Energie 25.04.2003, 18:24 Uhr

Müll im Kraftwerk senkt die Brennstoffrechnung

Die Betreiber von Kohlekraftwerken haben Reststoffe als Ersatzbrennstoff für Steinkohle entdeckt. Bei zwei Kraftwerken der RWE Power, Essen, kommt „Müll“ zum Einsatz, der Hagener Versorger Mark E plant ebenfalls, mit dem Verwerten von Ersatzbrennstoffen die Kosten für elektrische Energie zu senken.

Die Betreiber von Kohlekraftwerken haben Reststoffe als Ersatzbrennstoff für Steinkohle entdeckt. Bei zwei Kraftwerken der RWE Power, Essen, kommt „Müll“ zum Einsatz, der Hagener Versorger Mark E plant ebenfalls, mit dem Verwerten von Ersatzbrennstoffen die Kosten für elektrische Energie zu senken.
Zu Ostern legte RWE Power den Grundstein für das jüngste Projekt, bei dem Ersatzbrennstoffe die übliche Steinkohle ersetzen und somit die Stromerzeugung verbilligen. Im Gersteinwerk in Werne an der Lippe entstehen bis Ende des Jahres eine Halle für die Annahme von Reststoffen sowie eine geschlossene Förderanlage. Über sie sollen pro Jahr bis zu 200 000 t Ersatzbrennstoffe (EBS), die zuvor mit einem speziellen Sortierverfahren aus Siedlungs- und Gewerbeabfällen gewonnen werden, in die Kessel kommen und Steinkohle ersetzen.
„Für das Kraftwerk bedeutet das Mitverbrennen eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit“, erklärt Gerd Jäger, Vorstand von RWE Power. „Durch die Einsparung teurer Kraftwerkskohle gelingt es uns, die Erzeugungskosten zu senken und damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Arbeitsplätze an diesem Standort zu leisten.“ Über zwei Jahre lief bereits der Probebetrieb mit den Ersatzbrennstoffen, am 13. Januar gab die Bezirksregierung in Arnsberg die Dauergenehmigung. Befürchtungen, dass die Emissionen sich durch die EBS verschlechtern würden, haben sich laut RWE Power nicht bestätigt. Vielmehr würden die zulässigen Grenzwerte für den gesamten Standort nach unten gedrückt, erklärte das Unternehmen. Das hätten Gutachten ergeben.
Ein technisch sehr anspruchsvolles Verfahren zum Verwerten von Reststoffen betreibt RWE Power seit einigen Monaten im Kohlekraftwerk „Westfalen“ am Standort Hamm. Dort läuft die erste Anlage, bei der heizwertreiche Abfallstoffe nach dem Pyrolyse-Verfahren verwertet werden – ein europaweit bislang einmaliges Pilotprojekt, sagt Wolfgang Brunket, Vertriebsingenieur des Betreibers RWE Umwelt. Sein Unternehmen betreibt die Anlage gemeinsam mit der Schwestergesellschaft RWE Power.
RWE setzt auf die Pyrolyse(Verschwelungs)-Technik, die in Hamm in einer „ConTherm-Anlage“ eingesetzt wird. Ausgewählte heizwertreiche Abfälle werden in der Anlage unter Luftabschluss durch hohe Temperaturen chemisch zersetzt. Es entstehen Gas und Koks, die im Kohlekraftwerk-Block mit der üblicherweise eingesetzten Kraftwerkskohle Strom erzeugen. 100 000 t Abfälle darf RWE maximal in der ConTherm-Anlage im Jahr durchsetzen. Diese Menge erspart rund 60 000 t Kohle.
Vier heizwertreiche Stoffe werden in Hamm angeliefert – beispielsweise vorsortierte Gewerbeabfälle, die Leichtfraktionen aus mechanisch-biologischen Anlagen oder aber „Reste“ –also Fehlwürfe – aus der DSD-Sortierung. „Es gibt einen von Gutachtern geprüften exakten Katalog, welche Stoffe wir annehmen dürfen“, so Brunke. Die Abfälle werden nach der Eingangskontrolle auf eine Größe von weniger als 200 mm geschreddert und in einem Bunker gelagert. Aus diesem werden zwei Trommeln automatisch beschickt. Diese Trommeln beheizen die Techniker von außen mit Erdgas auf rund 700 °C. In den Konversionstrommeln zerfallen bei etwa 500 °C die Abfälle zu Gas und Koks. Das Gas wird über Rohrleitungen direkt in den Steinkohlekessel geblasen, wo es bei rund 1500 °C rückstandsfrei verbrennt. Aus dem Koks werden Metalle, Steine, Glas und Nichteisen-Metalle aussortiert und so Metalle und Granulat als Wertstoffe gewonnen. Dann wird der Koks mit der Kraftwerkskohle gemischt und im Kessel verbrannt.
Das Verfahren bietet laut RWE mehrere Vorteile. So liegt der Wirkungsgrad bei der Stromerzeugung etwa doppelt so hoch wie in einer Müllverbrennungsanlage, weil das Kraftwerk höhere Drücke und Temperaturen zur Energiegewinnung nutzt. Die Abfallstoffe werden also energetisch besser ausgenutzt. Mit der aufwendigen Rauchgasreinigung sei zudem eine möglichst „saubere“ Verbrennung garantiert.
Hintergrund für den Einsatz von Reststoffen unter den Kraftwerkskesseln ist, dass nach der Gesetzeslage im Jahr 2005 auf viele Entsorger Probleme zukommen: Dann dürfen keine unbehandelten Abfälle mehr billig auf Deponien abkippt werden, viele Deponien werden schließen. Um die Reststoffe dann verordnungsgerecht zu verwerten, müssen viele thermisch behandelt werden. Damit entsteht ein neuer Markt. Aus diesem Grund plant nun auch der Hagener Versorger Mark E, an seinem Kraftwerksstandort Elverlingsen eine ähnliche Verschwelungsanlage wie RWE Power im Kraftwerk Westfalen zu errichten.
MARTIN ROTHENBERG

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