Energiewirtschaft 29.05.2009, 19:41 Uhr

Neue Wege für sichere Erdgaslieferungen  

Die Europäische Kommission will russische Vorschläge bei der anstehenden Überarbeitung der Energiecharta berücksichtigen. Künftige Gasliefer-Krisen sollen durch eine bessere Vernetzung europäischer Gasleitungen und durch neue Import-Pipelines vermieden werden. VDI nachrichten, Berlin, 29. 5. 09, swe

Beim Thema Energie kommen die EU und Russland so schnell nicht zusammen, das wurde am 22. Mai beim Gipfeltreffen Russlands mit der Europäischen Union im fernöstlichen Chabarowsk klar. Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew hat sich dafür ausgesprochen, die 1991 beschlossene Energiecharta zu erneuern oder zu ergänzen. Der gegenwärtigen Version der Energiecharta werde Russland nicht beitreten, sagte Medwedjew in Chabarowsk.

Die Energiecharta regelt internationale Energierechtsfragen bei Handel, Transit und Investitionen. Russland hatte den Vertrag zwar unterschrieben, aber ebenso wie Australien, Belarus und Norwegen bisher nicht ratifiziert. Im April diesen Jahres hatte Medwedjew eigene Vorschläge für eine neue Energiecharta unterbreitet. EU-Kommissions-Präsident José Manuel Barroso sprach sich dafür aus, Medwedjews Vorschläge bei einer anstehenden Überarbeitung der Energiecharta zu berücksichtigen.

Nach Medwedjews Ansicht hat der russisch-ukrainische Erdgaskonflikt im Januar gezeigt, dass die bisherigen Instrumente der Energiecharta für die Lösung solcher Konflikte nicht ausreichen. Er beschuldigte die Ukraine, sich als Mitgliedsstaat der Energiecharta nicht an deren Regeln gehalten zu haben. Außerdem weckte er Zweifel an der Fähigkeit der Ukraine, die derzeit laufende Befüllung der Untergrund-Erdgasspeicher mit Erdgas im Wert von 4 Mrd. $ zu bezahlen. Russland sei bereit, die Ukraine zu unterstützen, sagte Medwedjew. Die gleiche Unterstützung erwarte er auch von denjenigen Ländern der EU, die an sicheren Energielieferungen interessiert sein müssten.

Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an Mechanismen, die bei Lieferunterbrechungen wie im Januar eine effektive europäische Koordination ermöglichen sollen. Auch die Infrastrukturpolitik sei noch einmal überprüft worden, sagte Matthias Ruete, Generaldirektor für Energie und Transport, auf einer europäisch-russischen Gaskonferenz am 19. Mai in Berlin. Er kündigte EU-Mittel für Energieverbindungen zwischen bestehenden Netzen und die bessere Nutzung der eigenen Energiereserven der EU einschließlich der erneuerbarer Energien an.

Unter den von Ruete genannten EU-Mitteln sind 1,4 Mrd. € für mehrere grenzüberschreitende Gasleitungsprojekte, einen Gasspeicher in Tschechien und einen polnischen Entladehafen für weltweit verfügbares Flüssigerdgas. In dem Vorschlag sind auch 200 Mio. € für die neue Erdgas-Pipeline Nabucco (s. Kasten) enthalten, die mehrere europäische Gasversorger einschließlich der Essener RWE AG von der Osttürkei nach Mitteleuropa bauen wollen.

Nabucco ist eines von mehreren großen Pipeline-Projekten, die den wachsenden Erdgasbedarf Europas decken und die Abhängigkeit von einzelnen Produzentenländern sowie Transitwegen vermindern sollen.

Am weitesten fortgeschritten ist das Projekt der Pipeline Nord Stream, die von Nordwest-Russland durch die Ostsee bis an die deutsche Küste führen soll. Wie der Finanzdirektor des Projekts, Paul Corcoran, in Berlin sagte, soll der Bau im April 2010 beginnen. 2011 könnte dann Gas durch die erste von zwei geplanten Röhren fließen, 2012 auch durch die zweite.

Noch in der Planungsphase ist das russisch-italienische Projekt der Pipeline Südstrom, die von Südwest-Russland durch das Schwarze Meer nach Süd- und Mitteleuropa führen soll. Südstrom, hinter der der weltgrößte Erdgasproduzent Gazprom und der italienische Gaskonzern Eni stehen, gilt als Konkurrenzprojekt zu Nabucco.

Das Nabucco-Konsortium ist auf die reichen Erdgas-Lagerstätten Mittelasiens angewiesen, bevor später vielleicht einmal die noch größeren Gasvorräte des politisch schwierigen Irans verfügbar werden. In Mittelasien kauft Gazprom bereits große Mengen Erdgas ein. Das Nabucco-Konsortium hat bisher noch keine Lieferverträge mit den dortigen Produzenten geschlossen.

Für Aufsehen sorgten Gazprom und Eni Mitte Mai, als sie bekannt gaben, die jährliche Transportleistung von Südstrom auf 63 Mrd. m3 verdoppeln zu wollen. Das wären doppelt so viel wie die geplante Transportleistung von Nabucco. Zusammen mit Nord Stream wird dadurch so viel neue Leistung für den Transport russischen Erdgases nach Mittel- und Westeuropa verfügbar, wie heute auf dem ukrainischen Transportweg existiert. Damit könnte Gazprom bei künftigen Transitkonflikten mit dem ukrainischen Partner Naftogas leicht auf alternative Transportwege ausweichen.

Gleichzeitig arbeitet Gazprom Medwedjew zufolge am Ausbau seiner Gasspeicherkapazitäten. In den nächsten sechs Jahren will Gazprom sie mit Projekten in Deutschland, Holland, Österreich, Serbien und Ungarn auf das Fünffache erweitern. So bauen die Russen gemeinsam mit der Leipziger VNG Verbundnetz Gas in Sachsen-Anhalt eine Speicheranlage, die in 15 Jahren über eine Kapazität von 600 Mio. m3 verfügen soll. STEFAN SCHROETER

Von Stefan Schroeter
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