Wasserkraft 15.01.1999, 17:20 Uhr

Neue Pläne für altes Wasserkraftwerk

Ein Neubau soll Europas ältestes Großwasserkraftwerk an der schweizerisch-deutschen Grenze ersetzen. Doch der Preisverfall auf den Strommärkten hat die bereits genehmigten Pläne für die Anlage Rheinfelden über den Haufen geworfen. Nun wird mit den Behörden über ein neues Konzept verhandelt.

Knapp über 100 Jahre alt ist das Wasserkraftwerk im baden-württembergischen Rheinfelden und damit die älteste Großanlage zur Gewinnung von Strom aus Wasser in Europa. Doch nicht nur der berüchtigte „Zahn der Zeit“ nagte an den Einrichtungen zur Energiegewinnung, auch rechtliche Rahmenbedingungen machen den Bau einer neuen Anlage am Ufer des Rheins erforderlich.
1894 erteilten der Kanton Aargau und im Mai 1895 das Großherzogtum Baden der Kraftübertragungswerke Rheinfelden Aktiengesellschaft (KWR) die notwendigen Konzessionen für eine Laufzeit von 90 Jahren, beginnend im Jahre 1898. Nachdem die Konzession für das Kraftwerk im Jahre 1988 abgelaufen war, erteilten der schweizerische Bundesrat und das Regierungspräsidium Freiburg am 20. Dezember 1989 eine neue Konzession für weitere 80 Jahre Kraftwerksbetrieb. Sie gestattet es der KWR, das vorhandene Kraftwerk zunächst weiter zu betreiben, allerdings unter der Auflage, bis zum Jahr 2004 eine neue Anlage in Betrieb zu nehmen, die eine dreifache Energieausbeute gegenüber der bestehenden Anlage ermöglicht.
„Die neue Konzession sieht vor, daß eine Leistungserhöhung durchgeführt werden muß. Im speziellen Fall von Rheinfelden konnte das nur heißen, das hier ein Neubau entstehen muß. Das bedeutet, daß die alte Anlage aufgegeben werden muß und eine neue Anlage mit etwa vervierfachter Leistung 150 m bis 200 m flußaufwärts errichtet wird“, erklärt Thomas Zwigart, Sprecher der Betreibergesellschaft KWR. „Alt-Rheinfelden liefert gegenwärtig eine mittlere jährliche Energie von 185 GWh, Neu-Rheinfelden soll dagegen um die 565 GWh produzieren.“ Für den Neubau reichte man 1994 ein Baugesuch ein.

Neues Kraftwerk liegt stromabwärts zur Altanlage

Dieses neue Werk besteht, so zumindest die Planung, im wesentlichen aus einem quer zum Fluß errichteten Stauwehr mit sieben Wehrfeldern und einem auf der gleichen Achse angeordneten Krafthaus, das sich aus hydraulischen Gründen am Schweizer Ufer befindet. Die Anordnung der neuen Anlage liegt etwa 130 m stromabwärts des heutigen Stauwehrs. Der Wasserspiegel des Oberwassers wird um 1,40 m gegenüber heute erhöht werden. Direkt im Anschluß an das Maschinenhaus beginnt im Unterwasser die sogenannte Rheineintiefung, eine ausgetiefte Abflußrinne, in der das Wasser nach dem Durchlaufen der Turbinen abgeführt wird. Durch diese Eintiefung wird der mittlere Wasserspiegel unterhalb des Kraftwerkes um etwa 50 cm gegenüber dem heutigen Mittelwasserstand abgesenkt. Dies führt dazu, daß Teile des heutigen Flußgrundes im Bereich der flachen Stellen sichtbar werden und damit die biologische Funktion der heutigen Stromschnellen weitgehend übernehmen.
Das projektierte Kraftwerk wird 4 große Rohrturbinen aufweisen, die zusammen eine Leistung von 114 MW haben werden. Eine fünfte, kleinere Turbine mit nur 2 MW Leistung wird in den sogenannten Wehrpfeiler integriert. Sie entnimmt 30 m3/s Wasser und gibt das turbinierte Wasser jedoch nicht in den Hauptfluß zurück, sondern läßt dieses Wasser unterhalb des Stauwehres in die sogenannten Tosbecken strömen. Von dort aus verteilt sich das Wasser in die z. T. trockenliegende Felslandschaft der Stromschnellen. Das Maschinenhaus selbst wird in Flachbauweise erstellt, um den optischen Eindruck des dahinter liegenden Schweizer Ufers nicht zu sehr zu beeinträchtigen.
Soweit die Planungen, wie sie noch vor nicht allzu langer Zeit vorgelegt und genehmigt wurden. Womit jedoch niemand rechnen konnte, war, daß sich während der Planungs- und Genehmigungsphase einige grundlegende Veränderungen eingestellt hatten: „Die Probleme, die wir gegenwärtig haben, liegen darin, daß wir 1994 zwar wußten, daß die EU-Richtlinie, das neue Energiewirtschaftsrecht und der Wettbewerb unter den Energielieferanten in irgendeiner Form mal kommen könnten, und daß die Märkte liberalisiert werden“, erklärt Thomas Zwigart. „Mit der Macht und der Geschwindigkeit, mit der das jetzt passiert ist, und auch mit dem damit einhergehenden Preisverfall auf den Energiemärkten stehen wir jetzt vor der Situation, daß die Kilowattstunde Strom aus dem neuen Wasserkraftwerk um die 18 Pfennig kosten würde.“ Ein Preis, der in etwa das Vierfache von Strom aus Steinkohlekraftwerken ausmachen würde.

