Energie 20.06.2003, 18:25 Uhr

Ostdeutsches Dorf wehrt sich gegen Tagebau

Der neu geschmiedete Konzern Vattenfall Europe tritt mit modernen ostdeutschen Braunkohle-Kraftwerken und Tagebauen gegen die etablierte deutsche Strombranche an. Unterdessen kämpfen 160 Einwohner der Gemeinde Heuersdorf weiter um ihre Heimat und gegen die Bagger.

Renate und Kurt Gronewald heizen noch mit Braunkohlebriketts. Die schwarzen Brocken, die der Kohlehändler auf dem Fußweg abgekippt hat, schaufeln die Rentner in die Schubkarre und fahren sie dann in den Keller. „Die Kohle kommt aus Profen”, knurrt Kurt. Der Tagebau Profen der Mibrag Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH ist weit weg von Gronewalds Wohnort Heuersdorf im Süden von Leipzig. Dagegen ist der zweite Mibrag-Tagebau Vereinigtes Schleenhain schon auf ein paar hundert Meter an Heuersdorf heran gerückt.
2009 sollen die Bagger auch dort zubeißen, wo heute noch die beiden Rentner leben. Die aber wehren sich: „Wir halten durch“, erklärt Renate kategorisch. „Ich bin hier geboren. Wir bleiben, so lange es geht.“ Ähnlich denken die 160 Heuersdorfer, die den Angeboten der Mibrag für eine Umsiedlung bisher widerstanden haben. Ebenso viele sind aber auch schon in die umliegenden Ortschaften umgezogen.
Im Tagebau Vereinigtes Schleenhain ist es an diesem Tag ruhig, die Bagger haben eine Pause eingelegt. Der Regen hat die Tonschicht auf der 60 m tiefen Sohle aufgeweicht, und der Jeep von Dietmar Müller bleibt in den tiefen Spurrinnen der schweren Bergbaufahrzeuge stecken. Aber der Betriebsführer für Leittechnik hat ohnehin auf dem Leitstand am Rand des Tagebaus einen besseren Überblick darüber, welche Kohlequalität die Bagger gerade aus den Flözen schürfen.
Die mitteldeutsche Braunkohle, erklärt Müller, hat einen relativ hohen Schwefelgehalt, der vor allem die Rauchgas-Entschwefelung im Kraftwerk herausfordert. Günstig wirken sich demgegenüber der hohe Heizwert und ein günstiges Abraum-Kohle-Verhältnis von drei zu eins aus. Diese Argumente – gemeinsam mit politischem Druck – konnten letztlich den ostdeutschen Großkraftwerks-Betreiber Veag Vereinigte Energiewerke AG Anfang der 90er Jahre überzeugen, mit Partnern am Rande des Tagebaus in Lippendorf zwei neue Braunkohle-Kraftwerksblöcke zu errichten. Damit wurde der brachiale Niedergang der Braunkohle-Energiewirtschaft im mitteldeutschen Revier zumindest etwas abgefedert.
Inzwischen brummt das Geschäft – auf niedrigem Niveau – wieder, die Mibrag arbeitet profitabel und kann als eines von wenigen Unternehmen in der Region neue Mitarbeiter einstellen.
Geschäftsführer Bruce de Marcus muss sich allerdings fragen, wie lange das noch geht. Denn wenn das Unternehmen wie vereinbart über 40 Jahre 10 Mio. t Kohle jährlich an Lippendorf liefern soll, braucht es die 52 Mio. t, die unter Heuersdorf lagern. „Wenn wir die Heuersdorf-Kohle nicht bekommen, gefährdet das nicht nur die Mibrag, die in dieser strukturschwachen Region der größte Arbeitgeber ist“, erklärt der Amerikaner. „Von unseren Aufträgen leben auch 1400 Unternehmen.“
Ungewissheit schwappt auch aus der Heimat von de Marcus über den großen Teich: Dort sitzen die beiden Anteilseigner der Mibrag, Washington Group International (WGI) und NRG Energy. Während WGI vor zwei Jahren noch knapp einem Konkurs entging, hat nun die hoch verschuldete NRG den Gläubigerschutz beantragt. Zeitweise standen auch ihre Mibrag-Anteile von 50 % schon zum Verkauf.
Interesse daran hatte damals auch die Vattenfall Europe AG & Co. KG (VE) bekundet, in der die Veag inzwischen aufgegangen ist. Der Konzern hat das Zusammenspiel von Braunkohle-Förderer und Kraftwerken bereits in der Lausitz optimiert. Dort stehen auch ähnliche Kraftwerksblöcke wie in Lippendorf: mit etwa 930 MW elektrischer Nennleistung und einem Netto-Wirkungsgrad von 42 %.
Dass die Leistungsanzeige im Lippendorfer Besucherfoyer für einen der beiden Blöcke an diesem Tag nur 856 MW anzeigt, liegt daran, dass hier das Schlagrad einer Kohlemühle gewechselt werden muss und damit Brennstoff fehlt. Die Männer der Spezialfirma Steinmüller rangieren im Kesselhaus behutsam mit großen Fahrzeugen, um das 25 t schwere Teil auszutauschen.
