Photovoltaik 06.03.2009, 19:39 Uhr

Mehr Gehör für Ökolärmschutz  

Von Solarstromanlagen an Lärmschutzwänden hört man selten, obwohl das Erneuerbare-Energien-Gesetz hier dieselbe Vergütung vorsieht wie für Dachanlagen. Politik und Verwaltung ließen das Thema bisher meist links liegen. Doch einige Unternehmer und Behördenmitarbeiter versuchen nun die Kombination von Photovoltaik und Lärmschutz an Verkehrswegen voran bringen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 3. 09, mg

Markus Auerbach vom Referat Umweltschutz der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) hat eine Vision: Möglichst viele Lärmschutzwände schützen nicht nur vor Straßenkrach, sondern produzieren auch Solarstrom. Bei Investitionen in Lärmschutz an Bundesfernstraßen wird geprüft, inwieweit Photovoltaik (PV) integriert werden kann. Zur Vorfinanzierung von Mehrausgaben können die Straßenbaubehörden auf einen eigenen PV-Topf zurückgreifen, der durch Einnahmen aus dem eingespeisten Solarstrom wieder aufgefüllt wird.

Doch die Realität sieht anders aus: Die Zahl der PV-Anlagen entlang von Verkehrswegen lässt sich an zwei Händen ablesen. „Die Straßenbauverwaltung plant nur Straßen und Lärmschutzmaßnahmen. Die Photovoltaik ist außen vor, es gibt es auch kein Budget“, sagt Auerbach. Und das Bundesverkehrsministerium winkt ab: „Die Installation von Photovoltaik an Bundesfernstraßen ist keine Aufgabe des Bundes“, sagt Sprecher Richard Schild.

Dabei werden jährlich Hunderttausende von Quadratmetern Lärmschutzanlagen entlang von Verkehrswegen in Deutschland gebaut. Über 4 Mrd. € investierte die Straßenbauverwaltung seit 1978 in den Bau von über 3000 km Lärmschutzwänden an Autobahnen und Bundesstraßen. „80 % davon ließen sich technisch aufrüsten, um Solarstrom erzeugen zu können“, rechnet Thomas Nordmann von der Schweizer TNC Consulting vor. Auf 388 MW veranschlagte er schon 1999 im Rahmen einer EU-Studie das PV-Potenzial entlang deutscher Straßen und Schienen.

Bereits 1989 plante Nordmann die weltweit erste PV-Anlage an einer Lärmschutzwand entlang der Autobahn A 13 beim schweizerischen Donat/Ems in Graubünden. Umso mehr trifft es den Experten, dass sich beim solaren Schallschutz in Deutschland und anderen europäischen Ländern so wenig tut. Die wichtigste Ursache für den schlafenden Markt sieht er „in der sehr zögerlichen Haltung der öffentlichen Hand“, die fast immer Grundstückseigner und Bauherr für Lärmschutzanlagen an Straßen ist.

„Doch wenn engagierte Unternehmer aktiv werden und die Verwaltung mitzieht, kann etliches bewegt werden“, sagt Karsten Schäfer, Chefredakteur des Fachmagazins photovoltaik. Dies zeigt ein PV-Projekt an der A 94 beim südbayerischen Töging: Dort wurde Ende 2007 eine 1 MW starke Solarstromanlage auf einem Lärmschutzwall in Betrieb genommen.

Christian Wimmer, Inhaber eines Ingenieurbüros aus Garching, brachte das Projekt ins Rollen. Er überzeugte die südbayerische Autobahndirektion und brachte den Regensburger Projektierer Iliotech als Generalunternehmer und den Nürnberger Investor MR Solar mit ins Boot. In nur drei Wochen wurde die Solarstromanlage auf einer Länge von 260 m und einer Höhe von 26 m auf dem Erdwall montiert. Die Gesamtkosten des Projekts betrugen 5 Mio. €. Nun hofft Wimmer darauf, dass der zweite Bauabschnitt mit einer Leistung von 1,3 MW gut vorankommt.

Solarmodule erzeugen Strom auf beiden Seiten einer Lärmschutzwand

Eine andere Lösung wurde am Bahnhof im schweizerischen Münsingen gefunden: In eine 115 m lange Lärmschutzwand entlang den Gleisen sind bifaciale Solarmodule integriert. Sie erzeugen auf beiden Seiten Solarstrom und sind nach Osten und Westen ausgerichtet. „So können wir senkrechte Schallschutzwände in Nord-Süd-Richtung ohne Ertragsausfälle nutzen“, sagt Planer Thomas Nordmann. Betreiber ist die Gemeinde Münsingen, die Schweizerischen Bundesbahnen unterstützten das Projekt.

Die Deutsche Bahn winkt allerdings bei einer Kombination von PV und Schallschutz ab. „Zu kompliziert und zu teuer“, sagt Peter Westenberger, Leiter des Bahn-Umwelt-Zentrums.

Dafür versuchen Straßenplaner wie Markus Auerbach von der BASt, den solaren Schallschutz in Deutschland voranzubringen. Er initiierte die Erarbeitung eines Behördenleitfadens, der bei einem Seminar Mitte Mai in München erstmals Mitarbeitern der Straßenbauverwaltung vorgestellt wird. „Vor Ort weiß keiner so recht, wie er das Thema angehen soll, hier wollen wir weiterhelfen“, sagt Auerbach. H.-C. NEIDLEIN

Von H.-C. Neidlein
Von H.-C. Neidlein

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