Wasserkraft 17.12.1999, 17:23 Uhr

Norwegen baut auf CO2-freie Wasserkraft

Mit oft in den Bergen versteckten Kraftwerken erzeugen die Norweger aus Wasserkraft ihren Strom. Damit decken sie fast die Hälfte ihres Primärenergiebedarfs. Doch dem regenerativen, CO2-freien Energieträger setzt der Umweltschutz auch Grenzen. Hoffnungen bestehen auf einen größeren Stromaustausch mit Deutschland.

Wer bei dem Stichwort Norwegen an Wasser denkt – an die Nordsee, atemberaubende Fjorde und Gletscher, beeindruckende Wasserfälle und Stauseen -, liegt gar nicht so falsch. Das Wasser ist eine der wichtigsten Schlagadern der norwegischen Wirtschaft, denn dahinter verbergen sich viele Exportschlager: So machen Erdöl und Erdgas aus der Nordsee mehr als 30 % der Gesamtausfuhr aus und sorgen für ausgeglichene Zahlungsbilanzen. Der Fisch ist ein gefragtes Exportgut. Außerdem lockt die Natur zahlreiche, Umsatz bringende Touristen an – im vergangenen Jahr allein 620 000 Urlauber aus Deutschland. Und schließlich deckt Wasserkraft fast die Hälfte des norwegischen Energiebedarfs. Der Strom wird gar nahezu vollständig aus diesem regenerativen Energieträger gewonnen.
Norwegen ist mit einer Produktion von rund 120 TWh im Jahr führend bei der energetischen Nutzung von Wasserkraft in Europa. Selbst im weltweiten Vergleich wird das kleine skandinavische Land (mit knapp 4,5 Mio. Einwohnern und einer Fläche von 385 000 km2) nach einer Untersuchung von BP Amoco nur noch übertroffen von Kanada, den USA, Brasilien, China und der Russischen Föderation.
Die Norweger sind stolz auf ihr „Wasser“, daher würdigen sie es auch auf der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover: „Blickfang unseres Pavillons ist ein tosender, 15 m hoher Wasserfall, der einer berühmten Touristenattraktion in Westnorwegen nachgebildet ist, dem Steindalsfossen am nicht weniger berühmten Hardangerfjord“, erläutert Per Reinboth, Norwegens Generalkommissar für die Expo 2000, in Bergen – einer der neun Europäischen Kulturstädte 2000. Er lobt die Wasserkraft als „ständig erneuerbare Energie, die inzwischen auch am deutschen Energiemarkt gehandelt wird“. Der Stromaustausch mit deutschen Elektrizitätswerken biete sich an, weil sich Menge einfacher als bei der Wärme nach Wunsch verändern lässt. „Wenn in wenigen Jahren das Netz der Kabel weiter ausgebaut ist, wird dieser Stromaustausch an Bedeutung gewinnen“, meint Reinboth, der die Entwicklung des liberalisierten Strommarktes in Deutschland mit Interesse verfolgt.

