Windkraft 07.09.2012, 11:00 Uhr

Offshore-Windparks: Leitstelle für Notfälle fehlt

Wer auf einer Windturbine 100 km vor der deutschen Küste verunglückt, ist zurzeit auf die Notfallpläne der Betreiber angewiesen – letztendlich also auf private Hilfe. Eine standardisierte Rettungskette wie an Land gibt es für die Offshore-Industrie noch nicht. Auch fehlen eigene, vereinheitlichte Arbeitsschutzregeln.

Offshore-Windpark: Was tun im Notfall?

Offshore-Windpark: Was tun im Notfall?

Foto: Schaeffler KG

Bisher stehen drei Tote und über 80 Verletzte auf der Verlustliste der Offshore-Windindustrie in Deutschland. Diese Meldung aus dem „Havariekommando Cuxhaven“ schreckte die Öffentlichkeit im Mai dieses Jahres auf. Ein grundsätzlich tödliches Unfallpotenzial wie bei jeder großindustriellen Anwendung hatten der Windenergie viele nicht zugetraut. Die Notfallversorgung in den Offshore-Parks wird bisher individualisiert, indem ein Notfallplan in das Pflichtenheft jedes Offshore-Parkentwicklers aufgenommen wird. Erst jetzt gehen Windbranche, Notfalleinrichtungen und Berufsgenossenschaften das Problem systematisch an, um eine für alle geltende Standardversorgung zu gewährleisten.

Unfallzahlen in Offshore-Windparks nicht außergewöhnlich hoch

Dabei sind die Unfallzahlen in den Offshore-Windparks wahrscheinlich nicht einmal außergewöhnlich hoch. „Die Offshore-Windbranche ragt nicht heraus“, gibt Nils Weinrich, Physiker am Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Hamburg, seine Erfahrungen weiter. Zwar lässt sich für die Offshore-Windindustrie noch keine belastbare Unfallstatistik auswerten, weil erst weniger als 1 % der geplanten Leistung installiert wurde.

Hilfsweise lässt sich aber die konventionelle Offshore-Industrie der Öl- und Gasförderung hinzuziehen: Durchschnittlich 35 Unfallverletzte je 1000 Vollzeitbeschäftigte betrug hier die Unfallrate im Jahre 2000.

Der private Haushalt aber verzeichnete mit 63 Unfällen pro 1000 Vollbeschäftigte doppelt so hohe Unfallzahlen, die chemische Industrie lag bei 31. Auf Baustellen verunglückten sogar 90 von 1000 Beschäftigten. Das Fazit: Ein Job in der Offshore-Industrie ist nicht risikoreicher als im Maschinenbau oder in der chemischen Industrie.

Trotzdem gibt es einen gravierenden Unterschied. Ein Unfall in einer Fabrik löst eine Kette von Rettungsmaßnahmen aus, zentrales Element ist der Notruf 112. Eine Leitstelle setzt Feuerwehr, Rettungswagen, Notarzt oder Rettungshubschrauber in Bewegung.

112 im Offshore-Windpark: “Da kommt keiner”

Was an Land seit Jahrzehnten eingespielt ist, muss jedoch auf hoher See erst organisiert werden. „Wählen Sie 100 km vor der Küste einmal den Notruf 112. Da kommt keiner“, sagt Weinrich, der stellvertretende Projektleiter der „Rettungskette Offshore Wind“. Dieses Forschungsprojekt startete im Frühjahr 2012 und ist auf drei Jahre angelegt. Beteiligt sind Berufsgenossenschaften, Krankenhäuser und private Rettungsorganisationen.

Das Projekt verfolgt zwei Ziele: erstens Unfälle zu vermeiden und – zweitens – mögliche Unfallfolgen durch eine schnelle Erstversorgung und Abtransport des Verletzten zu minimieren.

Der Bedarf nach einer Standardisierung der Unfallverhütung speziell für die Windenergie ist unumstritten. Axel Birk, Ingenieur beim deutschen Turbinenhersteller Repower Systems SE, berichtete auf der diesjährigen Offshore-Messe „Windforce“ Ende Juni in Bremen von ganz praktischen Schwierigkeiten: „Beteiligt an der Installation waren deutsche und britische Ingenieure und Techniker sowie irisches Werftpersonal. Dadurch gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Vorschriften, Normen und Richtlinien.“

Das gelte auch für das Sicherheitstraining, ergänzte Birk und bemängelte: „Wir mussten erkennen, dass es kein europaweites Standardtraining gab.“ Inzwischen hat sich in der Trainingsfrage die Situation deutlich entspannt. Die Global Wind Organisation (GWO) gab im Februar 2012 einen Leitfaden für ein standardisiertes „Basic Safety Training“ heraus – nach über 20 Jahren Offshore-Windenergie sicherlich nicht zu früh.

Da ein einheitliches Regelwerk für die Offshore-Windkraft bei der Unfallverhütung fehlt, kommt es zu unterschiedlichen Auslegungen – je nach Wahl eines „passenden“ Regelwerks aus anderen Gewerken. Christoph Römling, Inspektor bei GL Garrad Hassan, nennt ein Beispiel: „Im Windbereich onshore muss bei Leiterhöhen über 3 m ein Auffangsystem montiert werden. Im maritimen Bereich, zum Beispiel an Boatlanding- und Lotsenleitern, ist das nicht üblich.“ Was gilt für Offshore-Wind?

Spezialisten fordern: Die Rettungskette muss vereinheitlicht werden

Das größere Problem ist die Rettungskette. Da ist zum einen der medizinische Aspekt. „Wir haben es oftmals mit kombinierten Verletzungen zu tun“, berichtet Weinrich. „Jemand erleidet zum Beispiel einen Herzanfall und stürzt dadurch eine Leiter hinunter.“

Die Herausforderung besteht in der Bergung des Verunfallten – eventuell durch Höhenretter. Dann muss der Verletzte per Hubschrauber oder Schiff ins Krankenhaus. Das ruft nach Koordination. „Die Rettungskette muss vereinheitlicht werden“, lautet deshalb die zentrale Forderung der am Forschungsprojekt beteiligten Spezialisten.

Konkret bedeutet das die Bereitstellung von Höhenrettern nebst Equipment, von Transportkapazität in Schiffen und Hubschraubern, eine reibungslose Übergabe an landgestützte Rettungsorganisationen und nicht zuletzt eine Leitstelle, die alles koordiniert. Mit der könnte der Aufbau einer Rettungskette beginnen.

Kapitän Udo Fox, Geschäftsführer bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), machte auf der WindForce 2012 der Branche deshalb ein Angebot: „Wir haben den Betreibern angeboten, eine Notfallleitstelle aufzubauen.“ Offenbar für die Branche ein uninteressantes Angebot. Ein Anruf bei der DGzRS zwei Monate später ergibt: „Nichts Neues.“

 

Von Jörn Iken

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