Photovoltaik 13.08.1999, 17:22 Uhr

Licht an für den Sonnenstrom

Die riesigen Absatzpotentiale in den Entwicklungsländern erschließen.

Bei einem Anteil von unter 0,01 % an der weltweiten Stromerzeugung ermutigen sich Sonnenstrom-Experten gerne mit Zahlenspielen. Die sind durchaus beeindruckend. Prof. Jürgen Schmid vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel präsentierte vergangene Woche auf einem Solarenergiekongreß in Herne eine simple Hochrechnung. Grundlage sind Wachstumsraten der Photovoltaik von 20 % bis 30 % in den letzten Jahren. „Bei einer Steigerung von 20 % überschreitet die Photovoltaik im Jahre 2034 die weltweit installierte Leistung von Atomkraftwerken“, rechnet Schmid vor. Die liegt derzeit bei rund 370 GW. „Bei 30 % Wachstum würde dieser Wert bereits 2024 erreicht“. Dann kämen über 10 % des Stroms aus der Sonnenenergie.
Zumindest in Mitteleuropa geht das jedoch nur zu hohen Kosten von rund 1,50 DM/kWh Solarstrom. Völlig anders ist die Situation in den meisten Entwicklungsländern. Die Sonneneinstrahlung in den südlichen Ländern ist um etwa 70 % höher als in unseren Breiten, entsprechend billiger arbeiten die Anlagen. Noch wichtiger ist jedoch ein ganz anderer Punkt. In großen Teilen der Entwicklungsländer fehlen Netze, die den Strom vom Kraftwerk zum Verbraucher transportieren könnten. Da die Gebiete häufig gering besiedelt sind, finden sich auch keine Energieversorger, die die hohen Investitionen übernehmen würden.
„Wenn Sie weniger als 100 Haushalte pro Quadratkilometer zu versorgen haben, dann ist Photovoltaik die preiswerteste Lösung“, so Dr. Heinz Ossenbrink, Leiter des europäischen Forschungszentrums für Photovoltaik in Ispra, „sogar billiger als die kleinen, dezentralen Dieselanlagen“. Und Dr. Wolfgang Palz, bei der EU-Kommission zuständig für Energie-Kooperationen mit Entwicklungsländern, faßt zusammen: „Die Photovoltaik rechnet sich für rund 2 Milliarden Menschen, die bislang ohne Strom sind.“
Ein Zukunftsmarkt mit Tücken. Denn charakteristisch für die Photovoltaik sind hohe Investitionskosten bei geringen Betriebskosten. „Wenn wir in den armen Ländern Sonnenstromanlagen verkaufen wollen, müssen wir die Finanzierungsidee gleich mitbringen“, sagt Dr. Fritjhof Kublik, Bereichsleiter Regenerative Energien bei der Shell AG. Shell eifert seit gut 2 Jahren dem Mineralölkonzern BP nach und investiert Millionen in die Sonnentechnik. Derzeit versucht der Ölriese, in Afrika „Solar-Home-Systeme“ zu vermarkten: kleine Photovoltaikanlagen, die Energie für 4 Lampen, einen Fenseher und ein Radio liefern. Normalerweise kostet ein Solar-Home-System ungefähr 1000 DM – für viele Afrikaner absolut unerschwinglich.
Shell erfand eine Art Strom-Leasing, das im März in Südafrika startete: „Der Kunde bezahlt seine monatliche Stromrechnung von 10 bis 15 DM im voraus“, erklärt Kublik. „Das ist etwa soviel, wie die Menschen dort sonst für Kerzen, Öl und Batterien ausgeben“. Statt dessen bekommen sie nun von Shell eine Karte, mit der sie ihre Photovoltaik-Anlage jeden Monat freischalten. Das unkonventionelle Programm komme in Südafrika gut an, so der Wirtschaftsingenieur. Für die Zukunft sind die Pläne ehrgeizig: In den nächsten 2 Jahren will der Konzern 50 000 Solar-Home-Anlagen installieren. Ein wichtiger Absatzmarkt auch für das derzeit in Gelsenkirchen entstehende, bislang weltgrößte Solarzellenwerk. Dort will Shell ab November Solarzellen mit insgesamt 25 MW im Jahr produzieren.
Investitionen in die Photovoltaik liegen im Trend. Während 1998 noch die Firmen Siemens Solar, BP Solar, Solarex und Kyocera über 50 % der Solarzellen produzierten, ziehen zur Zeit andere Unternehmen massiv nach. Allein die Kapazität des neuen Shell-Werks in Gelsenkirchen (25 MW) macht rund ein Fünftel der derzeitigen Weltjahresproduktion aus. Um 13 MW stockt gerade die Firma ASE ihre Produktion im bayrischen Alzenau auf. Damit rückt Deutschland neben die USA und Japan an die Weltspitze der Photovoltaikproduktion.
Auch beim Absatz liegen diese drei Länder vorn. Nach den Erhebungen der Internationalen Energie Agentur (IEA) entfielen auf sie Ende 1997 allein 71 % der 303 MW Gesamtleistung, die in den IEA-Ländern – vor allem Industrienationen – installiert war. Bezogen auf die neu installierte Leistung erreichten sie sogar 83 %. Dabei zeigen sich deutlich die Erfolge des japanischen 70 000-Dächer-Programms: Von 1996 bis 1997 verdoppelten die Japaner die neu installierte PV-Leistung, mit 24 MW lagen sie 1997 deutlich vor den US-Amerikanern mit 16 MW und den Deutschen mit 14 MW. Aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage wird das japanische Förderprogramm jedoch zur Zeit nur schlecht genutzt. Auch das neue 100 000-Dächer-Programm der Bundesregierung, das Anfang 1999 anlief, hat bislang noch nicht die erhoffte Nachfrage. Bei vollständiger Ausschöpfung würden dadurch dieses Jahr 18 MW installiert, im Jahr 2004, dem letzten Jahr der Förderung, sogar 96 MW.

