Energie 02.05.2008, 19:34 Uhr

Kleine laotische Energie-Revolution  

VDI nachrichten, Nam Kha, 2. 5. 08, rb – Laos hat ein riesiges Potenzial an erneuerbaren Energien und nutzt es bislang kaum. Die Regierung plant große Wasserkraftwerke. Dass sich auch mit Dorfelektrifizierung Geld verdienen lässt, beweist ein deutscher Unternehmer.

Hinter der Biegung, viele staubige Kilometer von der Nationalstraße entfernt, steht plötzlich ein Strommast am Wegesrand. Er ist im bergigen Norden des südostasiatischen Laos so rar wie Oasen in der Wüste. Doch keine Fata Morgana führt hier in die Irre. Der Mast riecht nach Harz, das schwarze Kabel glänzt.

Den Anfang nimmt die Leitung in einem engen Tal. Hier haben sie ein Staubecken in den Berg gesprengt. Von dort fallen 200 l Wasser pro Sekunde ein 11 m langes Rohr hinab in eine Turbine. Von dem kleinen Kraftwerk führt eine Stromleitung den Berg herauf, entlang der Straße bis nach Nam Kha – ein typisch laotisches Dorf wie tausend andere auch.

Einige Dutzend Familien siedeln zwischen Hügeln und Bergspitzen. Auf grünen Wiesen grasen Wasserbüffel und Kühe, Frauen harken kleine Gemüsebeete. Mitten im Ort verzweigt sich die Stromleitung wie Äste eines Baumes. Ein Kabel endet an jedem Haus. Jetzt in der Abenddämmerung werfen Glühbirnen nacktes Licht in die zunehmende Dunkelheit.

Einige Männer sitzen bei Sing Sun, dem örtlichen Kioskbesitzer, sie schwatzen und lachen. Vor ihnen steht kaltes Bier, das Sing Sun aus seinem neuen Kühlschrank reicht. Kühles Bier ist für die Männer purer Luxus. Früher tranken sie es warm und wenn sie zusammen saßen, dann am Feuer oder bei Kerzenschein. Nun haben die 600 Einwohner Strom – für Licht, Reiskocher und Fernseher, für Reismühlen, Sägen und Eismaschinen.

Wirklich ungewöhnlich aber ist: Den Strom liefert nicht der staatliche Monopolist Electricité de Laos (EdL), sondern ein privates Unternehmen. Das kommt im streng sozialistischen Laos einer Revolution gleich.

Einer der „Revolutionäre“ trägt Mütze, Jeansjacke und ein schwarzes Hemd. Andy Schröter spricht laotisch schneller als seine deutsche Muttersprache und genießt, zusammen mit den Dorfbewohnern, das abendliche Bier. 1996 ist er nach Laos gekommen, hat für eine deutsche Entwicklungsorganisation gearbeitet und dann im August 2001 seine Firma Sunlabob gegründet, die seitdem erneuerbare Energiesysteme vertreibt.

Andy Schröter gleicht eher einem vor Ideen sprühenden Tüftler denn einem Kapitalisten. Der hagere Deutsche ist jedoch Unternehmer genug, das Machbare nicht aus den Augen zu verlieren. Mit erneuerbaren Energiesystemen Geld zu verdienen, ist nicht einfach in einem Land, das seine Investitionen vornehmlich aus Entwicklungsgeldern tätigt und dessen Bewohner selten Geld genug haben, sich etwa ein kleines Solar-Panel (Solar-Home-System) für ihre Hütte kaufen zu können.

Sunlabob liefert deshalb nicht nur an Entwicklungshilfeorganisationen, sondern vermietet seine regenerativen Energieanlagen auch an inzwischen rund 3000 private Nutzer. Dass dieses Mietmodell funktioniert, verdankt Schröter einem Franchise-System, das er in den vergangenen sechs Jahren aufgebaut hat. Die Franchise-Partner, allesamt von Sunlabob ausgebildete Laoten, leben, wo auch ihre Kunden leben. Sie verkaufen oder vermieten Anlagen, warten und reparieren diese, weil sie am Umsatz beteiligt sind.

„Funktioniert die Anlage nicht, verdienen sie kein Geld“, erklärt Schröter. Das ökonomische Eigeninteresse bilde die beste Gewähr, dass die Anlagen regelmäßig gewartet würden.

Bei Sunlabob muss ein Nutzer für eine 20-W-Anlage samt Wechselrichter und Batterie 35 000 Kip, rund 2,80 €, monatlich bezahlen. Das ist viel in einem Land, in dem jeder Dritte gerade mal 1 € am Tag zur Verfügung hat.

Die Stromversorgung kleiner Kommunen soll ein weiteres Geschäftsfeld seines 34-Mann-Betriebs werden. Dazu kooperiert Sunlabob in Nam Kha mit dem Schweizer Unternehmen Entec, spezialisiert auf die Planung und Errichtung von Kleinwasserkraftanlagen, sowie mit Helvetas.

