Kernenergie 08.10.1999, 17:23 Uhr

Menschlicher Fehler beim Umfüllen löst nukleare Kettenreaktion aus

Erst nach 20 Stunden dramatischer Rettungsarbeiten konnte Japans Regierung Entwarnung geben. Der Ausnahmezustand in der „Atomstadt“ Tokaimura wurde aufgehoben. Mehr als 50 Menschen sind stark verstrahlt worden. Gegen die Verantwortlichen der Brennelementefabrik ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Wäre die Nachricht aus der Ukraine gekommen, dann hätte sich in Deutschland kaum jemand darüber gewundert. Doch der schwerste atomare Störfall seit Tschernobyl ereignete sich ausgerechnet im High-Tech-Land Japan. Eigentlich sollte es ein routinemäßiger Arbeitsschritt werden. Hochangereichertes Uran 235 mußte für die chemische Umwandlung zu verwertbarem Brennstoff umgefüllt werden. Im Prinzip ein alltäglicher Vorgang bei der Herstellung von Brennstoff für Atomkraftwerke. Doch anstatt wie vorgesehen nur maximal 2,3 kg, haben die beiden Arbeiter der Betreibergesellschaft JCO 16 kg flüssiges Uranhexafluorid in einen wassergekühlten Behälter mit Salpetersäure gefüllt.
Kleine Ursache, große Wirkung. Das Uran erreichte die kritische Masse, die zur Kernspaltung nötig ist, und setzte bei der ausgelösten unkontrollierten Kettenreaktion hohe Mengen Gamma- und Neutronenstrahlen frei. Nach Angaben der Regierung in Tokio trat durch ein Leck eine Strahlung aus, die 17 000mal höher als die Normwerte war. Ursprünglich waren die Behörden von einer 4000fach höheren Strahlendosis ausgegangen. Erst 20 Stunden nach dem Unfall konnte die außer Kontrolle geratene Kettenreaktion gestoppt werden.
Die Umgebung der Atomfabrik wurde erheblich verstrahlt. 50 Häuser, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Anlage stehen, wurden geräumt. Die übrigen Einwohner der Stadt, in der etwa 33 000 Menschen leben, wurden über Rundfunk, Fernsehen und Lautsprecher aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. Bilder wie aus einem apokalyptischen Film: Polizisten in Strahlenschutz-Anzügen sperrten Straßen Schulen, Kindergärten und Betriebe wurden vorsorglich geschlossen. Im Umkreis von 10 km um die Anlagen, so die amtliche Warnung 12 Stunden nach dem Nuklearunfall, sollten mehr als 300 000 Einwohner zu Hause bleiben – diese Aufforderung kam einer Ausgangssperre gleich.
Der Atomunfall wurde auf der bis sieben reichenden internationalen Meß-Skala Ines mit vier eingestuft und ist damit die drittschwerste Katastrophe überhaupt. Der Störfall Three Miles Island 1979 in den USA war mit fünf, die Katastrophe in Tschernobyl mit sieben bewertet worden.
In Tokaimura sind insgesamt 15 Atomfabriken in Betrieb. Eine davon ist die Produktionsanlage für die Herstellung von Uranbrennstoffen. Sie wird von der Firma JCO betrieben, die ein Tochterunternehmen des Konzerns Sumitomo Metal Mining ist.
„Was dort passiert ist, ist der schlimmste Atomunfall in der Geschichte Japans“, meint Roland Hipp, Energieexperte bei Greenpeace. Einen Tag nach der Katastrophe erklärte Japans Regierungssprecher Hiromu Nonaka, daß die politische Führung viel zu langsam und zu zögerlich auf die Vorgänge in Tokaimura reagiert habe. Für eine moderne Industrienation sei es beschämend, daß sich solch ein Unfall überhaupt habe ereignen können. Außerdem kritisierte Nonaka die Firma JCO, weil sie wohl keine ausreichenden Einsatzpläne für solche Notfälle habe. Der zentrale Vorwurf: Die JCO-Manager hätten in den vergangenen vier Jahren gesetzliche Vorschriften ignoriert, die Arbeiter seien schlecht ausgebildet.
MICHAEL FRANKEN
Im Brennelementewerk Tokaimura wurde am 30. September die unkontrollierte Kettenreaktion durch Fehlhandlungen zweier Arbeiter ausgelöst und erst nach 20 Stunden gestoppt.

  • Michael Franken

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