Energie 23.06.2000, 17:25 Uhr

Ökologische Energieversorgung ist ein ethisches Projekt

Eine Umweltverträgliche Energieversorgung zu sichern, ist für den DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben der Ingenieure. Nachfolgend ein Auszug seiner Rede zur Eröffnung des Weltingenieurtages am Montag in Hannover.

Energie für die Zukunft

Die Ingenieure der Welt müssen aktiv Dialog betreiben.
Das Internet bietet heute die phantastische Chance mit höchster Geschwindigkeit Wissen zu vermitteln und sich auszutauschen.
Aber: Wir müssen noch schneller werden.
Wir müssen unsere Ressourcen bündeln, denn die Probleme dieser Welt verlangen nach rascher und zugleich nachhaltiger Lösung.
Chat-Rooms ersetzen früher übliche langwierige Korrespondenz, wie auch das Internet-Forum zum Weltingenieurstag beweist.
Heute ist die Software-Entwicklung im 3-Schichtbetrieb möglich, globale Entwicklung an Datenmodellen ist schon heute „state of the art“.
Aber: Auch das Internet kann die persönliche menschliche Begegnung nicht ersetzen.
Deshalb ist dieser Weltingenieurstag hier auch keine virtuelle Veranstaltung. Und wenn wir gerade von Dialog sprechen: Nationale Ingenieursverbände müssen global zusammenarbeiten.
Dann, übrigens, können Sie auch den so notwendigen Dialog mit den maßgebenden Kräften in Politik und Gesellschaft wirkungsvoller gestalten. – Die Ingenieure haben die Pflicht, die wichtigsten Probleme der Welt mit ihrem Wissen aktiv anzugehen.
Was sind die Kernherausforderungen des 21. Jahrhunderts? · – Wir drängen auf das rasche Ändern der Sichtweisen. Wir müssen die Welt mit neuen Augen betrachten, immer wieder den Blickwinkel ändern.
Deshalb müssen wir unsere Kinder, die neue Generation, anders, besser auf die Zukunft vorbereiten. – · Globalisierung: Sie ist noch immer in der Startphase, obwohl das Thema uns bereits seit Jahrzehnten begleitet. Denn noch nehmen ganze Kontinente, wie Afrika, nur peripher am Weltgeschehen teil. – · Ein weiteres Schlagwort ist die „Glokalisierung“, d.h. die zunehmende Erkenntnis, daß globale Herausforderungen lokal anzugehen sind. – · Wir müssen mitwirken an der Stärkung sozialer Wärme, eine stärkere Verantwortung der Bürger für ihre Mitmenschen. Der technologische Fortschritt wird dabei begleitet werden von der stärkeren Berücksichtigung sozialer und kultureller Belange. – · Die Mitarbeiter und Mitarbeite-rinnen globaler Unternehmen werden sich aus unterschied-lichen Kulturen, aus vielen Gruppen zusammensetzen.
Und dies setzt ein stärkeres Verständnis für die Bedürfnisse einer multi-ethnischen, multi-kulturellen Arbeitsgesellschaft voraus, die durch ihre unter-schiedlichen Sichtweisen zugleich einen großen Gewinn für die Unter-nehmen und Forschungsstätten darstellt, weil sie Probleme kreativer lösen. – · Wir erleben zunehmende ethische Diskussionen: die gegenwärtige Debatte über die Patentierung der menschlichen Gene ist so ein Punkt. – · Wir beobachten ein zunehmendes Verschwinden nationaler Grenzen in der Wirtschaft und Wissenschaft und damit neue Chancen für die Wissenschaftler, die bisher in der globalisierten Welt „vor der Tür“ standen. – · Digitale Trennung zwischen elektronischen „have´s“ und „have not´s“, elektronischer Terrorismus, ein erschreckendes Beispiel war der „Liebes-Virus“ des vergangenen Monats. – · Wir werden Antworten finden müssen auf die globale Auseinandersetzungen um Lebensmittel, die Medizin wird neue/alte Krankheiten bekämpfen müssen, wie immune Malaria-Mücken. – · Ein lebenswichtiges Thema ist die Verknappung unserer Wasserressourcen. Unser Unternehmen setzt hierzu Satelliten für die Suche nach potentiellen Wasserlagerstätten ein. Dies geschieht durch ein neuentwickeltes „scanning“ mit Echolotsystemen. – · Hinzu kommt die Diskussion um die befürchtete Heimatlosigkeit multinationaler Unternehmen, eine Diskussion übrigens, der wir uns gerne stellen, denn wir sind als „good corporate citizen“ überall dort zu Hause, wo wir auch präsent sind – und das in über 200 Ländern dieser Erde. – · Und wir fragen uns: wie können wir Nachhaltigkeit unterstützen? Wie können wir in der Zukunft Energie für die Menschen bereitstellen, genügende Energie?
All dies zusammengefaßt, heißt, daß Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Innovation leben müssen – oder sie werden ins Hintertreffen geraten.
Eines halte ich, darüber hinaus für besonders wichtig. Die Politik, also die vom Volk legitimierten Vertreter, müssen die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit schaffen.
