Energie 09.04.1999, 17:21 Uhr

Nie wieder gefrorenen Rasen heizen

Energie ist in Rußland traditionell billig und grenzenlos verfügbar. Mit moderner Energiespar-Technik geht der Wärmeversorger Mytischinskaja Teploset in der Region Moskau jetzt daran, den Verbrauch und die hohen Leitungsverluste zu senken.

Zur Frühjahrszeit ist die Stadt Mytischi im Moskauer Gebiet noch von einer leichten Schneedecke überzogen. Unterbrochen wird der dünne weiße Teppich nicht nur von den löchrigen Straßen, über die wir mit dem Niva-Jeep holpern. Daneben ziehen sich auch völlig schneefreie Trassen durch die Landschaft, als gebe es dort eine Rasenheizung. „Im Winter können Sie eine Karte von den Wärmeleitungen in der Stadt machen“, erklärt Juri Jarowoi, stellvertretender Generaldirektor des regionalen Wärmeversorgers Mytischinskaja Teploset. „Wo kein Schnee liegt, ist eine Wärmeleitung unter der Erde.“ Aus den alten, maroden Rohren entweicht bis zu einem Drittel der transportierten Wärme in die Umwelt.
Lecks gehören hier wie in ganz Rußland zum Alltag, und früher stand in den Kellern der Häuser von Mytischi nicht selten das heiße Wasser, das aus den Wärmerohren entwichen war. Obwohl die Mittel begrenzt sind, hat Teploset inzwischen begonnen, sein Wärmenetz zu rekonstruieren und die hohen Energieverluste zu senken.
Der Keller des Plattenbau-Hochhauses in der Kolpakowka-Straße ist nicht für große Menschen gebaut. Im gebückten Bergmannsgang erreichen wir schließlich die Wärme-Übergabestation des Hauses. „Früher hatten wir zentrale Wärme-Stationen für ein ganzes Viertel, aus denen die Leitungen für Heizung und Warmwasser einzeln in die Häuser geführt wurden“, erklärt Jarowoi. „Heute führt die zentrale Wärmeleitung direkt in die Häuser, und erst dort entnehmen wir die Energie für Heizung und Warmwasser.“ Damit liegen weniger Leitungen im Gelände, die Energieverluste sinken. Und, was für einen wirtschaftlichen Betrieb besonders wichtig ist, der Energie-Verbrauch kann für jedes Haus einzeln erfaßt und abgerechnet werden.
Jarowoi zeigt auf die Zählertechnik, die das Unternehmen selbst produziert und hier neben Ventilen eines anderen russischen Herstellers, deutschen Pumpen und einem Wärmetauscher aus Schweden installiert ist. „Wir haben die volle Kontrolle über warmes, kaltes Wasser und die Heizung. Und die Systeme werden automatisch reguliert.“
Die aktuellen Verbrauchsinformationen gelangen in eine Dispatcher-Zentrale, so daß auch Lecks in der Leitung nicht lange verborgen bleiben und der Reparaturtrupp frühzeitig rausgeschickt werden kann. Geflutete Keller gebe es in Häusern mit individueller Übergabestation nicht mehr, so der Vize-Generaldirektor. In Bürogebäuden der Stadt geht der Wärmeversorger sogar noch einen Schritt weiter: Dort sind „Programmatoren“ installiert – Systeme, die nachts und am Wochenende automatisch die Temperatur in den Räumen absenken.
Das Wohnhaus in der Kolpakowka hat Teploset vor einem Jahr selbst gebaut, erzählt Jarowoi, während wir aus dem Keller klettern und mit dem Lift in die fünfte Etage fahren. Die 120 Wohnungen des Zehngeschossers sind sämtlich verkauft, trotzdem ist nur die Hälfte davon bewohnt. „Kann sein, daß einige Leute hier nur ihr Kapital angelegt haben“, vermutet er.
In gewisser Weise kommt Teploset die geringe Belegung sogar entgegen, war das Haus doch ursprünglich als „Experimentalhaus“ geplant. Im Badezimmer einer leerstehenden Wohnung zeigt Jarowoi die Zähler für Kalt- und Warmwasser. Aus ihnen ragen Drähte, die zu einem Rechner im Treppenhaus führen. Dort werden die Verbrauchsdaten erfaßt und zu einem Zentralrechner weitergeleitet, der die monatlichen Abrechnungen erstellt. „Die Bewohner bezahlen hier nach den Zähler-Werten“, erklärt Jarowoi die für Rußland noch unübliche Praxis.
Traditionell entrichten russische Haushalte für alle Betriebskosten ihrer Wohnung eine geringe, vom Staat subventionierte Pauschale. Einen Anreiz für den sparsamen Umgang mit Wasser und Energie gibt es nicht, gleichzeitig geht ein großer Teil der öffentlichen Ausgaben für die Subventionen drauf. „Die Norm sieht für einen Einwohner in Mytischi 120 l Warmwasser pro Tag vor“, erklärt Jarowoi die bisherige Praxis. „Tatsächlich braucht er durchschnittlich 140 l. Bei der Abrechnung nach Zähler sinkt der Verbrauch auf 85 l.“
An den Heizungen des Experimentalhauses hat Teploset Thermostate angebracht, mit denen die Bewohner auch die zugeführte Wärmeenergie regulieren können. In der Demonstrations-Wohnung sind die Heizkörper auch mit Verdunstungs-Zählern bestückt. Für die russischen Verhältnisse seien diese Heizkosten-Verteiler aber nicht geeignet, meint Jarowoi. „Es gibt in Rußland viele Banditen, die Leute lassen niemanden in die Wohnung kommen, der einen Zähler ablesen will. Wir müssen deshalb alle Informationen automatisch aus der Wohnung herausführen.“ Elektronische Heizmengen-Zähler sind für den Wärmeversorger aber noch zu teuer.
