von der neuen Regierung angekündigt war – zahlreiche Projekte zurückgestellt. Eine Verzögerung oder gar eine Abkündigung hätte vermutlich verheerende Folgen für den deutschen Markt gehabt.
VDI nachrichten: Bedrückt es Sie, daß Ihr Geschäft noch so stark von politischen Rahmenbedingungen abhängig ist?
Oswald: Der Markt für netzgekoppelte Anlagen in Industrieländern ist gänzlich davon abhängig. Das sind fast 40 % des Gesamtmarktes. Die Elektrifizierung in Entwicklungsländern – etwa 25 % des Marktes – kommt ohne die Politik auch nicht zustande. Dies ist eine sehr unangenehme Situation, weil sich die politischen Rahmenbedingungen meistens mit dem Wechsel von Politikern ändern. Das macht langfristige Planungen sehr schwierig und riskant.
VDI nachrichten: Ist der Markt in Deutschland überhaupt bereit für ein Programm in dieser Größenordnung?
Oswald: Der „Bedarf“ wird ganz entscheidend durch die Attraktivität des Angebotes bestimmt. Das Schlüsselwort des 100 000-Dächer-Programmes heißt Kumulierbarkeit. In Verbindung mit Förderprogrammen auf Landes- und Kommunalebene sollten in den kommenden sechs Jahren schon 100 000 Dächer in Deutschland gefunden werden, deren Besitzer sich für eine Photovoltaik-Anlage begeistern lassen.
VDI nachrichten: Wie würden Sie Ihre typische Kundengruppe charakterisieren?
Oswald: Die Kunden von Siemens Solar sind in der Regel Distributoren und Systemintegratoren, die den Endkunden bedienen.
VDI nachrichten: Welche Rollen spielen das Handwerk und die Architekten/Planer in diesem Markt?
Oswald: Die meisten Bürger können sich unter Photovoltaik noch nichts vorstellen. Handwerk und Architekten spielen deshalb eine ganz entscheidende Rolle. Sie werden es sein, die den Markt erschließen.
ROBERT DONNERBAUER
Die Photovoltaik-Anlage auf einem Münchener Haus speist bis 3,2 kW direkt ins öffentliche Netz ein. Die Stadtwerke München zahlen im Rahmen des Projektes „Münchner Solarstrom“ bis zu 2 DM je kWh dafür.
Siemens-Solar-Chef Gernot Oswald: „Das 100 000-Dächer-Programm ist ein großer und richtiger Schritt.“

Von Robert Donnerbauer
Von Robert Donnerbauer

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