Die Schweizer Entwicklungsorganisation trägt in Nam Kha die Kosten für die fixe Infrastruktur, also das Stromnetz und die Renovierung des Staubeckens sowie die Schulung der Dorfbewohner. Entec und Sunlabob finanzieren alle variablen Elemente. Dazu zählt die 12-kW-Durchströmturbine, die 2 kW starke Photovoltaikanlage, ein Generator sowie ein Dieselaggregat. Eine von Entec entwickelte Software steuert alle drei Energiequellen und ruft automatisch die billigste ab. Erst bei Spitzenlast und während der dreimonatigen Trockenzeit springt das Dieselaggregat an.

Während Sunlabob und Entec mit der Stromversorgung Geld verdienen wollen, zielt Helvetas auf die Bekämpfung der Armut. Gegensätzlicher könnten die Interessen also gar nicht sein. „Um die Armut lindern zu können, müssen wir die wirtschaftliche Entwicklung fördern“, widerspricht Ruedi Lüthi von Helvetas. „Das geht nicht ohne Energie.“

Elektrizität als Initialfunken für Entwicklung – in Nam Kha gibt es dafür viele Beispiele. Da ist Kioskbesitzer Sing Sun, der in einen Kühlschrank samt Gefriertruhe investierte. Darin lagert Fisch und Fleisch. „Ich verkaufe es, wenn unser Teich leer ist und keiner gerade schlachtet“, sagt der 33-Jährige. Kalte Getränke sind schon heute der Renner. Zwei Hütten weiter wohnt Vang Loyang. Er will eine Säge kaufen und damit Möbel produzieren. Sing Lor wiederum betreibt am Ende des Dorfes seine neue Reismühle inzwischen mit Strom statt Diesel.

Je mehr Strom die Dorfbewohner verbrauchen, desto besser für die Stromanbieter. Die betreten in Nam Kha Neuland. Denn sie liefern nicht nur die Anlage, sondern verkaufen den Strom in eigener Rechnung. „Das ist in der ländlichen Energieversorgung weltweit einmalig“, glaubt Schröder.

Für die Dorfbewohner hat das Modell Vorteile, erklärt Ruedi Lüthi von Helvetas. „Stromnetz wie Staubecken bleiben im Besitz der Kommune. Außerdem bezahlen die Bewohner ausschließlich für die gelieferte Strommenge. Daraus erwächst für den Anbieter ein notwendiger Druck. „Wir verdienen nur, wenn wir rund um die Uhr Strom liefern“, erklärt Andy Schröter. Das erfordert eine regelmäßige wie gründliche Wartung.

Gerade an diesem Punkt scheitern die meisten Projekte der ländlichen Elektrifizierung. Viele Solar-Home-Systeme, Biogasanlagen oder auch Wasserturbinen liegen wegen schlechter Wartung und fehlenden Ersatzteilen nach wenigen Jahren brach. Das privat-öffentliche Modellprojekt Nam Kha soll zeigen, dass es anders geht.

Ein solches Exempel wird dringend benötigt. Denn 41 % der rund 6 Mio. Laoten, so das Lao National Committee for Energy, sind noch immer nicht ans Stromnetz angeschlossen. Bis 2020 will die Regierung neun von zehn Laoten mit Strom versorgen. Die Elektrifizierung ist jedoch in einem dünn besiedelten, so schlecht erschlossenen und bergigen Land wie Laos teuer.

Dass auf dem Land so wenige Menschen ans Stromnetz angeschlossen sind, hat nicht nur geographische, sondern auch hausgemachte Gründe. Eine Ursache ist paradoxerweise der günstige Strompreis. Dadurch verdient die staatliche EdL nicht genügend Geld, um den Ausbau zu finanzieren. Gleichzeitig schreckt er private Geldgeber ab, um die das sozialistische Laos längst zu buhlen begonnen hat.

Die schlechten Ausgangsbedingungen eröffnen Chancen für mutige Unternehmen à la Entec und Sunlabob. Die Erfahrungen der ersten Monate stimmen Andy Schröter optimistisch. „Die Leute verbrauchen mehr Strom, als wir erwartet haben, und sie bezahlen pünktlich“, sagt der Deutsche.

Inzwischen haben Helvetas, Entec und Sunlabob drei weitere Projekte angeschoben. Eins davon – Nam Kha II – liegt weiter unten im Tal und fußt ebenfalls auf einem Energiemix aus Wasser, Sonne und (Bio-)Diesel. Nam Kha II soll einmal sechs Gemeinden mit insgesamt 550 Familien mit Strom beliefern und zusammen mit Nam Kha I ein regionales Stromnetz bilden.

Der Anfang also ist gemacht. Sollten die Erfahrungen positiv bleiben, dann könnte die lokale Revolution bald Nachahmer finden. Strommasten dürften dann selbst in den laotischen Bergen so normal sein wie Sand auf einer Wüstenpiste. M. NETZHAMMER

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