Mitunter sind es aber auch schon einfache Maßnahmen, die einen spürbaren Fortschritt bringen: In seinem Experimentalhaus hat Teploset noch das eigentlich veraltete und schlecht regelbare Einrohr-Heizungssystem eingebaut. Die nächsten beiden Neubauten, die derzeit im gleichen Viertel gebaut werden, rüstet der Wärmeversorger schon mit dem moderneren, gut regelbaren Zwei-Rohr-System aus.
Das Energiespar-Potential in der russischen Wohnungswirtschaft ist riesig. 70 Mio. t Steinkohlen-Einheiten könnten allein in diesem Zweig der Volkswirtschaft eingespart werden, wenn die Technik modernisiert und der tatsächliche Verbrauch abgerechnet würde. Das schätzte das russische Energieministerium vor einem Jahr, als es ein Energiespar-Programm bis zum Jahr 2005 vorlegte.
Der Energiespar-Gedanke stößt nicht nur auf eingeschliffene Verbraucher-Gewohnheiten, es fehlt auch das Geld für die nötigen Investitionen. „Aus dem Staatshaushalt gibt es keine Mittel für das Energiespar-Programm“, stellt Alexej Mastepanow klar, Leiter der Strategie-Abteilung im Energieministerium. Aber die August-Krise des letzten Jahres hat auch ausländische Investoren vertrieben und russische Firmen ihrer Mittel beraubt. „Für das Energiesparen ist die Situation schlechter geworden“, so Mastepanow. „Wir sind jetzt wieder auf dem Stand von 1996.“
Mytischinskaja Teploset ist da sicherlich eine Ausnahme. Der Wärmeversorger löst das Finanzierungsproblem teilweise dadurch, daß er einige benötigte Ausrüstungen selbst herstellt und auch an andere Kunden verkauft. Bei Wasser- und Wärmezählern sieht sich Teploset inzwischen als größten Hersteller Rußlands.
Mit dem Jeep fahren wir ein paar Kilometer aus der Stadt heraus, dann rumpeln wir auf einem Feldweg weiter. Zuerst geht es an einer eingestürzten Scheune vorbei, bevor wir schließlich an einer ehemaligen Maschinenstation halten, die Teploset dem Viehwirtschafts-Betrieb abgekauft hat. Im Inneren liegen lange, mit Kunststoff ummantelte Rohre.
Seit einem Jahr stellen hier sieben Arbeiter modern isolierte Wärmeleitungen her. „Die Technologie stammt aus dem Westen“, erklärt der Betriebs-Natschalnik Oksan Beksentajew. „Um die Rohre nicht teuer einkaufen zu müssen, haben wir in Deutschland eine Maschine gekauft und stellen die Rohre jetzt selbst her.“ Allerdings müssen auch die verarbeiteten Materialien noch teuer importiert werden, so daß der Ausstoß begrenzt ist. „Eigentlich könnten wir hier im Jahr 50 km Rohre in einer Schicht herstellen“, so Beksentajew. Tatsächlich haben sie im letzten Jahr 20 km für den Eigenbedarf des Wärmeversorgers gefertigt. Und auch jetzt gebe es hier kein „dawai, dawai“ – das Wort, mit dem sich die Russen gegenseitig antreiben.
Daß dieses Tempo nicht ausreicht, um das 400 km lange Netz des Mytischinskaja Teploset zügig zu erneuern, weiß auch Vize-Generaldirektor Jarowoi. Um besser voranzukommen, hofft er auf einen Kredit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Bisher seien Energiespar-Maßnahmen aber auch durch die russischen Gesetze gebremst worden: „Wenn ich Energiespar-Technik kaufe und einen geringeren Aufwand habe, muß ich den Tarif senken, habe weniger Einnahmen und kann meine Aufwendungen nicht kompensieren.“ Inzwischen sei in einem neuen Gesetz zwar geregelt, daß aus den eingesparten Energiekosten die Kredite für die Technik zurückgezahlt werden können und dem Betrieb auch noch ein Gewinn bleibt. Viele andere Dinge seien aber auf Bundesebene noch nicht geregelt. In Mytischi haben aber auch die Einwohner bereits von der Modernisierung des Wärmenetzes profitiert: In den vergangenen drei Jahren konnten die Tarife entgegen dem russischen Trend schon mehrmals gesenkt werden.
Inzwischen hat auf dem Wärmemarkt in der Region Mytischi auch schon ein wenig Wettbewerb Einzug gehalten. Wir stoppen mit dem Jeep außerhalb der Stadt vor der Möbelfabrik. Ingenieur Viktor Schwab reißt die Tür zu einem Container auf, in dem zwei Heizkessel spanischer Produktion lärmen. „Früher wurde die Möbelfabrik vom Kolchos mit Wärme versorgt“, erklärt Schwab. „Der war hier Monopolist und hat 300 Rubel pro Gigakalorie Wärme verlangt. Wir haben dann dieses Heizwerk mit 350 kW Leistung für die Möbelfabrik gebaut. An uns bezahlt sie die Hälfte.“
Sechs solcher kleiner, dezentraler Heizstationen betreibt Teploset inzwischen für seine Kunden. Demnächst will der Wärmeversorger weiteres Neuland in der dezentralen Versorgung betreten: Im Dorf Rogorschskoje soll ein Heizkraftwerk entstehen, das gleichzeitig 6 MW Strom und 16 MW Wärme für die Siedlung und eine Textilfabrik erzeugt. „Aber wir haben Schwierigkeiten, den Strom ins Netz des Stromversorgers Mosenergo einzuspeisen“, berichtet Jarowoi über die Hürden. „Wärme in andere Netze einzuspeisen ist bei uns durchaus üblich. Aber für Strom gibt es noch keinen Präzedenzfall in Rußland.“
STEFAN SCHROETER
In russischen Wohnvierteln sind die Fernwärmeleitungen oft oberirdisch verlegt, um Kosten zu sparen. Dies beeinträchtigt zwar das Stadtbild, aber Wartungsarbeiten und Reparaturen lassen sich wesentlich einfacher als bei unterirdischer Verlegung vornehmen.
Juri Jarowoi, stellv. Chef von Mytischinskaja Teploset, an einer Wärmeübergabestelle: „Wo kein Schnee liegt, ist eine Wärmeleitung unter der Erde“. Sein Unternehmen stellt eigene Wärmezähler her.

