Energiewirtschaft 22.10.2010, 19:49 Uhr

„Neue Kohlekraftwerke in Deutschland kaum denkbar“

Über 65 % des europäischen Kraftwerksparks sind älter als 20 Jahre und damit in der zweiten Lebenshälfte. Unklare politische Rahmenbedingungen lassen die Betreiber jedoch vor notwendigen Investitionen zurückschrecken. Dabei muss die Branche heute ihre Technologien in Deutschland in der Praxis weiterentwickeln, um die nötigen Erfahrungen sammeln zu können.

Die Kraftwerksliste des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft zählt in Deutschland elf im Bau befindliche Kohlekraftwerke, sechs weitere in Planung. Der World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur zeigt an, dass in Westeuropa von 2008 bis 2015 rund 66 Mrd. € in neue Kohlekraftwerke investiert werden müssten. Von 2016 bis 2030 müssten es weitere 168 Mrd. € sein. Auch die EU rechnet mit einer langfristigen Zunahme der Energieerzeugung aus Kohle. Dennoch: Auf dem 42. Kraftwerkstechnischen Kolloquium der TU Dresden stand letzte Woche die Flaute im Kraftwerksbau im Mittelpunkt.

„Sieht man sich die Altersstruktur der europäischen Kraftwerke und den Investitionsbedarf an, dann sollten sich eigentlich die Kraftwerksbauer keine Sorgen machen“, bestätigte Klaus-Dieter Tigges, Leiter New Technologies beim Kraftwerksbauer Hitachi Power Europe. Nur sei es so, dass es in den 2000er-Jahren zu keiner Neu-Inbetriebnahme eines Steinkohlekraftwerkes in Europa gekommen sei – trotz der Prognosen.

Hinzu komme das Akzeptanzproblem: „Wir erzeugen in Deutschland rund zwei Drittel unsere Energie aus Kohle und Kernkraft. Aber wir müssen uns klar machen, das diese zwei Drittel von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert wird, geschweige denn ein Neubau von Kraftwerken“, weiß Tigges.

Für die Fachleute stand in Dresden der Stromnetzausbau zusammen mit der Abtrennung, dem Transport und der Speicherung des bei der Verbrennung entstehenden CO2, kurz CCS (Carbon, Capture, Storage), ganz oben auf der Tagesordnung. „Man muss sich fragen, auf welcher Basis die Energiebereitstellung erfolgt. Wenn wir den Ausbau der erneuerbaren Energien wollen, dann ist das in erster Linie in Deutschland die Windenergie, und die braucht Transportleitungen“, erklärte dazu Veranstalter Michael Beckmann, an der TU Dresden Professor für Verbrennung, Wärme und Stoffübertragung.

Zwar komme der Biomasse eine wichtige stabilisierende Größe mit einer Speicherfunktion zu, sagte Beckmann, aber er betonte: „Im Moment brauchen wir vor allem noch die fossilen Energieträger für die Grundlast und die Versorgungssicherheit, ebenso die Kernkraft. Berücksichtigt man die Klimarelevanz, kann man in Zukunft die Kohle nur in Verbindung mit CCS sehen.“

Technologisch beschäftige die Branche vor allem die Frage der Effizienzsteigerung, erklärte Beckmann. So sei die grundsätzliche Machbarkeit der CCS-Verfahren gegeben, ebenso die des Transports des CO2. „Es geht jetzt darum, es wirtschaftlich und effizient zu gestalten, zum Beispiel beim Oxyfuel-Verfahren möglichst hohe Wirkungsgrade der Kraftwerke zu erreichen.“

Auch in anderen Energiebereichen spielt das Sammeln von Erfahrungen mit neueren Technologien eine Schlüsselrolle. In der Kerntechnik werde an Hochtemperaturreaktoren gearbeitet, in der Netztechnik zum Beispiel an der Höchstspannungs-Gleichstromübertragung. „Natürlich gibt es diese Technologien bereits, aber wir müssen sie hier vor Ort erproben, um Erfahrungen zu sammeln und so die Entwicklungen weiter vorantreiben zu können“, appellierte der Verfahrenstechniker Beckmann.

Offenbar fehlt auch Wissen, weil der rasante Ausbau erneuerbarer Energien es nötig macht Eckdaten zu kennen, die bisher so nicht gefragt waren. Ein Beispiel: Wie flexibel sind bestehende Grundlastkraftwerke? „Was wichtig wäre, ist, aufzuzeigen, was welcher Kraftwerkstyp kann und was er auch nicht kann“, sagte Thorsten Herdan, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbandes Power Systems, in Dresden. Er sieht Handlungsbedarf: „Wir werden das Thema aufnehmen und im nächsten Jahr vorlegen, wie die Flexibilitäten von verschiedenen Kraftwerkstypen aussehen.“

Die Lastwechselfähigkeit ist nach Ansicht von Hubertus Altmann, Vorstand Kraftwerke bei Vattenfall Europe Generation, eines der vier Topthemen, die der konventionelle Kraftwerksbau angehen muss. „Die Lastflexibilität heutiger konventioneller Kraftwerke stößt an technische Grenzen. Sie sind für die Bedingungen der Zukunft noch nicht entsprechend ausgerüstet.“ Zudem müssten sie effizienter und wirtschaftlicher werden sowie weniger CO2 ausstoßen.

In seinem Fachgebiet derart gebeutelt von unsicheren Vorgaben aus der Politik, muss sich Michael Beckmann zumindest in einem Punkt keine Sorgen machen: beim Nachwuchs. „Für uns in Dresden sieht es ganz gut aus. Wir konnten in den letzten Jahren sukzessive mehr Studenten für die Energietechnik gewinnen“, berichtete er. S. W. EDER

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Energie, Energierohstoffe, Klimaschutz, CO2-Handel, Drucker und Druckmaschinenbau, Medien, Quantentechnologien

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