Chancen für netzferne Anlagen in Entwicklungsländern

Obwohl Solarstromanlagen bislang überwiegend in den Industrienationen verkauft werden, gelten netzferne Anwendungen in den Entwicklungsländern als das wichtigste und größte Einsatzgebiet. „Die Bemühungen von Politik und Wirtschaft, diese zu erschließen, stehen allerdings noch ganz am Anfang“, meint der EU-Experte Palz. Zu den wenigen größeren Förder-Projekten gehört ein Programm der europäischen Kommission, in dem bis 1998 in den Ländern der Sahelzone 650 solarbetriebende Trinkwasserpumpen installiert wurden. Sie versorgen nun 1,2 Mio. Menschen mit sauberem Wasser. Insgesamt, so Palz, haben die erneuerbaren Energien jedoch bei den Entwicklungsaktivitäten der EU und ähnlich bei anderen Geldgebern nur eine geringe Priorität.
Um so wichtiger sei es, daß Firmen Exporthilfe von der Bundesregierung erhalten, forderte auf dem Kongreß Hermann Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter und Präsident der europäischen Sonnenenergievereinigung Eurosolar. Vorbild seien die USA, wo es einen Exportausschuß für regenerative Energien gebe. Gespräche über die Einrichtung eines entsprechenden Ausschusses würden derzeit mit dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit geführt.
FROMUT POTT
An einem Dorfbrunnen im Senegal, 250 km vom Atlantik entfernt, fördern mit Solarmodulen betriebene Pumpen das Grundwasser.
In abgelegenen und vom Stromnetz fernen Regionen spielt Sonnenenergie ihre Stärken aus. SauberesTrinkwasser für ein indisches Dorf wird hier mit einem photovoltaischen Pumpensystem bereitgestellt.

Von Fromut Pott
Von Fromut Pott

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