Umkehrung des Bauablaufes soll das Projekt retten

Normalerweise würde ein solcher Preisverfall, sofern er noch rechtzeitig erkannt wird, das „Aus“ für jedes Großprojekt bedeuten. Nicht so jedoch in Rheinfelden: „Wenn nun im Moment dieses Projekt, was die Stromerzeugung anbelangt, nicht realisiert werden kann, weil das – vorsichtig formuliert – einem Selbstmord gleichkäme, dann taucht natürlich direkt die technische Frage auf, was passiert dann als Konsequenz.“ Projektleiter Peter Kesselring von der KWR, der die Planungen für das neue Kraftwerk von Anfang an begleitete, sieht trotz der schwierigen Lage dringenden Handlungsbedarf: „Bleibt das alte Stauwehr erhalten, dann muß es saniert werden. Dann muß man sich auch Gedanken darüber machen, über welche Zeit man dieses 100jährige Stauwehr, das natürlich nicht mehr den heutigen Berechnungsmethoden in bezug auf Gleitsicherheit oder Erdbebensicherheit entspricht, überhaupt noch erhalten kann.“
Für den Projektleiter gab es im Grunde nur eine Möglichkeit, das Bauvorhaben „Neu-Rheinfelden“ trotz aller Schwierigkeiten zu retten: „Die Lösung war, daß wir gesagt haben, wir drehen den Bauablauf um.“ Da das Projekt Neu-Rheinfelden eigentlich dem Stand der 70er bzw. 80er Jahre entspricht, einer Zeit, als es noch hieß, möglichst rasch und möglichst viel Strom zu erzeugen, sah es vor, daß als erstes Baulos das Maschinenhaus mit den Turbinengruppen und den entsprechenden Anlagen gebaut würde. Erst danach sollte das Stauwehr gebaut werden. Wegen der langen Bauzeit hätte das den Vorteil gebracht, daß mit neuen Turbinen und vor allem mit besseren Wirkungsgraden bereits hätte Strom erzeugt werden können, während die Wehranlage noch im Bau war.
Derzeit werden die neuen Pläne noch mit den Konzessionsgebern verhandelt. „Wir müssen mit den Behörden über eine Änderung der Konzession reden, weil es darin einen Paragraphen gibt, der uns Termine vorschreibt“, schildert Projektleiter Kesselring das weitere Vorgehen. „So muß zehn Jahre nach Erteilung der Konzession mit dem Bau begonnen werden – das wäre 1999 -, und im Jahr 2004 muß der Bau beendet sein. Den Termin für den Baubeginn könnten wir mit Hängen und Würgen schaffen. Was wir aber nicht wollen ist, daß wir, wenn das Stauwehr fertiggestellt ist, mit dem Bau des Maschinenhauses beginnen müssen. Schließlich könnte dann die Situation auf dem Energiemarkt noch schlechter als heute sein. Statt dessen möchten wir eine Pause eingeräumt bekommen. Sollte dann in drei Jahren, wenn wir mit dem Wehr fertig sind, der Strom aus Wasserkraft wieder wettbewerbsfähig sein oder die Kunden für regenerativen Strom mehr bezahlen, kann man weiter bauen.“
Noch ist die Frage nicht endgültig geklärt, ob eine solche Baupause eingeräumt, und wie lange sie möglicherweise dauern wird. Angesichts der bereits im Vorfeld entstandenen Planungs- und Vorbereitungskosten in Höhe von rund 88 Mio. DM erscheint eine schnelle Einigung allerdings mehr als wünschenswert, zumal neben den finanziellen Aspekten auch der Ruf des Landes Baden-Württemberg als Vorkämpfer für die ökologische Energiegewinnung auf dem Spiel steht.
TORSTEN HANSEN

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