Solche Routinearbeiten bestimmen inzwischen den Alltag in Lippendorf: Die „Kinderkrankheiten“ der 2000 in Betrieb genommenen Anlage sind weitgehend ausgemerzt – wie die Undichtigkeiten im Wärmeverschiebungssystem und die anfänglichen Schwierigkeiten mit der Nassasche.
In eine andere Kategorie fiel der Generatorstillstand im vergangenen Sommer, wegen dem ein Block fünf Wochen länger vom Netz musste als geplant. Der 17 m lange und 95 t schwere Induktor musste wegen Verunreinigungen ausgebaut und zum Hersteller in die Schweiz transportiert werden. „Zum Glück hatten wir den Schaden noch vor Ablauf der Garantie erkannt“, berichtet Kraftwerksleiter Joachim Kahlert.
Seit dem Wiedereinbau läuft der Generator problemlos. Das Technikkonzept des leistungsfähigen neuen Kraftwerkstyps dagegen hat sich laut Kahlert bisher vollkommen bewährt: In guten Monaten erreicht das Kraftwerk inzwischen eine Verfügbarkeit von 100 %.
Die hochmodernen, kostengünstig arbeitenden ostdeutschen Kraftwerke sind ein wichtiger Trumpf für Vattenfall Europe. Die schwedische Mutter, der Staatskonzern Vattenfall A.B., hat ihre deutsche Tochter aus den Groß-Stadtwerken von Hamburg und Berlin sowie Laubag und Veag geschmiedet und will sich mit ihr nun gegen die deutschen Platzhirsche RWE, E.on und EnBW behaupten.
In der Branche traut den Schweden das nicht jeder zu, auch wenn die ersten Geschäftszahlen der VE gut aussehen. Die effektiven, schon teilweise abgeschriebenen Kraftwerke sorgen zwar zusammen mit der kalkulierbaren Braunkohle für günstige Stromerzeugungskosten. Der Abbau von 4000 der bisher 18 000 Arbeitsplätze bis 2005 soll weitere Kostenvorteile bringen. Auf der anderen Seite wird der Braunkohlestrom künftig mit noch ungewissen Kosten aus dem Zertifikatehandel für Kohlendioxid belastet.
Zugang zu Endkunden hat VE vor allem in Berlin und Hamburg, so dass der Konzern den größten Teil des erzeugten Stroms an ostdeutsche Regionalversorger verkaufen muss – die sämtlich zu den Konkurrenz-Konzernen gehören. Die derzeit bestehenden Bezugsverpflichtungen laufen in einigen Jahren aus. Die etablierten deutschen Stromriesen könnten aber auch noch auf anderem Weg Einfluss auf die ehrgeizige Konkurrenz gewinnen: Die schwedische Regierung will die bisher staatliche VE-Mutter Vattenfall privatisieren, die sich für ihre Expansion in Deutschland hoch verschuldet hat.
In diesem Monopoly der Stromgiganten spielen die Heuersdorfer nur eine winzig kleine Rolle. Dennoch ist Bürgermeister Horst Bruchmann nach jahrelangem Kampf zuversichtlich, den Ort retten zu können. Ein „Heuersdorf-Gesetz“ des sächsischen Landtages, das die rechtlichen Grundlagen für den Abriss geschaffen hätte, konnte die Gemeindeverwaltung schon zu Fall bringen. Derzeit nimmt der Landtag einen neuen Gesetzesanlauf. „Wir würden auch gegen das neue Gesetz ein Normenkontroll-Verfahren anstrengen“, stellt Bruchmann klar. Damit würde die Mibrag zumindest weitere Zeit verlieren.
Aber auch der Ausgang ist schwer zu kalkulieren. Denn das erste Heuersdorf-Gesetz war vor dem Sächsischen Verfassungsgerichtshof nicht nur wegen Verfahrensmängeln gescheitert. Die Richter hatten angesichts des liberalisierten Energiemarktes auch keine zwingende Notwendigkeit gesehen, die Heuersdorfer Kohle zur Versorgungssicherheit zu nutzen. „Niemand weiß heute, ob unsere Kohle in zwanzig Jahren überhaupt noch gebraucht wird“, argumentiert Bernd Günther, Vorsitzender des Vereins Für Heuersdorf e.V. „Aber für uns wäre die Heimat verloren.“ STEFAN SCHROETER

Vattenfall Europe
Die Vattenfall Europe AG verfügt über Kraftwerke mit insgesamt 17 000 MW elektrischer Leistung und produziert jährlich 80 Terawattstunden Strom. In fünf Lausitzer Tagebauen fördert VE jährlich 56 Mio. t Braunkohle. Der Konzern beschäftigt derzeit rund 18 000 Mitarbeiter. Im Geschäftsjahr 2002 wurde bei einem Umsatz von 8,86 Mrd. « ein Jahresüberschuss bei 610 Mio. « erwirtschaftet. sts

  • Stefan Schroeter

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