 

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Energie & Umwelt

Stadtwerke Leipzig GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Leipzig GmbH Projektingenieur (m/w/d) Anlagenbetrieb Leipzig
Technische Hochschule Mittelhessen-Firmenlogo
Technische Hochschule Mittelhessen Professur (W2) Life Cycle Assessment und Circular Economy Friedberg
TEGEL PROJEKT GMBH-Firmenlogo
TEGEL PROJEKT GMBH Projektingenieur (m/w/d) Umwelttechnik / Umweltverfahrenstechnik Berlin
Hamburger Hochbahn AG-Firmenlogo
Hamburger Hochbahn AG Ingenieur*in / Projektleiter*in Energietechnik Hamburg
Sweco GmbH-Firmenlogo
Sweco GmbH Ingenieur als Projektleiter Energie-, Elektro-, Verfahrens- oder Versorgungstechnik (m/w/x) Berlin, Köln
HOPPE AG-Firmenlogo
HOPPE AG Umwelttechniker / Verfahrenstechniker (m/w/d) Bromskirchen
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Projektleitung in der Bestandsuntersuchung (w/m/d) München
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Ingenieur*in für Strom- und Energiefragen (w/m/d) München
Tyczka Hydrogen GmbH-Firmenlogo
Tyczka Hydrogen GmbH Vertriebsingenieur Wasserstoff (m/w/d) Geretsried
Tyczka Hydrogen GmbH-Firmenlogo
Tyczka Hydrogen GmbH Projektingenieur Wasserstoff (m/w/d) Geretsried

Alle Energie & Umwelt Jobs

Top 5 Energie

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.