Rund 850 Wasserkraftanlagen liefern elektrische Energie

Nach Angaben des Ministeriums für Erdöl und Energie verfügt Norwegen über rund 850 Wasserkraftanlagen mit einer gesamten installierten Kapazität von über 27 000 MW. Die meisten davon sind von kleiner Leistung. Etwa 320 Anlagen zählen jedoch eine Leistung von über 10 MW, sie kommen zusammen auf über 26 000 MW. Eine der größten Anlagen mit 1120 MW ist das „Sima“-Kraftwerk. Wenige Autostunden von Bergen entfernt liegt es am Ende des Hardangerfjords nahe der Stadt Eidfjord.
Nähert man sich dem Kraftwerks-Standort, ahnt man nicht, welch immens große Strommenge hier produziert werden kann. Denn wie die meisten großen Wasserkraftwerke in Norwegen ist Sima in einer Kaverne im Gebirge sicher versteckt. Nur der Name am Eingangstunnel verrät die Existenz des Großkraftwerkes. In dem kleinen, unscheinbaren Gebäude neben dem Eingang bekommen Besucher einen Film gezeigt, der einen Eindruck über die imposante Leistung vermittelt, die beim Bau des Kraftwerkes und der notwendigen Wasserzuführung mit den vier Hauptspeicherbecken in den 70er Jahren erbracht wurde. Besonders beeindruckend ist der Stausee Sysenvatn mit einem Volumen von 436 Mio. m3 Wasser, einer Staudamm-Länge von 1157 m und einer Höhe von 81 m.
Das Kraftwerk ist den ganzen Sommer über für Besucher geöffnet, wie Sima-Mitarbeiter Øyvind Salbu einer Gruppe von Besuchern erläutert. Das Interesse sei groß, und die insgesamt nur 23 Mitarbeiter von Sima allesamt stolz auf ihr Kraftwerk. Seit 1980, dem Jahr der Inbetriebnahme, laufe die Anlage störungsfrei – im nächsten Jahr wird 20-jähriges Jubiläum gefeiert. Sima gehört dem staatlichen Unternehmen Statkraft. Der Stromerzeuger Statkraft entstand 1992 – ebenso wie der Stromverteiler Statnett – aus der organisatorischen Aufteilung des staatlichen Stromversorgers Statskraftverkene. Statkraft besitzt und betreibt 54 Kraftwerke und hält Anteile an weiteren 31 Anlagen. Das Unternehmen hält damit einen Anteil von rund einem Drittel an der jährlichen Stromproduktion. Etwa 15 % stammen von privaten Betreibern, der große Rest kommt aus kommunalen Anlagen.
In Sima erbringen insgesamt vier Generatoren die Gesamtleistung von 1120 MW (2 x 250 MW und 2 x 360 MW), erklärt Salbu auf der Fahrt durch den immerhin 700 m tief in den Berg gehauenen Tunnel. Die jährliche Stromproduktion von durchschnittlich 2,7 TWh reiche aus, um eine Stadt 1,5mal so groß wie Bergen mit seinen 220 000 Einwohnern zu versorgen. Am Ende des Tunnels eröffnet sich den Besuchern eine große Halle von 200 m Länge und 40 m Höhe. Hier geht man (500 m unter der Bergspitze) nur durch den Fußboden getrennt direkt über die vier Generatoren, deren wuchtige, 600 t schwere Rotoren sich – jeweils durch eine mächtige Pelton-Turbine angetrieben – mit 300 bzw. 428,6 Umdrehungen pro Minute drehen.
Für den Volllastbetrieb sind rund 130 m3 Wasser pro Sekunde notwendig. Dieses wird über eine Fläche von 700 km2 gesammelt und in Reservoirs mit einem Volumen von insgesamt 660 Mio. m3 gespeichert. Ein Tunnelsystem von über 27 km Länge führt das Wasser zum Kraftwerk, wo es aus einem Höhenunterschied von rund 500 m auf die Turbinen trifft.
Salbu erinnert die Besucher daran, dass auch ein erneuerbarer Energieträger wie die Wasserkraft nicht von Umweltdebatten verschont bleibt, auch wenn sich diese von denen in Deutschland unterscheiden. So konnten die Norweger wegen der immensen Wasserkraftreserven bislang auf Kohle oder Kernenergie verzichten. Die Umweltdebatte wurde daher auch nicht von der von den Kraftwerken ausgehenden Gefahr bzw. Verschmutzung ausgelöst, sondern von den mit der Nutzung der Wasserkraft verbundenen Eingriffen in die Natur. Dies blieb schon in den 70er Jahren nicht ohne Auswirkungen auf das Sima-Kraftwerk. Wie Salbu sagt, sei das geplante Wassereinzugsgebiet soweit reduziert worden, dass die letztlich verwirklichte Anlage nur 47 % dessen produziert, was die Planer ursprünglich (1968) wollten.
Auch Salbu versäumt es nicht, wie zuvor Expo-Kommissar Reinboth, den Besuchern die Vorteile norwegischer Wasserkraft für den Stromaustausch mit Deutschland anzupreisen: umweltfreundlich den deutschen Spitzenlastbedarf am Tage mit abzudecken und dafür im Gegenzug überzähligen Nachtstrom zu übernehmen. Strom aus Wasserkraft sei leicht steuerbar und kurzfristig verfügbar – im Gegensatz zu den deutschen Kraftwerken, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden. So dauert es laut Salbu nur 5 Minuten von der Bedarfsanforderung bis zur Lieferung, ein Stopp sei zudem jederzeit möglich. Die Erzeugungskosten sind mit 0,15 Kronen/kWh (d. h. umgerechnet etwa 4 Pf/kWh) enorm preiswert. Er hofft, dass ein entsprechender Plan mit der PreussenElektra vielleicht schon im Jahr 2003 in die Tat umgesetzt werden kann.
Dies ist allerdings noch nicht sicher. Seit rund einem Jahr unterhält PreussenElektra, Hannover, einen Stromaustausch über 400 MW mit Statkraft über das dänische Leitungsnetz und das Skagerrak-Kabel. Dieser Austausch sollte eigentlich über direkte Seekabel nach Norwegen verstärkt werden. Hier waren auch schon zwei Projekte in der Planung: Viking-Cable (von PreussenElektra mit Statkraft) und EuroKabel (von Euro-Strom – ein Gemeinschaftsunternehmen von RWE Energie und HEW – mit EuroKraft, einem Zusammenschluss von 22 kleineren norwegischen Elektrizitätsunternehmen). Diese sind jedoch durch die Liberalisierung des deutschen Strommarktes und den damit verbundenen Preisverfall vorerst in Frage gestellt. ROBERT DONNERBAUER
Unscheinbar wirkt der Eingang zum Sima-Kraftwerk. Dabei zählt die Anlage zu den größten Norwegens. Das Laufrad der Turbine im Sima-Kraftwerk hat 5 m Durchmesser und immerhin etwa 37 t Gewicht.

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