Erdgas 10.08.2007, 19:29 Uhr

Konzerne investieren Milliarden in der Arktis  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 10. 8. 07, mg – Unter dem nordpolaren Meer lagern gewaltige Erdgasvorkommen, deren kostspielige Erschließung angesichts des hohen Preisniveaus lohnt. Konzerne und Nationen stecken ihre Claims ab, nicht ohne politische Auseinandersetzungen um die Energieschätze in Kauf zu nehmen.

Goldgräberstimmung in der Arktis. Auf 3,4 bis 4 Billionen m3 Erdgas werden die Vorräte des „Schtokman“-Felds geschätzt. Das in der Barentssee, 360 km vor Murmansk liegende Vorkommen ist eines der größten weltweit. Seine Vorräte reichen, um Deutschland 30 bis 40 Jahre mit Gas zu versorgen.

Das reiche Gasreservat gehört Russland, genauer dem russischen Energiekonzern Gazprom. Der präsentierte kürzlich nach langem politischen Poker den Partner, mit dessen technologischer Unterstützung das gewaltige Gasfeld nördlich des Polarkreises erschlossen werden soll: den französischen Ölkonzern Total. Wie Total-Chef Christophe de Margerie ankündigte, will das Unternehmen 4 Mrd. $ bis 5 Mrd. $ in die Erschließung investieren. Ab 2013 soll mit der Förderung begonnen werden. Ein Teil des Gases soll dann über die mit E.on-Ruhrgas und der BASF-Tochter Wintershall geplante Ostseepipeline nach Westeuropa fließen. Zunächst sollen 23,7 Mrd. m3 Gas pro Jahr gefördert werden.

Die mit Total getroffene Vereinbarung sieht vor, dass das französische Unternehmen 25 % der Anteile an dem Feld erhält, Gazprom behält 75 %. Mit dem Deal hat Total vier potente Mitbewerber ausgestochen. Außer den beiden norwegischen Energiekonzernen Norsk Hydro und Statoil standen bei Gazprom ursprünglich auch die US-Konzerne Chevron und ConocoPhilips auf der Liste potenzieller Partner.

Dass ein europäisches Unternehmen das Rennen gemacht hat, führen Beobachter auf die anhaltenden politischen Spannungen zwischen Russland und den USA zurück. Zudem stärkt Russland damit seine Chancen auf einen direkten Marktzugang in die EU. An die Adresse richtete Russlands Präsident Putin bereits im Vorfeld der Gazprom-Entscheidung seine Botschaft, als er beim Treffen mit den Regierungschefs Frankreichs und Deutschlands im Oktober vorigen Jahres überraschend ankündigte, das Gas aus dem „Schtokman“-Feld sei für Europa vorgesehen: „Es wird eine absolut stabile Lage in Europas Wirtschaft und Energiepolitik herstellen, besonders in Deutschland.“

Ursprünglich hatte Gazprom die USA als Hauptabnehmer im Auge. Dorthin sollte das Gas verflüssigt per Schiff gelangen. Geplant war die Einbeziehung einer Versuchsanlage zur Gasverflüssigung, welche Statoil und der deutsche Kältegasspezialist Linde vor Hammerfest betreiben. Gazprom ist auf einen in der Offshore-Erschließung und -Förderung erfahrenen Partner angewiesen. Die Ausbeutung des „Schtokman“-Feldes ist schwierig. Die stürmische Barentssee ist an der Stelle 350 m tief und friert zudem oft im Jahr zu.

Gazprom hat sich deshalb die Option offen behalten, einen weiteren Teilhaber an dem Projekt zu suchen. Dieser kann bis 24 % der Anteile bekommen, da die Russen die Mehrheit behalten wollen. Die in der arktischen Förderung erfahrenen norwegischen Unternehmen hegen die Hoffnung, doch noch zum Zuge zu kommen.

Norwegen fördert bereits große Mengen Erdgas in der Barentssee. Zu den mit modernster Technik erschlossenen Gasfeldern gehört „Snohvit“, 140 km vor Hammerfest. Es ist Teil einer Serie von reichen Erdgasfeldern in der nördlichen Barentssee und liegt nicht weit vom „Schtokman“-Feld der Russen entfernt. Um an die geschätzten 1,9 Mrd. m3 Gas zu kommen, hat der norwegische Energiekonzern Statoil rund 7 Mrd. € investiert. Zu sehen ist davon zunächst nichts es gibt keine Bohrinseln im Meer. Das Gas wird direkt über dem gut 300 m tiefen Meeresgrund abgepumpt und via Pipeline bis nach Hammerfest transportiert. Verarbeitet wird es in der größten Flüssiggasanlage Europas auf einer Insel vor dem Polarstädtchen. Von dort geht das verflüssigte Erdgas per Schiff nach Nordamerika.

Auch die Amerikaner interessieren sich für die in der Arktis schlummernden Gasreserven. Nach Untersuchungen des US-geologischen Dienstes wartet im hohen Norden rund ein Viertel der weltweiten Erdgasreserven auf die Erschließung. Gemeinsam mit Statoil und dem britischen Ölkonzern BP will die USA die Erkundung der Vorhaben in Angriff nehmen.

Um die Schätze in der Arktis bahnen sich bereits internationale Konflikte an. Zwar können die Anrainerstaaten einen 200 Seemeilen breiten Streifen vor ihrer Küsten als Staatsgebiet beanspruchen. Doch was Küste ist, das definieren manche Regierungen mit spitzfindiger Finesse. So erhebt Russland Anspruch auf die Hälfte des arktischen Meeres. Begründet wird das mit einem Passus im „Kleingedruckten“ internationaler Verträge. Danach wird auch der Festlandsockel unter dem Wasserspiegel zur Küste gerechnet. Die Argumentation machen sich nun auch andere Staaten zu nutze. Kanada und Dänemark planen bereits eine gemeinsame Vermessungsexpedition in die Arktis, freilich um eigene Ansprüche zu sichern. SILVIA VON DER WEIDEN

Arktisches Erdgas soll nach Europa gelangen

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