Denn wir können und wir sollten nicht im luftleeren Raum operieren.
Das setzt allerdings auch voraus, daß sich die Politik der Probleme mit der gleichen Geschwindigkeit annimmt, mit der wir Lösungen vorbereiten. Beispielsweise kann es nicht angehen, daß die Ingenieure weltweit, unter hohen Kosten, viel Zeit und Energie darauf verschwenden, sich den jeweiligen, nationalen Sicherheits-bestimmungen im Fahrzeugbau anzupassen.
Hier müssen, zumindest im NAFTA- und EU-Raum, überall die gleichen Sicherheitsbedingungen vorherrschen. – Die Ingenieure der Welt haben die Pflicht, im Kampf gegen die Probleme der Menschen Prioritäten zu setzen.
Welches dieser Probleme muß als erstes angepackt werden ?
Es gibt eine zentrale Herausforderung, wobei mir klar ist, daß es viele weitere gibt. Aber heute will ich über das Energieproblem sprechen.
Denn Energie bietet die Chance, andere, nachgeordnete Probleme gleich mit zu lösen. Es ist wie bei einem Wasserfall, der von oben nach unten alle Stufen benetzt und trotzdem den See speist. · – Wasser: Es läßt sich aus Meerwasser gewinnen. Aber dazu braucht man Energie. – · Hunger: Die Nahrungsmittel-produktion läßt sich durch Energieeinsatz steigern. – · Umwelt- und Klimaschutz: Sie gehen Hand in Hand mit dem Einsatz umweltfreundlicher Energien. – · Ohne Energie kein Licht, keine Wärme, keine Maschinen, die Wertschöpfung betreiben, keine Informationsverarbeitung. – · Und: Ohne Energie keine Mobilität, also kein Transport von Menschen und Gütern und damit, letztlich, auch kein direkter, persönlicher Austausch in unserer globalisierten Welt. Die Sicherstellung genügender Energie, umweltfreundlicher Energie, ist deshalb für mich eine der größten Herausforderungen der Menschheit.
Denn das Hauptenergiege-winnungsverfahren, das Verbrennen fossiler Brennstoffe, ist problematisch:
wir verzeichnen einen CO2-Anstieg in der Luft von 280 ppm (parts per million) vor 150 Jahren auf heute 370 ppm. Noch decken fossile Brennstoffe 85% des weltweiten Energie-bedarfs der Industrie ab, bei der individuellen Mobilität sind es sogar fast 100 %.
Und neutrale Beobachter, wie die Internationale Energieagentur in Paris, erwarten in den nächsten Jahren weitere Nachfragesteigerungen nach diesen fossilen Brennstoffen.
Wir werden dem, auf der Angebotsseite, nur wenig entgegensetzen können. Denn wir stehen vor einem weiteren Dilemma:
die Nachfrage nach Energie wächst, trotz aller Energiespar-Erfolge.
Das bedeutet: · – Die Ölpreise werden weiter steigen. – · Energie wird vielleicht immer mehr zum Luxusgut für diejenigen, die es sich leisten können.
Die Energiepreise werden den Gegensatz zwischen Arm und Reich eher noch verschärfen anstatt zu entspannen. – · Auch Mobilität könnte künftig, im schlimmsten Fall, wieder zum Privileg für Wenige werden. – · Mit gutem Recht wollen Staaten wie China und Indien, in Komfort und Mobilität nicht hinter den Standards der westlichen Welt zurückstecken. Und was für sie gilt, gilt mittelfristig für alle sich entwickelnden Länder. – Die Ingenieure der Welt besitzen die „tools“, also das Werkzeug, neue Ressourcen zu entwickeln, aus denen wir Energie gewinnen können.
Welche Ressourcen gibt es?
Unsere heutigen Verfahren zur Energiegewinnung haben alle ihre Spezifika: – · Beim Verbrennen fossiler Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle gehen diese unwiederbringlich verloren. Dabei steigt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Öl und Gas bringen uns zusätzlich in Abhängigkeit von der OPEC. – · Die Nutzung, Sicherheit, Lagerung, Aufbereitung der Atomkraft wird gesellschaftlich debattiert in Deutschland hat die Bundesregierung sogar beschlossen, aus der Atomkraft auszusteigen.
Und die Potenziale der Stromerzeugung aus Solar-, Wind- und Wasserkraft sind entweder noch zu teuer, zu beschränkt oder sogar schon ausgereizt. – · Die Verwertung von Biomasse muß oft gegen den Verdacht kämpfen, daß Agrarfläche für die Energiegewinnung statt gegen den Hunger eingesetzt wird. · – Batterien müssen vorher mit auf anderem Weg erzeugten Strom geladen werden. Und auch für die Wasserstoffnutzung braucht man erst einmal Energie, um Wasserstoff zu gewinnen. Beim Wasserstoff sind außerdem noch Hürden für die Massenanwendung im Verkehr zu überwinden, insbesondere im Fahrzeug selbst.
Und wenn er im Verbrennungsmotor eingesetzt wird, kommt noch die meist schlechtere Energieausnutzung hinzu.

Mein Damen und Herren,
die Ingenieure der Welt sollten sich deshalb auf den hoffnungsvollsten alternativen Antrieb konzentrieren – die Brennstoffzelle.
Sie hat einen weitaus höheren Wirkungsgrad als der Verbrennungsmotor.
Sie ist sauber.
Sie ist sowohl mobil als auch stationär einsetzbar.
Dazu muß geklärt werden, mit welchem Treibstoff die Brennstoffzelle gespeist wird: Methanol, Wasserstoff, Benzin, oder etwas anderem? Mit diesen Fragen befassen wir uns sehr intensiv.
Und deshalb, meine Damen und Herren, bin ich besonders stolz. Denn das Ergebnis unserer Forschung wird DaimlerChrysler bereits in zwei Jahren, als weltweit ersten Fahrzeughersteller, ganz nach vorne bringen.
Wir werden mit der Brennstoffzellentechnologie an den Markt gehen.
Was heißt das ?
Das heiß, daß dann die ersten Busse, ausgerüstet mit Brennstoffzellen als Antrieb und Wasserstoff als Energieträger, fast lautlos durch unsere Städte fahren werden.
Im selben Jahr wird das erste DaimlerChrysler-Werk – in Tuscaloosa, in den USA – seine Energie aus einem Brennstoffzellen-„Kraftwerk“ unser Tochter MTU Friedrichshafen beziehen. Und zwei Jahre später starten die ersten Pkw mit Brennstoffzelle.
Eine phantastische Vorstellung!
Aber sie ist Realität.
Mit der Verknappung von Erdöl in ca. 10 bis 15 Jahren wird sich nämlich die Energiefrage spätestens am Ende dieses Jahrzehnts mit voller Wucht stellen.
Sowohl in den entwickelten, wie auch in den sich entwickelnden Staaten.
Ich plädiere deshalb dafür, und die Forschung von DaimlerChrysler ist Beleg dafür, daß wir diese Frage früher beantworten.
Denn Veränderungen werden viel Zeit und Kapital erfordern.
(RHETORISCHE PAUSE!!)
Ich hoffe, daß die Menschen erstmals eine globale, ihre Existenz betreffenden Frage gemeinsam angehen:

– · Mit allem verfügbaren technologischen Sachverstand. – · Unter Ausnutzung der besten, direktesten und schnellsten Kommunikationsmöglichkeit, des Internets.

Diese Vision erfordert ein „Hand in Hand“ aller der in der Gesellschaft Verantwortung tragenden Menschen, der Ingenieure und Naturwissenschaftler. Denn Ihre primäre Aufgabe ist es doch, die Lebensqualität der Menschen und der Umwelt zu verbessern.
Denn Sie sind, zusammen mit den Naturwissenschaftlern, die eigentlichen technischen Wissensträger, Fort-Träger und Fort-Entwickler der Gesellschaft.
Deshalb ist es so wichtig, daß Sie hier sind.
Denn wir wollen von einander lernen, von der Phantasie und Vorstellungskraft unserer Kollegen und Kolleginnen.
Mit anderen Worten: Wo Ingenieure keine technische Lösung finden, da gibt es zumeist auch keine.
Deshalb rufe ich die Ingenieure der Welt, als die eigentlichen Träger von technologischer Innovation, auf:
Suchen und finden Sie – gemeinsam – Lösungen für umweltgerechte Energien und Antriebe der Zukunft, zur Sicherung der Mobilität unserer Zukunft!
Nutzen Sie dabei das Internet als Kommunikationsbasis, um firmen- und ortsunabhängig, ohne Rücksicht auf Nationalität oder Hautfarbe, zusammen zu arbeiten.
Eine solche Zusammenarbeit könnte nach dem Modell des Computerbetriebssystem LINUX weltweit via Internet entwickelt werden.
In diesen Minuten wird hierzu eine eigene web-Seite freigeschaltet.
Lassen Sie sich dabei nicht davon abbringen, quer zu denken, neues auszuprobieren, auch wenn es viele Skeptiker gibt, oft weil sie es einfach nicht verstehen.
Aber denken Sie auch an die Möglichkeiten der Umsetzung.
Nur die Idee, der Traum – das reicht nicht.
Mein Damen und Herren,
ich komme zum Schluß. Und kehre damit an den Anfang meiner Ausführungen zurück.
Ich stelle mir nicht die Fragen nach „Gut oder Böse“, wie in dem Essay von Bill Joy.
Denn Energiesicherung ist ein ethisches Projekt.
Die umweltverträgliche Energiesicherung der Zukunft, ist die Grundvoraussetzung für menschliches Leben. Dafür, daß unsere Kinder und Kindeskinder wiederum ihrerseits den Freiraum haben werden, ihre Zukunft zu gestalten.
Für dieses Ziel tragen wir gemeinsam Verantwortung.
Denn Verantwortung zu übernehmen, meine Damen und Herren, gehört zur Würde des Menschen, im Sinne des menschlichen Miteinanders, des solidarischen Miteinanders.
Ich bin sicher, daß von hier, von Ihnen, Ideen ausgehen, die einander bewegen und sich schließlich ergänzen zur Lösung dieser wichtigen und spannenden Menschheitsaufgabe.
Vielen Dank.

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